BÜCHERBÖRSE

„Vatileaks“, die Zweite.

buchumschlag c chiarelettereMit seinem neuen Buch „Sua Santitá“ („Seine Heiligkeit“) löste Gianluigi Nuzzi in Italien und darüber hinaus einen Skandal aus: Dutzende geheime und streng vertrauliche Dokumente aus dem Vatikan wurden dem Journalisten zugespielt und bringen die katholische Kirche arg in Bedrängnis.

Hinter dem Code-Namen „Maria“ verbirgt sich die geheime Hauptquelle, die Nuzzi zahlreiche Dokumente aus dem Inneren des Vatikan zusandte und die Grundlage für das Buch, das es auch bald in deutscher Sprache geben wird, darstellt. Paolo Gabriele, langjähriger Kammerdiener des Papstes, soll die höchst brisanten Dokumente an Nuzzi weitergeleitet haben. Gabriele selbst sitzt seit Wochen in einer Gefängniszelle im Vatikan und stellt sich den vatikanischen Behörden, die mittlerweile gegen weitere drei Personen ermitteln.

2009 erschien unter dem Titel „Vaticano S.p.A.“ („Vatikan AG“, 2010 bei Ecowin Verlag, Salzburg) Nuzzi's Erstlingswerk. Darin beschreibt er die Finanzskandale innerhalb der Vatikanbank IOR, die er mit Hilfe des umfangreichen Archivmaterials mit Dokumenten von Monsignore Renato Dardozzi in einem Buch zusammentrug. Dardozzi selbst nahm an geheimen Sitzungen der päpstlichen Mitarbeiter teil und war bis Ende der neunziger Jahre einer der wichtigsten Mitarbeiter des IOR. Der Anfang Juni entlassene Chef der Vatikanbank IOR Ettore Gotti Tedeschi wird mittlerweile ebenfalls von der Staatsanwaltschaft befragt, die wegen mutmaßlicher Geldwäsche ermitteln.

In „Sua Santitá“ bringt Nuzzi die Briefe von Dino Boffo, dem ehemaligen Herausgeber der katholischen Zeitung „Avvenire“, Dokumente von Erzbischof Carlo Maria Viganò, der gegen Korruption vorging und auf einmal nach Washington versetzt wurde, private Spenden (einschließlich derer von Bruno Vespa), den Fall von Ruby und Berlusconi, Dokumente über die Legionäre Christi und Fälle von Pädophilie aus der ganzen Welt. Auch bisher unbekannte Dokumente über Tarcisio Bertone, die Nummer Zwei hinter dem Papst und auch Georg Gänswein, Privatsekretär und damit engster Vertrauter des Papstes, bringen den heiligen Schein des Vatikans in ein finsteres Licht.

gianluigi-nuzzi c massimo-prizzonNuzzi gelingt es auf außerordentlicher Art und Weise, die Fäden der Geschichte zu lesen und zu verknüpfen, Kapitel für Kapitel liest sich das Buch wie ein Thriller. Der Vatikan-Enthüller stand uns Rede und Antwort.

Die katholische Kirche hat derzeit viele Probleme. Was könnte sich mit Ihrem Buch ändern?
Informationen sind das Salz der Demokratie, das Wissen beschleunigt die Prozesse des Wandels. Ich glaube, dass dieses Buch allen Menschen dahingehend dienlich ist, Dinge zu erfahren, die ihrer Meinung nach unmöglich erscheinen. Was sich aber im Speziellen ändern wird, weiß ich nicht. Es ist sicherlich eine noch nie da gewesenen Tatsache und lässt Erwartungen sinken. Vielleicht nähert sich dadurch der Vatikan an die Kirche und somit an alle Gläubigen.

Um was handelt es sich bei den Dokumenten?
Es handelt sich hauptsächlich um Verschwörungsdokumente und Geschäftsgeheimnisse innerhalb der Vatikanischen Mauern. Auch Skandale und Anmerkungen, wie beispielsweise über die Legionäre Christi, sind in diesen Dokumenten nachlesbar.

Mit welcher Motivation haben Sie beschlossen, dieses Buch zu schreiben?
Nur eine: Ich mache meine Arbeit – die des Reporters und des Chronisten – und das, wie ich es schon seit 25 Jahren mache.

Wie wurde das Buch in Italien und in ihrem sozialen Umfeld aufgenommen?
Die Leute halten mich auf der Straße auf um sich zu bedanken und um mich zu unterstützen. Ich  glaube, dass die ehrliche und korrekte Information von allen akzeptiert wird. Auch meine Freunde und Familie unterstützen mein Vorhaben. Ich bin und bleibe Journalist und will kein Held oder eine Figur werden.

Gab es Schwierigkeiten während des Schreibens?
Eigentlich nicht, vielleicht aber die emotionale Erregung des Eintretens in absolute Geheimnisse.

Was waren Ihrer Meinung nach die kontroversesten Fälle?
Ganz eindeutig die Verschwörungen, wie beispielsweise jene gegen Monsignore Carlo Maria Viganò, der Verwalter des Vatikans, der zunächst die Kosten für die Krippe am Petersplatz in Rom von 550.000 auf 300.000 Euro kürzte, dann plötzlich in die USA versetzt wurde. Oder die Geschichte eines Autos mit dem Kfz-Kennzeichen des Vatikans, das mit Kugeln durchsiebt gefunden wurde...

Bereuen Sie es, dieses Buch jemals veröffentlicht zu haben?
Niemals. Im Gegenteil, ich bin stolz darauf. Das Weitergeben von Nachrichten und Informationen ist meine Pflicht. Zudem hat dies globale Bedeutung der Erklärung von unbekannten Tatbeständen.

Lukas Fischnaller

Mag. Lukas Fischnaller | Chefredakteur
Twitter: @lukfis1

Kontakt: lukas.fischnaller(ät)unimag.at

Webseite: www.unimag.at
 

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