BÜCHERBÖRSE

Generation Praktikum: Fluch oder Segen?

Generation Praktikum: Fluch oder Segen? (c) bbroianigo/pixelio.de

Die im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz durchgeführte empirische Analyse zu Praktika bzw. Praktikanten und Praktikantinnen in Österreich durch die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA), wird morgen in Wien präsentiert.

(Zitiert aus dem Endbericht "Praktika und Praktikanten/Praktikantinnen in Österreich. Empirische Analyse von Praktika sowie der Situation von Praktikanten/Praktikantinnen" Autoren: Hubert Eichmann, Bernhard Saupe, unter Mitarbeit von Marion Vogt und Sara Scheiflinger)

Hintergrund des Forschungsprojekts war und ist der in der Praxis oft unklare Rechtsstatus eines Praktikanten/einer Praktikantin sowie die Vermutung, dass eine Beschäftigung in Form von Praktika häufig eine Umgehung arbeits- und sozialrechtlicher Regelungen bedeutet. So kann ein Praktikum die Chance bieten, auf niederschwellige Weise Einblicke in ein Berufsfeld zu gewinnen. Es kann aber auch eine Form des Berufseinstiegs darstellen, bei dem ein reguläres Dienstverhältnis erst nach dem Umweg über Praktika erreicht wird, die gering oder gar nicht entlohnt sind. In diesem Zusammenhang werden in der politischen Diskussion Umgehungen des Arbeits- und Sozialrechts beklagt und geeignete Regulierungen für Praktika gefordert.

Insgesamt versucht die Studie folgende Fragen zu klären: Wie prekär sind die Beschäftigungsbedingungen in einem Praktikum? Wie sind die Entlohnung, die Arbeitszeit und die arbeits- und sozialrechtliche Absicherung gestaltet? Ebenso wird der Frage nach der Qualität der Tätigkeitsinhalte von Praktika, der Lernchancen oder auch der angemessenen Betreuung in der Praktikumsorganisation nachgegangen.

Vorsichtige Schätzungen aus mehreren quantitativen Studien gelangen zum Ergebnis, dass in Österreich jährlich von etwa 40.000 studentischen Pflichtpraktika auszugehen ist. Für sonstige Praktika von Studierenden (mit fließenden Grenzen zu Formen studentischer Erwerbstätigkeit) sind keine direkten Schätzungen möglich, auszugehen ist allerdings von einer höheren Anzahl als von Pflichtpraktika

Insbesondere in Studierendenpraktika besteht häufig eine Diskrepanz zwischen geleisteter Tätigkeit und arbeits- und sozialrechtlicher Absicherung einschließlich Entlohnung. Dies betrifft zunächst Praktika, die als Volontariat bzw. Ausbildungsverhältnis vergeben, jedoch als Arbeitsverhältnis ausgestaltet werden. Beispielsweise geht aus der IHS-Studierendensozialerhebung ein Anteil unbezahlter Studierendenpraktika von ca. zwei Drittel (Pflichtpraktika) bzw. einem Drittel (sonstige Praktika) hervor; gegenüber weniger als 15% bei Schüler- und Schülerinnenpraktika gemäß einer Studie der AK Steiermark. Ein erheblicher Teil der Studierendenpraktika wird somit faktisch als Volontariat angeboten.

Die in der Fachliteratur genannten und auch in der Studie identifizierten Problembranchen bei Praktika von Studierenden sind auch jene, in denen sich überdurchschnittlich viele Graduiertenpraktika finden. Gleichzeitig wurde offenbar, dass etwa auch im öffentlichen Dienst Graduiertenpraktika mittlerweile eine Art Einstiegshürde sind, die akademische Berufsanwärter überspringen müssen, um in regulär entlohnte Jobs zu gelangen.
In der Gegenüberstellung von relativ „besseren“ und „schlechteren“ Graduiertenpraktika häufen sich letztere in den Bereichen der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften, wo es vielen offenbar schwer fällt, direkt nach Studienabschluss ein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis in einer ausbildungsadäquaten Tätigkeit zu finden. Die Zunahme von Hochschulabsolventen steigert insbesondere in diesen Disziplinen die Konkurrenz und zwingt viele dazu, längere Umwege und ungünstige Beschäftigungsbedingungen in Kauf zu nehmen.

Faktoren für Asymmetrie

Einerseits wird die mangelnde Berufserfahrung im Sinn des selbstverständlichen Anspruchs auf Rechte, die mit einem Beschäftigungsverhältnis verbunden sind als Faktor angegeben; darüber hinaus ab er auch die z.B. unter Studierenden mehrerer Fachrichtungen verbreitete Überzeugung, sich über ihr Studium und die darin gezeigten Leistungen nicht ausreichend für eine adäquate spätere Erwerbsarbeit qualifizieren zu können, sondern nur über praktische Arbeitsmarkterfahrungen, entweder parallel zum oder nach dem Studium, wofür sie auf ein Entgegenkommen von betrieblicher Seite angewiesen zu sein glauben. Zudem geht in der Studie hervor, dass wahrgenommene Missstände von den Praktikanten und Praktikantinnen nur in Ausnahmefällen angesprochen, geschweige denn gerichtlich bekämpft werden, da viele davon Betroffene auf eine spätere Beschäftigung in der Praktikumsorganisation oder zumindest auf ein positives Praktikumszeugnis hoffen – auch die zeitliche Begrenztheit der Praktikumssituation dürfte hier eine maßgebliche Rolle spielen.

Lösungsansätze

Das Problem schlechter Entlohnung und sozialer Absicherung bzw. sein gehäuftes Auftreten in bestimmten Branchen; das Problem mangelnder Information über eigene Rechte bzw. das Rechtsdurchsetzungsproblem; sowie die Diskrepanz zwischen dem Status des Ausbildungsverhältnisses bzw. Volontariats und der empirischen Praktikumsrealität, was eine Diskussion rechtlicher Regelungsoptionen im allgemeinen impliziert.

Die gesamte Studie ist hier einsehbar.

Enquete "Praktika in Österreich – Fluch oder Segen?", 27. November, 09.15 bis 15.15 Uhr, Dachsaal der Wiener Urania, Uraniastraße 1, 1010 Wien.

 

Lukas Fischnaller

Mag. Lukas Fischnaller | Chefredakteur
Twitter: @lukfis1

Kontakt: lukas.fischnaller(ät)unimag.at

Webseite: www.unimag.at
 

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