BÜCHERBÖRSE

Kommentar: Eine "bierige" Challenge

Kommentar: Eine "bierige" Challenge (c) Uwe Schlick / www.pixelio.de

Trinkst du noch oder säufst du schon? All diejenigen, die die Worte "Ich nominiere" nicht mehr hören (oder lesen) können, heben jetzt bitte kurz die Hand. Mhm, dachte ich mir… Der Chinese des Schnellimbisses nebenan hat ungelogen gerade beide Hände in der Höhe. Selbst die Stoffkatze auf meinem Bett windet sich in dem verzweifelten Versuch, eine Tatze in die Luft zu befördern. Und nein, ich habe noch keinen halben Liter Bier "geext". Bislang hatte ich noch nicht einmal einen blassen Schimmer davon, dass das Wort "exen" überhaupt existiert. Im Grunde genommen tut es das auch nicht. Zumindest nicht in jenem Sinne, in welchem es auf dem allwissenden Online-Buch der Gesichter seine Runden macht, doch auf Facebook haben anscheinend auch die grausamsten Neologismen ihre Daseinsberechtigung. Der Duden versteht unter "exen" jedenfalls einen schülersprachlichen Ausdruck, der soviel wie „von der Schule weisen“ heißt. Doch was hat es mit dem facebook‘schen "exen" auf sich?

Für alle "Gestrigen", "Hinterwäldler", Einsiedler und Einsiedlerinnen sowie für diejenigen, die noch abseits von Laptop, Tablet, Smartphone und Co. ihr Dasein fristen: Auf der Social Media-Plattform Facebook wird getrunken. Ich korrigiere: gesoffen. Und zwar so geschwind wie möglich. Je schneller, desto besser. Rekorde werden aufgestellt. Es gilt, eine halbe Bier "ex zu trinken". Wer das geschafft hat, darf weitere Leute "nominieren", die es ihren Vorgängern gleich tun müssen. Und zwar binnen 24 Stunden. Alles auf Video aufgenommen versteht sich, quasi als Beweis. Wer es nicht schafft, muss seinem "Nominierer" eine ganze Kiste (oder einen ganzen Kasten, wie unsere deutschen Nachbarn und Nachbarinnen sagen) spendieren. Klingt irgendwie… naja… (da darf jetzt jeder selbst einsetzen, was er sich denkt). Auf jeden Fall polarisiert das Spiel: Während die einen ihre "Nominierung" dankend annehmen und die Halbe ihre Kehle hinunterstürzen als ginge es um ihr Leben, lehnen andere ihre Trink-Aufforderung mit freundlichen Worten wie "Bist deppad, des moch ich sicher ned" ab. Wieder andere versuchen ihr eigenes Ding daraus zu machen, "exen" Mineralwasser, stellen während des Trinkens noch irgendwelche anderen "lustigen" Sachen an oder spenden das Geld, das sie für eine Kiste Bier ausgeben müssten an Bedürftige - wobei letzteres dem Spektakel eine gewisse Sinnhaftigkeit verleiht, wenn diese schon nicht im Spiel selbst zu finden ist. Fragt sich natürlich nur: Worum geht es bei dem alkoholischen Spaß nun wirklich? Um’s Trinken? Das könnte man auf jeden Fall angenehmer haben. Um das "Gesellige"? Hm, ist eine traute Zweisamkeit mit der Kamera "gesellig"? Um Spaß? Wie viel Spaß macht es, sich an der braunen Brühe zu verschlucken? Um eine Challenge? Welche Herausforderung ist es, einen halben Liter von kohlensäurehaltigem, alkoholischem Getränk auf einmal hinunterzustürzen?

Sei dem, wie es sei: Im Ernstfall hilft immer noch die Scroll-Taste: Irgendwann findet sich auf jeder Startseite ein bierfreier Beitrag. Und wenn nicht: Immerhin macht Bier keine Rotweinflecken.

Jutta Zegermacher

Jutta Zegermacher | Redakteurin

jutta.zegermacher (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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