BÜCHERBÖRSE

Chaos, Couture and Curls - Flohmärkte und so

Vintage am Haken (c) Evelyn Höllrigl
Vintage am Haken

„Die guten alten Zeiten!“ wie oft hört man diesen Spruch? Doch nicht nur die Zeiten waren früher besser, auch die Mode. So ist es zumindest dem Vintage-Hype nach zu urteilen, der Wochenende für Wochenende Wien heimsucht.

Denn wo man auch hinguckt, überall ist Flohmarkt angesagt. Ich bin eine bekennende Flohmarkt-Gängerin, dennoch muss ich gestehen: Gekauft hab ich da kaum was. Die Eindrücke, die man von einem Flohmarkt mitnimmt, sind teilweise besser als die Omi Handtasche von 1973.

Ist dieser Flohmarkthype eine Art der Konsumgesellschaft entgegenzuwirken, eine „aus Alt mach Neu“ Mentalität? Oder ist es in einer Zeit, in der alles so furchtbar schnell voranschreitet beruhigend zu wissen, dass es manchmal auch gemütlicher gehen kann?

Flohmärkte sind ein Ort der Ruhe. Abgesehen von den Menschenmassen versteht sich. Ein Ort, an dem man theoretisch seiner Individualität freien Lauf lassen könnte. Jedes Teil am Kleiderhaken oder Wühltisch ist anders, es gibt keine verschiedenen Größen oder Farben, es gibt nur das eine Stück und entweder es passt oder eben nicht.

Die Ware am Flohmarkt sagt viel über die Person aus, die sie verkauft und jener, die sie kauft. Kleider machen eben Leute oder so.

Und genau da liegt mein Reiz am Flohmarkt-Gang: in der Beobachtung. Meistens drängt sich am Stand mit der besten und günstigsten Ware eine Menschentraube und subtil wird der danebenstehenden Person der Ellenbogen in die Hüfte gerammt. Am Stand daneben verkauft ein Mädchen - lässiger Knoten im Haar, dicke Nerdbrille, roter Lippenstift – die Beute, die sie bei der letzten Plünderung ihres Dachbodens errungen hat. Auf drei viertel der anderen Stände preisen Jungdesigner ihre bedruckten Stoffbeutel und T-Shirts an, keine Unikate aber manchmal muss man(n) auch ungetragen wagen.     

Doch nicht immer sind die Preise der Ware auch angemessen. Wenn der Preis schockt, dann wird gleich versichert wie Vintage und ungetragen das Teil sei. Richtig wach gerüttelt wurde ich das erste Mal, als mir eine schicke Lady getragene H&M Shorts für 30€ verkaufen wollte. Das fand ich dann doch etwas übertrieben und hatte mit Konsumgesellschaft mehr zu tun als erwartet. Die Shorts habe ich am Stand gelassen.

(c) Evelyn Höllrigl

Im vergangenen Jahr drehte ich den Spieß einmal um. Zusammen mit einer Freundin mietete ich mir um 18€ einen kleinen Standplatz bei einem Flohmarkt im Brut in Wien an. Davor wurde der Schrank gründlich aussortiert und trotz großem Herzschmerz trennte ich mich von einigen Dingen für immer. Doch irgendwie tat das auch gut. Denn die Handtasche, die mich monatelang begleitet hatte, und dann in der untersten Schublade meines Schrankes gelandet war, hatte nun wieder eine neue Besitzerin, die, zumindest für einige Monate, die Tasche so sehr lieben würde, wie ich es (für kurze Zeit) getan hatte. Weitere Versuche einen Stand anzumieten scheiterten an den Standgebühren, die sich im Laufe des letzten Jahres teilweise mehr als verdreifacht haben.

Flohmärkte sind eigentlich ein Konglomerat aus vielen Dingen. Zum einen Treffpunkt von schrulligen Menschen mit dubiosen, exzentrischen aber auch interessanten Modegeschmack, eine Zweite-Chance-Börse für geliebte Shirts und Schuhe, eine Fundgrube für antike Schätze und der perfekte Ort den Sonntag mit Freunden zu verbringen. Vor einigen Jahren waren die Flohmärkte in Wien bei Weitem nicht so gut besucht wie heute und der Flair war einfach anders, da nicht jedes Wochenende dem Modegott VINTÄSCH gehuldigt wurde. Aber das waren wohl noch die guten, alten Zeiten! 

Mag. Evelyn Höllrigl

Evelyn Höllrigl | Redakteurin

evelyn.hoellrigl (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: September 2012

Blog: www.themefashion.blogspot.com

Web: www.mode-events.at

 

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