BÜCHERBÖRSE

Ein Ghostwriter packt aus

Ein Ghostwriter packt aus Foto: ACAD Karriere

Thomas Nemet ist Geschäftsführer der Ghostwriting-Agentur ACAD WRITE. Gegründet wurde die Firma 2003 in Deutschland, heute befindet sich der Firmensitz in der Schweiz. In Deutschland und Österreich ist ACAD WRITE ebenfalls vertreten. Feste Bürozeiten oder Feiertage kennt ACAD WRITE nicht und so legen Ghostwriter die ein oder andere Nachtschicht ein, wenn eine Arbeit fertig werden muss. 

Herr Nemet, auf Ihrer Homepage schreiben Sie, dass Ihr Firmensitz sich aus datenschutzrechtlichen Gründen in der Schweiz befindet. Gelten in der Schweiz andere Datenschutzbestimmungen als in Österreich?

In der Schweiz ist es deutlich einfacher, diskret zu arbeiten. Vor allem das Bankengeheimnis wird hier sicherer gehandhabt. Aber eigentlich bin ich aus privaten Gründen in die Schweiz gezogen.

Wie läuft eine typische Zusammenarbeit mit der Agentur ACAD WRITE ab?
Ich möchte ganz deutlich sagen, dass wir keine Diplomarbeiten sondern nur wissenschaftliche Texte schreiben. Was die Auftraggeber danach mit der Arbeit machen, ist seine Sache. Der Ablauf ist generell ganz einfach. Die meisten Kunden kontaktieren uns via Telefon oder Email. Dann wird genau besprochen, was sich der Kunde vorstellt. Wenn der Auftrag steht, produzieren wir einige Teile vor und überliefern diese dem Kunden. Wenn dieser zufrieden ist, wird die Arbeit weitergeführt und dem Kunden schlussendlich überreicht. Das Honorar rechnet sich je nach Auftrag unterschiedlich.

Welche Kunden kommen zu Ihnen? Sind es vorwiegend Studenten?

Es kommen quer durch alle Altersschichten ab 20 Jahren mit einem Anliegen zu uns. Am Telefon oder per Email ist es jedoch schwer einzuschätzen, wie alt unsere Kunden sind. Aber das interessiert und ja eigentlich auch gar nicht.

Haben Sie schon einmal für einen „prominenten“ Kunden eine Arbeit verfasst?
Nicht, dass ich wüsste. Aber in 99% der Fälle sehe ich meine Auftraggeber auch gar nicht. Alles soll anonym bleiben. Die meisten unserer Kunden verwenden auch „Fake Namen“ wie Müller oder Lehmann.

Wie viel kostet eine wissenschaftliche Arbeit bei ACAD WRITE?

50 Seiten kosten zwischen 2.500 und 15.000 Euro oder mehr. Das kommt ganz auf den Arbeitsaufwand an. Soll der Text einen empirischen Teil, Statistiken, Online Umfragen oder ähnliches beinhalten, kostet das natürlich mehr. Das hängt ganz vom Einzelfall ab.

Wie lange brauchen Sie für 50 Seiten?

Das kommt ganz auf das Thema an. Lässt es sich leicht recherchieren, dauert es zwischen einem und zwei Monaten. Ist das Thema anspruchsvoller, kann das schon länger dauern. Wir schicken unsere Ghostwriter in fast jedes Land der Welt, um vor Ort zu forschen. Dann kann der Betrag allerdings sechs-stellig werden.

Was für Noten bekommen Studenten für Ihre Arbeiten?

Das kann ich nicht beantworten. Wir schreiben ja nur wissenschaftliche Texte und keine Diplomarbeiten. Ich bin ein gutgläubiger Mensch und denke, dass es Studenten nur für private Zwecke verwenden. Allerdings bin ich davon überzeugt, dass unsere Kunden sehr gute bis gute Ergebnisse mit unseren Arbeiten erzielen.

Laut einem Artikel in der „WELT ONLINE“ hatten Sie im Jahr 2006 250 wissenschaftliche Mitarbeiter und rund 1500 Kunden. Haben sich diese Zahlen in den letzten Jahren verändert?

Durch die Gutenberg-Affäre hat das Ghostwriter Business sicherlich mehr Aufmerksamkeit erlang. Aber nicht nur ACAD WRITE hat Kunden gewonnen, es existieren ja noch viele andere Firmen. Ich kann aber sagen, dass das Jahr 2011 hervorragend für uns lief, ich könnte jetzt schon aufhören zu arbeiten.

Was sind die Voraussetzungen, um bei Ihrer Firma als Ghostwriter aufgenommen zu werden?

Mindestens ein akademischer Abschluss ist Voraussetzung. Ein Ghostwriter muss gut schreiben können, eine ausgezeichnete Auffassungsgabe und Lust am recherchieren haben. Das Interesse, andere Themengebiete kennenzulernen, ist von enormer Bedeutung. Der Job an sich ist höchst interessant, man kann dadurch sehr gut eine Familie ernähren und noch einiges aufs Sparbuch legen.

Wer schreibt bei Ihnen als Ghostwriter?

Die meisten sind habilitierte oder promovierte Kollegen, viele sind bereits im Ruhestand und wollen sich in der Pension nicht langweilen. Wir haben auch viele Mütter in unserem Team. Die meisten unserer Mitarbeiter schreiben aus reinem Interesse, sich weiterzubilden, sich zu entwickeln und den eigenen Wissensstand aufzufrischen.

Was für eine Ausbildung haben Sie selbst absolviert?

Ich habe Philosophie studiert. Jetzt habe ich aber nichts mehr mit dem Schreiben zu tun, ich manage die Firma ACAD WRITE. Zum Ghostwriting bin ich durch Zufall gekommen. Vor 9 Jahren bin ich auf eine Agentur gestoßen, weil ich dringend einen Job suchte. Das hat dann ziemlich gut funktioniert und so habe ich meine eigene Firma gegründet.

Hatten Sie bei Ihrer Arbeit als Ghostwriter niemals ein schlechtes Gewissen?

Nein, nie. Warum auch, es ist ein ganz normales Geschäft. Wir schreiben ja auch nur wissenschaftliche Arbeiten, für alles Andere bin ich nicht zuständig.

Verwenden Sie eine Plagiats-Softweare?

Ja, immer schon. Wir trauen zwar unseren Mitarbeitern, aber Kontrolle ist besser. Jedes einzelne Werk läuft durch die Maschine, viele Arbeiten werden auch von Kollegen gegengelesen.

Wie schätzen Sie persönlich die Dunkelziffer der Ghostwriterarbeiten im öffentlichen Bereich ein?

Im öffentlichen Bereich ist das schwer zu schätzen, aber ich denke 2-3%. Es gibt so viele Ghostwriting-Unternehmen. Viele legen auch Visitenkarten an Unis auf.

Was war das skurrilste Thema, über das Sie bisher schreiben mussten?

Jedes Thema ist auf seine Art interessant. Die für mich langweiligsten Themen sind Arbeiten im Bereich Rechnungswesen. Lustigerweise hat ein Ghostwriter-Kollege von mir einmal eine Arbeit über Ghostwriting geschrieben.

Lena Widmann

Lena Widmann Bakk.phil. | Ressortleiterin Uninews/Politik, Redakteurin

hat Publizistik und Kommunikationswissenschaft sowie Romanistik an der Universität Wien studiert und studiert nun im Master Publizistik. Schreibt für Unimag seit Mai 2011.

lena.widmann (ät) unimag.at

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