BÜCHERBÖRSE

Ein zauberhafter Roman über die Frage, was eine Familie ausmacht

Ein Lied für meine Tochter BILD: BASTEI LÜBBE VERLAG
Ein Lied für meine Tochter

Zoe hat es nicht leicht: nach etlichen gescheiterten Schwangerschaftsversuchen findet auch dieser kein gutes Ende. Nach einer Todgeburt ist sie nicht nur psychisch am Ende ihrer Kräfte, sondern sieht sich auch vor den Trümmern ihrer Ehe wieder.

Als Musiktherapeutin steht Zoe Tag für Tag Menschen in schwierigen Situationen bei. Ihre Musik hilft kranken Patienten, für eine kurze Zeit die Schmerzen zu lindern und spendet Trost. Ihr selbst hilft die Musik die etlichen, künstlichen Befruchtungen über sich ergehen zu lassen, um sich ihren sehnlichsten Wunsch auf ein Kind zu erfüllen. Und endlich, nach einigen gescheiterten Versuchen und tragischen Fehlgeburten scheinen sich die Bemühungen von ihr und ihrem Ehemann Max auszuzahlen:  Zoe wird wieder schwanger. Diesmal verläuft die Schwangerschaft mühelos, beide könnten kaum glücklicher sein.

Doch das Leben zieht einen Strich durch die Rechnung: ausgerechnet auf ihrer eigenen Babyparty kommt es zu Komplikationen und Zoe verliert in der Nacht auch dieses Kind. Aber auch in ihrer Verzweiflung hält sie an ihrem Wunsch fest: sie will es erneut versuchen. Noch kann sie noch einmal schwanger werden. Doch diesmal zieht Max den Schlussstrich und verlässt Zoe, die in ihrer Trauer kaum noch weiter weiß.

Ergreifend und gefühlvoll

Wie üblich kreiert Jodi Picoult einen Anfang, der einen direkt in die Thematik eintauchen lässt und nahe geht. Doch dann verläuft die Geschichte ganz anders, als man es erwartet hätte.

Durch erzählerischen Perspektivenwechsel erfährt der Leser von Max Seite der Geschichte, die Trauer um das ungeborene Baby und die Resignation vor weiteren, lieblosen Bemühungen um ein Kind. Er findet seinen Trost im Alkoholismus, den er vor etlichen Jahren schon einmal besiegen musste. Sein Absturz endet bei seinem erfolgreichen, streng gläubig lebendem Bruder und dessen Frau. Diese müssen dabei zusehen, wie Max sich von einer Katastrophe in die nächste stürzt und schließlich bei einem selbstverursachten Unfall nur knapp dem Tod entrinnt. Und schließlich seine Erlösung im Glauben Gottes findet.

Währenddessen hadert Zoe mit ihrem eigenen Schicksal. Kurz nach der Trennung wird bei ihr Gebärmutterkrebs diagnostiziert und nach einer Operation kann sie keine Kinder mehr bekommen. An diesem Wendepunkt in ihrem Leben, findet sie nur noch Zuflucht in einer neuen Freundin, Vanessa. Aus einer flüchtigen Bekanntschaft wird nach und nach eine innige Freundschaft, in der Vanessa ihr mit viel Mut und Stärke zur Seite steht. Zum ersten Mal seit langem erfreut sich Zoe wieder an den schönen Seiten des Lebens. Dass Vanessa lesbisch ist, wird dabei nie ein Thema.

Doch schnell entwickelt sich aus der Freundschaft zwischen den beiden mehr und Zoe muss erkennen, dass die Gefühle gegenüber Vanessa tiefer sind, als sie sich erst eingestehen wollte. So überraschend es für sie ist, so schnell wird ihr aber auch klar, dass sie dagegen machtlos ist.

„Wenn dich jemand liebt, wird er dich nicht verletzen“

Die Liebe zwischen den beiden ist echt, innig und intensiv. Es wird geheiratet und irgendwann stellt sich die Frage, was mit den übrigen eingefrorenen, befruchteten Embryonen von Max und Zoe passieren soll. Da Vanessa durchaus noch Kinder bekommen kann, schöpft Zoe die Hoffnung, doch noch ein mit ihr verwandtes Baby mit der Frau, die sie liebt, zu bekommen. Sie bittet Max um sein Einverständnis, die Embryonen verwenden zu dürfen.

Doch Max steht der Glaube im Weg. Da seine Exfrau nun „den Weg der Sünde“ entlang wandelt, scheint sie nicht mehr die geeignete Mutter für seine Kinder zu sein. Stattdessen beschließt er, seinem Bruder und dessen Frau Liddy die Embryonen zu geben, da die beiden ebenfalls keine Kinder bekommen können. Es kommt wie es kommen muss: der Streit führt vor ein Gericht.

Ein wenig überraschendes Ende in einem sehr überraschenden Buch

Wie der Fall endet, ist im Endeffekt nicht von brisanter Relevanz. Wen es interessiert, der sollte das Buch unbedingt lesen. Es ist aber noch aus einigen anderen Gründen lesenswert:

Was Jodi Picoult aufwirft, ist das, was ihre Fans sich von ihr erwarten. Sie zeigt Probleme der Gesellschaft auf, wie sie öffentlich nur selten publik werden. In diesem Buch sind gleich mehrere brisante Themen gemischt: Künstliche Befruchtung, Homosexualität und der Glaube an Gott. Keines dieser Themen lässt sich so recht mit den anderen vereinbaren und dennoch verwebt Picoult sie mit einzigartiger Feinfühligkeit.

Man mag durchaus bemängeln, dass alles etwas schnell geht. Zoe gewöhnt sich mit Leichtigkeit an ihre neu entdeckte Homosexualität und geht damit besser um, als die meisten lesbischen Frauen es vermutlich nach Jahrzehnten können. Aber um die Realität geht es auch gar nicht.  Es spielt für Zoe keine Rolle, welches Geschlecht sie liebt, sondern nur wen sie liebt. Und diese Art von (Selbst)-Toleranz findet man so selten in Büchern berühmter Autoren, dass es umso schöner zu lesen ist, wie unkompliziert sie in „Ein Lied für meine Tochter“ geschildert wird.

Jodi Picoult: Ein Lied für meine Tochter
Bastei Lübbe Verlag
Hardcover, 571 Seiten
AT: EUR 23,70

Tanja Kling

Ist immer zu haben für guten Lesestoff jeder Art, außer schlechtem Liebesschund, der sie mehr gruselt als jede Horrorszene mit asiatischen Kindern.

Hat einen Fable für Found Footage und schlecht synchronisierte Splatter-Filme, weswegen man sie freitags oft im Midnight Movie antrifft. 

Und für einen Kaffee mit Jack Nicholson würde sie ihr letztes Hemd geben.

 

Tanja Kling | Ressortleiterin Kino, Film & Buch

tanja.kling (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

 

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