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Digitale Kompetenzen: Das müssen Wirtschafter können

Googeln, twittern und whatsappen kann jeder. Mit welchen IT-Skills aber hebt sich ein Wirtschaftsabsolvent vom Rest des Bewerberfeldes ab?

„Wir haben das Glück, dass sich die Welt in einer Phase großer Veränderungen befindet, ausgelöst durch neue Technologien“, sagte Jack Ma kürzlich auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. „Diese neuen Technologien werden viele erfolgreiche Menschen hervorbringen, interessante Karrieren, aber ehrlich gesagt erschafft jede neue Technologie auch soziale Probleme.“

Und der Alibaba-Gründer schickte gleich noch eine Warnung hinterher. „Wenn wir uns nicht gemeinsam anpassen, werden die Menschen sich bekämpfen, weil jede technologische Revolution die Welt aus dem Gleichgewicht bringt.“ Das klingt bedrohlich, nach dem Gesetz des Stärkeren. Aber wer wird das in Zukunft eigentlich sein?

Dass die Digitalisierung die Arbeitswelt grundlegend verändern wird, darüber sind sich alle einig. Aber: Manchmal kann Veränderung richtig angenehm sein, locker von der Hand gehen. Bei Deloitte merkt man das jetzt schon. Die Arbeit der Unternehemsberater hat sich in den vergangenen Jahren spürbar verändert. Früher mussten die Berater – oder durften – quer durch die Welt jetten, um mit den Kunden über Projekte zu sprechen. Das tun sie auch heute noch, aber nicht mehr andauernd. Heute setzen sie sich an den Konferenztisch. „Durch moderne Technologien und Tools wie Video Conference Calls, Skype-Meetings oder Webinare ist die Zusammenarbeit und Kommunikation mit dem Kunden wesentlich flexibler geworden und kurzfristiger möglich“, sagt Christine Donati, HR-Managerin bei Deloitte Österreich. Kürzere Abstimmungen, weniger Reisestress, mehr Effizienz.

Mehr IT-Skills, höheres Gehalt

Und ein Kostenfaktor ist das auch: Laut Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW) könnten alleine die Unternehmen in Deutschland bis zu acht Milliarden Euro im Jahr sparen, wenn sie Dienstreisen ihrer Mitarbeiter stärker durch Video-Konferenzen und andere digitale Mittel ersetzen würden. Ein Fünftel der Unternehmen aber nutze diese Technik noch überhaupt nicht. Ernüchterndes Fazit der Forscher: Das Fax ist unter deutschen Unternehmen noch immer ein beliebteres Kommunikationsmittel als Skype und Co.

Auch Berufseinsteiger würden profitieren. Durch die Nutzung virtueller Kommunikationstools, so Donati von Deloitte, „ergeben sich für jüngere Kollegen mehr Chancen, um frühzeitiger in einer aktiven Rolle in Projekte eingebunden zu werden.“ Die Digitalisierung als Karriereturbo. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere: Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Absolventen.

Denn allein mit Skype und WhatsApp ist es in vielen Fällen nicht getan. Das lässt sich auch an den aktuellen Stellenausschreibungen von Deloitte Österreich ablesen. So kann ein Tax Assistant mit einem Jahressalär von 31.500 Euro aufwärts rechnen. Ein Wirtschaftsstudium ist dafür erforderlich, spezielle EDV-Kenntnisse mit Ausnahme von Microsoft Word sind es nicht. Einen Senior Consultant für das Agile Projektmanagement entlohnt Deloitte schon mit 46.000 Euro. Er verfügt idealerweise über Erfahrung mit agilen Methoden, bringt am besten eine Zertifizierung als Scrum Master mit. Einem Senior Consultant im Bereich SAP Finance winken sogar 50.000 Euro. Dafür muss er neben einem Wirtschaftsstudium SAP-Knowhow vorweisen. Und ein Wirtschafter, der bereits digitale Transformationsprojekte in der Industrie umgesetzt und ausgeklügelte IT-Strategien in der Tasche hat, darf sich auch gerne als Digital Transformation Manager bewerben. Jahresbruttogehalt: 63.000 Euro aufwärts. Die Stichproben verleiten zu der Schlussfolgerung: Je ausgeprägter die IT-Skills, desto lohnenswerter.

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Digital Natives: Jobangebote längst in der Tasche

Wahr ist, dass laut Umfrage des Beratungsunternehmens Trendence 46,6 Prozent aller befragten Wirtschaftsstudenten in Österreich schon während des Studiums ein verbindliches Jobangebot in der Tasche haben – sofern sie zu den Digitals zählen, den Digitalaffinen. Bei den sogenannten Non-Digitals trifft das nur auf 33,7 Prozent zu. „Absolventen, die ergänzend zu ihrer betriebswirtschaftlichen Ausbildung auch über Know-how für bestimmte IT-Produktlösungen wie beispielsweise Oracle, SAP oder Salesforce verfügen, sind sehr gefragt“, bestätigt Christine Donati. Eine Spezialisierung als Faustpfand, mit dem man sich von der Masse abhebt. Zum Beispiel hat von allen befragten Wirtschaftsstudenten laut Trendence nur rund ein Viertel Uni-Seminare zum Thema Business Analytics besucht. Agiles Projektmanagement und IT-Strategy kennt nur jeder Zehnte, in Seminaren zum Thema Mobile Solutions hat sich nicht einmal jeder Zwanzigste blicken lassen.

Vorteil Zusatzqualifikation – das wissen offenbar auch die Menschen, die sich bei Online-Anbietern wie Coursera weiterbilden. Coursera streamt auf seiner Plattform Online-Kurse von Universitäten, Teilnehmer können so – ganz nebenbei – Zertifikate erwerben. Zu den zehn meistgeklickten Kursen 2017 zählten unter anderem „Business Metrics for Data Driven Companies“, „Programming for Everybody“, „Using Databases for Python“ und „Introduction to Big Data“. Unter den Top Ten waren lediglich zwei Kurse, die ausdrücklich keinen IT-Background hatten: ein Kurs zu den Finanzmärkten und ein Selbsthilfekurs, um das „Lernen zu lernen“. Wettbewerber Udacity wiederum wertete für UNIMAG die drei beliebtesten Kurse im deutschsprachigen Raum aus. Das Self-Driving Car Nanodegree, das Deep Learning Degree sowie das Data Analyst Nanodegree waren die großen Renner. In Österreich gibt es außerdem noch die Plattform iMoox, von der Karl-Franzens-Universität Graz und der Technischen Universität Graz 2013 ins Leben gerufen.

Deep Learning, Big Data, Scrum und Python – manchem BWLer dürften angesichts des Programmierersprechs die Ohren klingeln. In Panik verfallen muss deswegen aber niemand. Zwar werden harte IT-Skills tatsächlich immer relevanter. Aber sie entscheiden nicht alleine darüber, wer den Job bekommt – und wer ihn hält. Im Gegenteil, die Digitalisierung dürfte auch die Soft Skills erneut aufwerten. „Unternehmen brauchen auch Allrounder, die Schnittstellenfunktionen oder eine Projektmanagement-Rolle übernehmen können“, so Donati. „Letztlich muss jeder für sich entscheiden, ob man eher als Experte fungieren oder breiter aufgestellt im Team unterstützen möchte“. Schon vor Jahren hatte US-Gigant Google im Rahmen seines Projects Oxygen untersucht, welche Qualitäten für Top-Manager im Hause entscheidend sind. Vor allem an diese Empfehlungen sollte sich halten, wer in Mountain View Karriere machen will. „Sei ein guter Trainer“, „Gib‘ Verantwortung an dein Team ab und micromanage nicht“, „Zeige Interesse am Erfolg deiner Teammitglieder und an ihrem persönlichen Wohlbefinden“, „Sei produktiv und ergebnisorientiert“, „Sei ein guter Kommunikator und höre deinem Team zu“, „Hilf deinen Teammitgliedern dabei, ihre Karrieren voranzutreiben“, „Habe eine klare Vision und Strategie für das Team“. Bei Google wunderte man sich. Nicht weniger als sieben Soft Skills rangierten ganz vorne. Die technische Expertise, von der man vermutet hatte, dass sie ein Google-Manager ganz und gar verkörpern müsse, landete abgeschlagen auf Platz acht. Allerdings gilt das wohlgemerkt für die Top-Führungskräfte. Wie ist die Lage in den unteren Etagen?

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Auch Soft Skills gewinnen an Bedeutung

„Ein qualifizierter und routinierter Umgang mit der gängigen aktuellen Büro-Software ist eine gute Basis“, sagt Susanne Brustmann, Head of Human Capital Learning & Development bei der Bank Austria in Wien. „Darüber hinaus suchen wir aber vor allem nach Bewerberinnen und Bewerbern, die nicht in vorgefertigten Mustern denken und innovative Lösungen finden.“ Die Bank Austria sucht nicht alleine. Auf die Frage nach den wichtigsten Fähigkeiten, die Mitarbeiter in der heraufziehenden Digital-Ära mitbringen müssten, antworteten die meisten Wirtschaftsbosse in einer internationalen Umfrage des Technologiekonzerns Fujitsu, dass sie „professionell mit digitalen Technologien umgehen können“ müssen. Knapp dahinter aber folgen schon „Kreativität und Vorstellungskraft“.

In Zukunft seien vor allem Fähigkeiten gefragt, die Roboter und andere auf Algorithmen aufgebaute Systeme nicht mitbringen, sagte Marcus Scheiblecker, stellvertretender Leiter des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO) im vergangenen Oktober bei der Vorstellung der Studie „Österreich 2025 – Die Rolle ausreichender Basiskompetenzen in einer digitalisierten Arbeitswelt“. Zum Beispiel Problemlösungsfähigkeiten, Kommunikationsskills, soziale Kompetenzen und  eben Kreativität. „Dinge, die Maschinen noch länger nicht leisten können“, so Scheiblecker. Zwar wisse niemand, welche Berufsbilder in zehn Jahren nicht mehr oder ganz neu existieren werden. Aber: Wer Bildung und Basiskompetenzen vereint, dürfte grundsätzlich gut aufgestellt sein. Das unterstreichen auch die Zahlen: So sank der Anteil der Angestellten mit relativ geringem Bildungsniveau in Österreich von 1990 bis 2016 von 27 auf zwölf Prozent. Der Anteil an Beschäftigten mit höheren Bildungsabschlüssen hat sich hingegen im gleichen Zeitraum von knapp unter zehn auf knapp unter 20 Prozent erhöht.

Auch Jack Ma ist gar nicht so pessimistisch. „Um erfolgreich zu sein, wird ein Mensch einen hohen EQ benötigen“, hohe emotionale Intelligenz also. „Wenn Sie nicht schnell verlieren wollen, werden Sie einen hohen IQ brauchen. Und wenn Sie respektiert werden wollen, brauchen Sie einen hohen LQ – den IQ der Liebe.“ Emotionale Intelligenz, gepaart mit Luft, Liebe und einer Prise Cleverness. Vielleicht wird die Digitalisierung einfach nur wunderschön.

Text: Sebastian Wolking, Fotos: © alvarez / iStock – gilaxia / iStock

 

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