BÜCHERBÖRSE

Spec Ops: Ballern mit schlechtem Gewissen

Mit „Spec Ops: The Line“ liefert das deutsche Entwicklerstudio Yager einen Third-Person-Shooter mit überraschendem Tiefgang.

 

Während sich Hollywood gerne am reichhaltigen Fundus der Weltliteratur bedient, machen Videospiele meist einen großen Bogen um Literaturadaptionen. Zuletzt traute sich Visceral Games mit seinem lose auf die „Göttliche Komödie“ basierenden „Dante’s Inferno“ (2010) an diese Disziplin heran. Mit „Spec Ops: The Line“ steht dieser Tage ein Third-Person-Shooter aus dem Hause des deutschen Entwickler-Studios Yager in den Regalen, der sich ausgiebig an Joseph Conrad’s kolonialkritischen Text „Heart of Darkness“ (1899) und Francis Ford Coppola’s Anti-Kriegsfilm „Apocalypse Now“ (1979) bedient.

Willkommen in Dubai

Nach einer Serie an verheerenden Sandstürmen liegt die schillernde Millionenstadt Dubai in Trümmern: Die einst prunkvollen Straßen sind unter einer dicken Schicht aus Sand begraben, teilweise eingestürzte Wolkenkratzer ragen aus der Wüste empor und scheinen zu Mahnmalen menschlicher Dekadenz in einer von Natur aus feindlichen Umgebung geworden zu sein. Nahrungsmittel und vor allem Wasser sind knapp, sodass die wenigen Überlebenden der verheerenden Naturkatastrophe plündernd durch die Ruinen ziehen. Schon bald schickt die US-Armee ihr 33. Bataillon unter Colonel Konrad in das Krisengebiet, um die Evakuierung durchzuführen. Als der Kontakt abbricht, wird ein dreiköpfiges Delta-Team in die verwüstete Region entsandt, um den Kontakt wiederherzustellen.

The Horror! The Horror!

Für die etwa sechs bis acht Stunden lange Kampagne schlüpft man nun in die Rolle von Captain Martin Walker, der zusammen mit seinen beiden Team-Kollegen Lieutenant Adams und Sergeant Lugo die Schrecken des Krieges und die Folgen menschlichen Handelns in der Abwesenheit jeglicher Autorität aus nächster Nähe erfährt. Im ständigen Kampf gegen schwer bewaffnete Plünderer und Colonel Konrad’s Militär-Schergen, die in den Ruinen der Stadt eine völlig pervertierte und alleine auf Gewalt basierende Art von Ordnung aufrechterhalten, blickt der Spieler nach und nach ganz tief in das hässliche Gesicht des Kriegs.

 

Für nähere Erkundungstouren ist dabei jedoch kein Platz, vielmehr ist man gezwungen, einem geradlinigen Pfad durch das chaotische Kriegsgetümmel zu folgen. Dieser Pfad führt an Massengräbern, an Straßenlaternen aufgeknüpften Zivilisten und auf schreckliche Weise verstümmelten Leichen vorbei, die stumme Zeugen des menschlichen Gewaltpotenzials unter extremen Umständen sind. Die zerstörte Stadt Dubai wird so ein Sinnbild für das völlig aus den Fugen geratene Moralempfinden der desertierten 33. US-Armee unter Colonel Konrad. Spec Ops: The Line“ schafft es auf eine faszinierende Art, dem Spieler die Gräuel des Kriegs vor Augen zu führen und eine emotional stark aufgeladene Atmosphäre um die Tiefen der menschlichen Seele konsequent zu steigern.

Zwischen Pest und Cholera

Auch an den drei Protagonisten geht der psychische Druck dieses Konflikts nicht spurlos vorüber und bald schon sind sie gezwungen, aus ihrer passiven Beobachterrolle herauszutreten und selbst unangenehme Entscheidungen zu treffen. Diese Entscheidungen, die zwar gänzlich dem Spieler überlassen werden, aber nur minimalen Einfluss auf den weiteren Verlauf der Story haben, sind gemäß dem Leitmotiv von „Spec Ops: The Line“ meistens eine Wahl zwischen Pest und Cholera. In einer Szene kann so etwa ein für die Mission kritischer Agent gerettet oder ein gleichzeitig stattfindendes Massaker an Zivilisten verhindert werden. Egal, welcher Weg gewählt wird, am Ende wird Blut fließen.

 

„Spec Ops: The Line“ wirft viele moralische Fragen auf und zwingt den Spieler, schwierige Entscheidungen zu treffen, die sich vom üblichen Gut/Böse-Schema in Videospielen angenehm abheben. Schade ist jedoch, dass die Bedeutung dieser Entscheidungen dadurch relativiert wird, dass im Verlauf des Spiels ohnehin Tausende von menschlichen Gegnern dahingemetzelt werden, optional auch per Exekutionsfunktion mit einer Schrotladung aus nächster Nähe in das Gesicht des wehrlos am Boden liegenden Feindes. 

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Entscheidungen, die keine sind

Spielerisch kann „Spec Ops: The Line“ durchaus mit Genre-Größen wie „Uncharted 3“ oder „Gears of War 3“ mithalten: Die anstürmenden Gegnerhorden werden Welle um Welle mit dem typischen Waffenarsenal aus AK-47 und Co. in die Schranken gewiesen, bevor in einen neuen Bereich vorgerückt werden darf. Die Steuerung von Captain Walker geht gut von der Hand, einzig das Deckungssystem leidet unter einigen Kinderkrankheiten, die mitunter zu einem schnellen Ende der Reise führen können.

 

Die beiden Begleiter Adams und Lugo agieren größtenteils eigenständig. Per Knopfdruck können sie manuell auf einzelne Ziele angesetzt werden, groß angelegte taktische Manöver sind jedoch nicht möglich. Die KI der computergesteuerten Kameraden ist funktional ausgefallen, auch wenn kleinere Macken in der Hitze der ohnehin schon chaotischen und schwer überschaubaren Gefechte zusätzlich frustrieren. Während man von Deckung zu Deckung hechtet, kommt es da auch schon mal vor, dass sich einer der beiden Teamkameraden elegant vor den eigenen Lauf bugsiert und die Sicht nimmt. Auch die Stärke der Gegner ergibt sich eher aus ihrer Zahl als ihrem taktischen Vermögen: Unter Beschuss genommen, gehen diese zwar brav in Deckung, zeigen aber neben stupidem Dauerfeuer wenig Initiative.

 

Die spielerische Umgebung wurde auf spannende Art und Weise in das Gameplay integriert: Granaten wirbeln Staub auf, der dem Feind vorübergehend die Sicht nimmt, und ein gut platzierter Schuss auf eine Glasscheibe wird oft mit einer Sandlawine belohnt, die die Gegner unter sich begräbt.


sotl - screenshot 3 - luxusdeckung c 2k gamesGemeinsam durch die Wüste

Einen lokalen Multiplayer-Modus bietet „Spec Ops: The Line“ nicht. Das ist schade, denn die Kampagne wäre bestens dafür geeignet, mit zwei Freunden in Angriff genommen zu werden. Der Online-Multiplayer-Modus bietet den üblichen Mix aus Deathmatches und zielbasierten Spielvarianten. Durch Abschüsse gewonnene Erfahrungspunkte werden in Waffenupgrades, Perks und neue Charakteroutfits investiert. Das macht aufgrund der dynamischen Karten, die in regelmäßigen Abständen von Sandstürmen heimgesucht werden, zwar durchaus Spaß, hebt sich im Gegensatz zur innovativen Singleplayer-Kampagne aber nicht von den üblichen Verdächtigen wie „Call of Duty: Modern Warfare 3“ oder „Uncharted 3“ ab. Ein Kooperationsmodus mit insgesamt vier Missionen soll jedoch im August als Gratis-DLC nachgereicht werden.


Fazit

„Spec Ops: The Line“ macht trotz einiger kleiner Gameplay-Mängel sehr vieles richtig: Die zerstörten Häuserschluchten Dubais bieten ein einzigartiges, beklemmendes Ambiente, das noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Auch hat man einen der wesentlichen Kritikpunkte an vergleichbaren Kriegsspielen – nämlich die Abwesenheit jeglicher sinnvoller Handlungsstränge – gekonnt gelöst und dem Spieler Raum zum Nachdenken geschaffen. Aufgrund der moralischen Entscheidungssituationen ist zudem ein gewisser Wiederspielwert vorhanden. Wer nach einem Shooter mit dichter Atmosphäre und Tiefgang sucht, der wird bei „Spec Ops: The Line“ auf jeden Fall fündig.

Dominik Brand

Dominik Brand | Redakteur

dominik.brand (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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