BÜCHERBÖRSE

Jobeinstieg: Die ersten 100 Tage

Politiker bekommen nach der Wahl gewöhnlich 100 Tage Zeit, um ihr Programm zu formulieren und zu zeigen, was sie können. Auch für den Jobeinstieg hat sich unabhängig von einer Probezeit dieser Zeitraum eingebürgert, um neue Mitarbeiter zu bewerten.

In den nächsten Wochen und Monaten im neuen Unternehmen wirst du unter besonderer Beobachtung stehen – deine Aufgabe besteht darin, Vorgesetzte und Kollegen nicht nur fachlich, sondern auch menschlich zu überzeugen. Experten empfehlen für einen gelungenen Einstieg, sich zu engagieren und Kompetenz zu zeigen, sich jedoch auf der persönlichen und kommunikativen Ebene zunächst zurückzuhalten. Wer bereits in den ersten Wochen alles besser machen will oder ausführliche Vergleiche zu den eigenen Joberwartungen/einem früheren Arbeitgeber zieht, hat zumindest auf der persönlichen Ebene meist recht nachhaltig verloren. Ebenso wie bei Politikern gelten die ersten 100 Tage im Unternehmen für neue Mitarbeiter als Bewährungszeit, sie lassen sich in drei Phasen unterteilen.

Drei unterschiedliche Phasen für die ersten 100 Tage

1. Der erste Monat -  Beobachten und Lernen

In den ersten 30 Tagen geht es um Beobachten, Lernen und das Verstehen der internen Strukturen des Unternehmens. Natürlich ist das ein Prozess von beiden Seiten – deine Chefs und die Kollegen möchten ebenfalls verstehen, wer du bist, welche Leistungspotenziale du besitzt und über welche fachlichen und menschlichen Qualitäten du verfügst. 

Grundsätzliche Orientierung in der Firma

Für dich selbst geht es im ersten Monat um eine grundsätzliche Orientierung, für die mehrere Dimensionen relevant sind: Welche internen Prozesse, inhaltlichen Abläufe und formalen Vorgaben gibt es? Wie funktionieren die offiziellen – und wie die inoffiziellen – Hierarchien? Welche informellen Regeln und Rituale gelten in der Firma? Wenn beispielsweise die Kollegen jeden Tag um 10 Uhr gemeinsam Kaffeepause machen, ist es nicht klug, sich davon auszuschließen – hier und bei anderen Aktivitäten, die zu den Ritualen eines Teams gehören, können Außenseiter schnell in den Ruf von Arroganz und Strebertum geraten. Die wichtigsten Regeln für diese Phase sind Aufmerksamkeit und Bescheidenheit. Selbst wenn du vorher schon in anderen Unternehmen tätig warst und entsprechende berufliche Erfahrung mitbringst, startest du in der neuen Firma zunächst bei null – du bist also darauf angewiesen, die internen Mechanismen zu begreifen und deine eigene Teamfähigkeit zu beweisen.

Fachliche Einarbeitung und Onboarding-Programme

Natürlich spielt auch in den ersten 30 Tagen deine Arbeitsleistung eine Rolle. Deine Vorgesetzten, aber auch die Kollegen in der Abteilung erwarten, dass du so schnell wie möglich einsatzfähig bist. Gut ist, wenn möglichst schon in den allerersten Tagen ein konkreter Einarbeitungsplan vereinbart wird. Optimal ist, wenn es einen festen Ansprechpartner gibt, der dir während der ersten 100 Tage als Mentor Hilfestellung gibt. Vor allem größere Unternehmen bieten neuen Mitarbeitern auch komplette Onboarding-Programme an, so dass sie neben der eigentlichen Einarbeitung die Firma von vornherein aus einer 360-Grad-Perspektive kennenlernen. Wenn du schon in den ersten Wochen durch Leistung überzeugst, kannst du mit einer verkürzten Einarbeitungsphase rechnen. Wichtig ist, dass du nicht nur im ersten Monat, sondern in der gesamten Einstiegsphase regelmäßiges Feedback erhältst – wenn es ausbleibt, solltest du es aktiv fordern. Zu einem solchen Feedback-Gespräch gehört auch, dass du dich zu Bereichen äußerst, in denen du noch Unterstützung und weiterführende Informationen brauchst.

Die Kollegen kennenlernen

In den ersten 30 Tagen in der neuen Firma baust du die ersten Beziehungen zu deinen Kollegen auf. Einerseits kommt es darauf an, dass du in dieser Zeit in angemessener Form viel von dir zeigst und damit beweist, dass du dem Bild entsprichst, das du in der Bewerbungsmappe und den Vorstellungsgesprächen von dir gezeichnet hast, andererseits sollten deine Kollegen die Möglichkeit haben, das Tempo und den Rhythmus eures Kennenlernens zu bestimmen. Allzu viel Privates ist zumindest in der ersten Zeit tabu – selbst dann, wenn ein intensiver privater Austausch in der Abteilung Usus ist. Als persönliche Anknüpfungspunkte bieten sich hier unverfängliche Themen wie Urlaubsreisen oder Hobbys an.

Optimal ist, wenn du schaffst, zu allen Kollegen in der Abteilung Kontakte zu entwickeln, dich beispielswiese in der Mittagspause nicht immer derselben Gruppe anschließt. Vorsicht vor "falschen Freunden", die bereits in den ersten Tagen sehr intensiv eine persönliche Beziehung zu dir suchen – oft handelt es sich dabei um die notorischen Bremser und Quertreiber im Unternehmen, die im Team alles andere als ein gutes Standing haben. Was der "Flurfunk" weiß, kann zwar durchaus interessant sein, beteiligen solltest du dich an solchen Diskussionen jedoch vorerst nicht – gegebenenfalls kannst du das Gespräch durch eine Bemerkung oder Frage auf neutralen Boden lenken.

Formales Sie oder informelles Du?

Für viele neue Mitarbeiter ist die Sache mit dem Siezen oder Duzen eine relevante Frage – vor allem wenn die Kollegen oder das gesamte Team offensichtlich per Du miteinander sind. Auch hier ist zunächst Zurückhaltung angebracht, bis du weißt, welche Regeln dafür in der Abteilung/im Unternehmen wirklich gelten. Ein unerwünschtes Du kann von deinem Gegenüber – und vor allem von älteren Kollegen – als expliziter Affront wahrgenommen werden. Falls das Duzen unter den Kollegen und vielleicht sogar mit den Vorgesetzten üblich ist, erfährst du das sehr wahrscheinlich bereits an deinem ersten Arbeitstag. Ansonsten ist es besser, damit zu warten, bis dir das Du ausdrücklich angeboten wird.

2. Der zweite Monat – Ausprobieren und Integrieren

Nach den ersten 30 Tagen ist die Beobachtungsphase im Wesentlichen abgeschlossen – allerdings nicht der Prozess, der nötig ist, um deinen Platz im Team zu finden. Jeder neue Mitarbeiter verändert die Beziehungen und auch die informellen Hierarchien. Auch wohlwollende Kollegen gehen meist davon aus, dass du in der internen Rangordnung zunächst recht nachgeordnet bist. Möglicherweise musst du hier auch mit Widerständen rechnen: Ein Kollege moniert vielleicht, dass deine Einarbeitung ihn Zeit und Überstunden kostet, ein anderer hätte deine Position eigentlich gerne selbst gehabt. Noch komplizierter kann es werden, wenn dein Start im Unternehmen von vornherein mit Führungsverantwortung verbunden ist. In jedem Fall musst du dich in deiner neuen Rolle erst beweisen und innerhalb der Firma deine persönliche Autorität entwickeln. Falls es dabei zu Problemen kommt, raten wir zu einem offenen Umgang. Ein Gespräch unter vier Augen hilft, Missverständnisse und Animositäten auszuräumen. Bei größeren Konflikten sollten allerdings möglichst frühzeitig auch ein Vorgesetzter oder Arbeitnehmervertreter einbezogen werden.

Jetzt geht es natürlich auch in stärkerem Maße als bisher darum, dich inhaltlich einzubringen und fachliche Kompetenz zu zeigen. Die Intensität, in der das möglich ist, hängt vom generellen Verlauf deiner Einarbeitungsphase, von den Anforderungen der Stelle, aber auch von den Strukturen und der Kultur des Unternehmens ab. In einem Start-up mit flachen Hierarchien arbeitest du vielleicht schon nach wenigen Wochen autonom an eigenen Projekten – auch neue Ideen sind in solchen Firmen oft erwünscht und hochwillkommen. In einem Traditionsunternehmen erwarten Vorgesetzte und Kollegen dagegen oft, dass du dich möglichst nahtlos in existierende Prozesse einfügst. Zu viele Innovationswünsche sind hier oft nicht sehr gern gesehen.

3. Der dritte Monat – Ankommen und Profilieren

Im dritten Monat respektive im letzten Drittel der 100 Tage Schonfrist solltest du im Unternehmen, in deinem Team und in deinen Arbeitsaufgaben schon fast angekommen sein. Diese Phase ist der richtige Zeitpunkt, deine Ideen und Problemlösungskompetenzen zu demonstrieren und klar zu zeigen, was du kannst – natürlich in kooperativer Form und ohne deine Kollegen damit offensiv zu übertrumpfen.

Die ersten 100 Tage – Testphase für beide Seiten

Allzu große Sorgen, dass die ersten 100 Tage im neuen Job im Fiasko enden, sind generell nicht angebracht. Schließlich wussten die Personalentscheider inklusive deiner direkten Vorgesetzten, was sie tun, als sie sich gerade für dich entschieden haben. Zudem erfordern die Neubesetzung einer offenen Stelle und die Einarbeitung neuer Mitarbeiter einen nicht unbeträchtlichen Zeitaufwand sowie Kosten. Auch du selbst solltest die ersten 100 Tage als Testphase betrachten, ob du zum Unternehmen sowie das Unternehmen zu dir und deinen Karrierewünschen passt. Unüberbrückbare Diskrepanzen in dieser Hinsicht können auf lange Sicht zur Quelle permanenten Ärgers werden. Allzu häufig kommt eine solche Konstellation nicht vor – falls sie auftritt, kann es jedoch auch am Anfang eines Arbeitsverhältnisses sinnvoll sein, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen.

 

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