BÜCHERBÖRSE

Fußballstadt Wien - Hütteldorfer Kult gegen Mozartstädter Brause

Rapid Wien gg. Red Bull Salzburg (c) GEPA pictures/ Wien Energie
Rapid Wien gg. Red Bull Salzburg

Es ist Sonntag, es ist kalt, es ist nass und nichts spricht dafür sich draußen herum zu treiben. Trotzdem stehe ich in eine dicke Daunenjacke eingepackt an einem eiskalten Treppengeländer und halte eine Käsebrezel in den klammen Fingern. Denn es ist auch Spieltag in der österreichischen Bundesliga.

Wieso das Ganze? Ich wollte eintauchen in die Wiener Fußballkultur und mir vom Erstligisten bis zum Amateurverein einen Eindruck verschaffen, warum und wie sich die Menschen für den Fußball in der Hauptstadt faszinieren lassen. Mein erster Schritt führt mich ins Gerhard-Hanappi-Stadion, das seit 1977 die Heimspiele des SK Rapid Wien beherbergt. Rapid ist hier allgegenwärtig: Fankneipe reiht sich an Fanshop, ein Mann mit tief ins Gesicht gezogener Haube verkauft „Rapid Punsch“ und fast ausnahmslos jeder Mensch auf dem Weg zur Spielstätte trägt eine grüne Bierdose in den behandschuhten Händen.

Kult gegen Kommerz

Halb Hütteldorf scheint sich zu diesem Topspiel auf die Beine gemacht zu haben, denn schließlich geht es um eine Menge. Nicht nur darum den Anschluss an den heutigen Gegner Red Bull Salzburg zu halten, der mit 10 Punkten Vorsprung einsam seine Kreise an der Tabellenspitze dreht, sondern auch darum sich im Kampf um die Vereinskultur zu behaupten.

Denn der FC Red Bull Salzburg stellt mit seinem Sponsoring-und Finanzkonzept den Gegenentwurf zum traditionell orientierten SK Rapid Wien dar, der in seiner über hundertjährigen Geschichte nur in einer Saison mit einem Sponsorennamen im Vereinstitel auflief (nämlich 1976/77 als „SK Rapid Wienerberger“), wohingegen der Gegner aus der Mozartstadt seinen Sponsor im Namen, Logo und Maskottchen repräsentiert, seitdem der Konzern im April 2006 die Führung beim Salzburger Klub übernahm.

Zurück ins Stadion: Ich beiße ein letztes Mal in meine Brezel, ziehe meine Kapuze nach oben und mache mich auf den Weg meinen Platz einzunehmen. Unter gellenden Pfiffen betreten die Salzburger Spieler den Rasen, einige Zeit später folgen die Gastgeber, diesmal unter lautem Gebrüll und Klatschen. Die Ultras im Block West feiern den zehnten Geburtstag einer ihrer Gruppierungen mit einer sehr ansehnlichen Choreografie und dann ertönt vom Unparteiischen Mag. Markus Hameter schon der Anpfiff.

Das Spiel beginnt munter, klare Torchancen sind Mangelware, aber zur Freude der Zuschauer kommen die Hütteldorfer besser ins Spiel als die Gäste und üben Druck aus. Trotzdem geht es in der 18. Minute nach einem Ballverlust ganz schnell, Leitgeb erobert den Ball, rasch gibt er rechts über auf Schwegler, der flankt in die Mitte und der sträflich allein gelassene Salzburger Torjäger Alan Douglas Borges De Carvalho (kurz Alan) muss nur noch den Fuß hinhalten. Im Stadion erschallt der Aufschrei „Bullenschweine!“ und die aufgebrachten Fans in meinem Umkreis schütteln wütend die Fäuste gegen diese Freveltat und ich – angesteckt vom allgemeinem Geschrei – schüttele meine gleich mit.
Also ein Rückstand für die Wiener, der jedoch zwölf Minuten später durch Trimmel per Kopfball egalisiert wird, nachdem  Kapitän Steffen Hofmann einen Freistoß scharf vor den Salzburger Kasten gezirkelt hatte. Die Fäuste werden jetzt triumphierend nach oben gerissen und ein völlig Fremder packt mich von hinten an den Schultern und schreit mir seine Freude in den linken Gehörkanal. Mit dem 1:1 geht es in die Halbzeitpause und die Menschen strömen an die Stände um ihre Vorräte an Bier und Würsteln aufzufrischen.

Rapid dreht das Spiel

Nach Wiederanpfiff verflacht das Spiel ein wenig doch bleibt durch aggressive Rapidler und defensiv anfällige Bullen weiter spannend. Bald würde die Rapidviertelstunde anbrechen, also die letzten 15 Minuten jedes Spiels, in denen Rapid zahlreiche Spiele komplett umzudrehen vermochte. Diese letzte Viertelstunde wird seit 1919 traditionellerweise nach genau 75 Spielminuten vom Publikum rhythmisch und lautstark eingeklatscht.

Doch bevor die Stadionuhr die 75. Minute anzeigen kann, löst sich Marcel Sabitzer im Strafraum von seinem Gegenspieler und schießt dem glücklosen Salzburger Schlussmann Gulácsi den Ball aus spitzen Winkel an die Wade, von wo er ins Netz springt. 2 zu 1 für Rapid (was auch der Endstand bleibt) und das Hanappi füllt sich mit ohrenbetäubendem Lärm. Ein ausgelassener Feiernder kippt mir versehentlich etwas Bier in den Kragen, es ist mir egal, ich umarme meinen Vordermann und fange an zu springen, denn immerhin schallt durch das Stadion „Wer nicht hüpft, der ist ein Bulle!“ und ich konnte diese Energie-Brause noch nie leiden.

 

Andreas Müllauer

Redakteur seit 2013

studiert  Theater-, Film- und Medienwissenschaften

liebt Filme, Hunde & macht "irgendwas mit Medien"

Mail an Andreas.Muellauer(ät)unimag.at

 

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