BÜCHERBÖRSE

Ein Klassiker oder einfach nur alt? Der Schimmelreiter - Theodor Storm

Original-Verlagseinband des Erstdrucks (c) Foto H.-P.Haack
Original-Verlagseinband des Erstdrucks

UNIMAG testet für euch die sogenannten Klassiker der Weltliteratur und überprüft, ob es sich überhaupt noch lohnt, sie heute zu lesen. Dieses Mal wird Der Schimmelreiter von Theodor Storm vom Staub befreit.

Der typische verschachtelte Aufbau der Novelle mag auf den ersten Blick zwar etwas abschreckend wirken. Aber spätestens wenn in der zweiten Rahmenhandlung der Geschichte ein Reiter durch den Sturm begleitet wird, fesselt einen die Geschichte. Man spürt den kalten Wind, man hört die Wellen, die hart an das Ufer der Deiche klatschen und man fühlt die Freude des Reiters, als er das beleuchtete Wirtshaus im Sturm erblickt.

Die eigentliche Binnenerzählung lässt Theodor Storm den Schulmeister des Dorfs erzählen. Durch diesen Kniff bekommt die Geschichte zusätzlich Authentizität und man bekommt das Gefühl, ein weiterer Zuhörer des Schulmeisters zu sein und somit wird man selbst Teil der Geschichte.

Der Schulmeister erzählt die Geschichte des Hauke Haien. Ein intelligenter Junge, der sich selbst weiterbildet und durch seine zielstrebige Art und eine geschickte Hochzeit zum Deichgrafen wird. Als Deichgraf kann er seine mathematischen Talente dazu nützen, einen noch nie dagewesenen Deich zu bauen. Bei der abergläubischen Bevölkerung stößt er auf Argwohn, weil sie seinen Fortschritt nicht verstehen. Und dass er hoch oben auf einem Schimmel umherreitet, trägt bestimmt nicht zu seiner Beliebtheit bei.

Das Gespensterpferd

Der Schimmel selbst hat eine mystische Bedeutung. Hauke Haien kauft ihn völlig abgemagert und päppelt ihn auf. Die Dorfbewohner halten den Schimmel für ein Gespensterpferd, manche halten ihn sogar für das Pferd des Teufels. Selbst in der zweiten Rahmenhandlung der Novelle wird auf das gespenstische Wesen eingegangen. Hier wird das Erscheinen des Schimmelreiters als Omen für einen folgenschweren Dammbruch gesehen.

Die Landschaftsbeschreibung wirkt wie beiläufig und ist trotzdem sehr detailliert. Keine seitenlangen Beschreibungen (die würden den Rahmen der Novelle ohnehin sprengen) langweilen den Leser, sondern sinnliche Schilderungen ziehen ihn den Bann der Geschichte. Man sieht die Weiten des Meeres vor sich, schmeckt das Salz in der Meeresluft, spürt die schaumigen Wellen die Füße umspülen und hört den Sturm am Deich rütteln.

Definitive Leseempfehlung

Obwohl Der Schimmelreiter bereits 1888 erschienen ist, ist es aus heutiger Sicht immer noch ein hervorragendes Buch. Eine mitreißende Geschichte, die den Kampf eines jungen Mannes um Verständnis in einer von Aberglaube und Starrsinn beherrschten Welt zeigt. Dabei so spannend erzählt, nicht zuletzt durch die Novellenstruktur, dass man gar nicht aufhören will zu lesen.

Der Schimmelreiter von Theodor Storm hat den UNIMAG-Klassiker-Test bestanden.

Ein weiterer Pluspunkt für Klassiker: Die meisten gibt’s als Gratis E-Book.

 

Birgit Mühl

Birgit Mühl | Redakteurin Feuilleton & Studentenleben

studiert Vergleichende Literaturwissenschaft und Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

ist heillose Optimistin

liebt Beistriche und hasst den Ausdruck "Grammar-Nazi"

birgit.muehl (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook