BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 01: Vorfreuden und ein Empfehlungsversuch

Fillmstill La última película (c) Viennale
Fillmstill La última película

Wenn das größte österreichische Filmfestival ab Freitag Wien für sich einnimmt, wird auch UNIMAG dabei sein und regelmäßig über Highlights, Enttäuschungen und schlichtweg das Gesehene berichten. Auf welche Filme wir uns schon besonders freuen, warum Empfehlungen schwer sind und wie wir es dennoch wagen, lest ihr hier.

86 Spielfilme und 58 Dokumentarfilme, Special Programs, Kurzfilme und Retrospektiven jeweils nicht dazu gezählt, werden von der Viennale in diesem Jahr angeboten. Laut Veranstalter-Homepage soll es ja tatsächlich Leute geben, die sich da gleich mal 50 Kinobesuche in zwei Wochen vornehmen. Mit Akkreditierung und journalistischem Auftrag ist das noch gar nicht mal so unrealistisch, der durchschnittliche Festivalgast nimmt sich aber verständlicher Weise weitaus weniger vor.

Aber was soll man sich eigentlich ansehen, wenn 140 Filme zur Auswahl stehen, von denen man entweder noch nie gehört hat oder aber die im anderen Fall nur allzu bald ohnehin im regulären Vertrieb sind? Das ist eine Frage, die angesichts oft dünner Informationen und kaum vorhandener Kritiken nur schwer zu beantworten ist. Wir sind den Katalog aber ganz gründlich durchgegangen und stellen euch hier ein paar Filme vor, auf die wir uns ganz besonders freuen und die möglichst alle Geschmäcker abdecken sollten:

Lustiges

La última película

Herkömmliche Komödien finden sich auf der Viennale höchstens im Programm der Will Ferrell-Retrospektive, ansonsten ist lustig oft mit skurril gleichzusetzen. So auch beim neuesten Film des von den Philippinen stammenden Regisseurs Raya Martin und seinem Kollegen Mark Peranson, „La última película“. Dabei will ein Filmemacher sein letztes Werk, einen psychedelischen Western drehen. Zwischen der kuriosen Drehort-Suche bis zum Entschluss des Regisseurs, seinen Film auf ewige Zeiten zu schneiden, geschieht noch allerhand Verrücktes, New Age-Anhänger und Maya-Mysteriker inklusive. Inspiriert von und in Anlehnung an Dennis Hoppers mysteriösen Western „The Last Movie“ entwerfen Martin und Peranson einen der verrücktesten Filme im diesjährigen Programm.

Termine: 28.10., 21h Stadtkino im Künstlerhaus; 29.10., 13h Kino am Schwarzenbergplatz

The Dirties

Zwei absolute Filmnerds wollen im Rahmen eines High School-Videokurses zu cineastischer Berühmtheit gelangen oder zumindest den ersten Schritt dafür setzen. In ihrer Fantasie die randalierenden Superstars, sind Matt und Owen im wahren Leben soziale Außenseiter. Nachdem der filmische Erfolg ausbleibt und sich die persönliche Situation nicht verbessert, kommt einem der Beiden die Idee zu einem Schulattentat; für den Film zwar, aber nicht inszeniert. Das kanadisch-amerikanische „The Dirties“ von Matt Johnson verspricht, eine mit Zitaten vollgefüllte schwarze Komödie zu sein, der es auf neue Art gelingt, den Diskurs über Mobbing auf der Schule voranzubringen.

Termine: 26.10., 20.30h Kino am Schwarzenbergplatz (nur noch Resttickets); 29.10., 13h Gartenbaukino (siehe auch unser Gewinnspiel)

Drama

Le Passé

Der iranische Regisseur Asghar Farhadi hat vor zwei Jahren mit „Nader und Simin“ auf Europas Filmfestivals, Viennale inklusive, einen Erfolgslauf gestartet, der beim Oscar für den bestsprachigen Film endete. Das unheimlich facettenreiche, vor allem hervorragend geschriebene Drama war für viele der beste Film des Jahres und unumstritten mein persönliches Viennale-Highlight 2011. Nun ist Farhadi mit „Le Passé“ zurück und es geht neuerlich um eine Scheidung, die diesmal allerdings nicht als Konsequenz, sondern als Ausgangspunkt der Geschichte eingeführt wird. Nach fünf Jahren kommt Ahmad, der damals ohne seine Frau Marie zurück in den Iran gegangen war, wieder nach Paris, um die Scheidung amtlich zum Abschluss zu bringen. Trotz der lange zurückliegenden Trennung reagiert er auf  die neue Beziehung Maries betroffen und ein fragiles Beziehungsnetz droht allein durch seine Anwesenheit zum Einsturz zu kommen. Wenn auch nicht so euphorisch wie Farhadis vorheriges Werk, wurde auch „Le Passé“ von der Kritik äußerst positiv aufgenommen.

Termine: 1.11., 18h Gartenbaukino; 3.11., 13.30h Stadtkino im Künstlerhaus

Grigris

Souleymane Démé verwandelt sich in der Disco-Nacht trotz eines stark beeinträchtigten linken Beins in den viel umjubelten Tänzer Grigris und lernt die schöne Prostituierte Mimi kennen. Seine zumindest ein paar Stunden pro Tag funktionierende Welt wird gehörig aus der Balance geworfen, als der Schwiegervater erkrankt und Grigris sich gezwungen sieht, durch Benzinschmuggeln zusätzliches Geld zu verdienen. Schon bald findet er sich mit Mimi auf der Flucht vor Gangstern wieder. Filme aus Tschad sind natürlich keine Alltäglichkeit, aber Mahamat-Saleh Haroun tut das Beste, um sein Land cineastisch würdig zu vertreten. „Grigris“ folgt den vielfach ausgezeichneten „Daratt“ (2006) und „Un Homme Qui Carte“, das unter anderem den Preis der Jury in Cannes erhielt.

Termine: 30.10., 13h Gartenbaukino; 4.11., 11h Stadtkino im Künstlerhaus

Dokumentationen

The Act of Killing

Auch unter den Dokumentationen finden sich in diesem Jahr wieder einige hochinteressante Werke, von denen „The Act of Killing“ von Joshua Oppenheimer und Christine Cynn besonders hervorsticht. Dieser thematisiert die in den 60er Jahren von der indonesischen Regierung beauftragten Ermordungen an politischen Gegnern, Intellektuellen, Gewerkschaftern und Chinesen, die allesamt als „Kommunisten“ bezeichnet wurden. Der Vergleich zum Holocaust liegt nahe, doch was in Europa zu Kriegsverbrecherprozessen und kritischer Aufarbeitung führte, machte die Verantwortlichen in Indonesien zu Volkshelden, die noch heute als Politiker fungieren. Clou des Films ist die Idee, die Täter von damals ihre Verbrechen nachspielen zu lassen, was sie auch mit überraschend hoher Bereitschaft machen. Mit „The Act of Killing“ wird man nicht gerade die zweieinhalb angenehmsten Stunden der Viennale erleben, aber vielleicht mitunter die wichtigsten.

Termine: 26.10., 18h Gartenbaukino; 27.10., 16h Urania

Sickfuckpeople

Manche Schichten leiden noch immer unter dem Kollaps, den die Auflösung der Sowjetunion 1991 ausgelöst hat. Das beste, weil erschreckendste Beispiel dafür sind drogenabhängige Kinder, die nur selten aus ihrem Sucht-Keller in Odessa kriechen. In „Sickfuckpeople“ folgt Juri Rechinsky einem Jungen auf der Suche nach seiner Mutter und einem schwangeren Mädchen, dessen Schwestern die Abtreibung fordern. Dabei treffen sie auf eine Welt, die ihnen völlig entfremdet ist und außer Hass und Vorurteilen nicht viel für sie übrig hat.

Termine: 27.10., 23h Kino am Schwarzenbergplatz; 28.10., 18.30h Stadtikino im Künstlerhaus

Schwieriges

Pays Barbare

Vielleicht gibt es ja auch den einen oder anderen Viennale-Besucher, der am Festival vor allem die Möglichkeit schätzt, etwas so richtig schwieriges, anstrengendes anzusehen. Für jenes Publikum bietet sich unter anderem der als Dokumentarfilm gereihte „Pays Barbare“ an. Yervant Gianikian und Angela Ricci Lucchi verbinden Archivaufnahmen, undeutliche Geräuschmusik und zumeist einsilbige Untertitel zu einem Film über die kolonialistische Geschichte. Das Label „Erlebnis“ passt hier besser als „Dokumentation“.

Termine: 29.10., 21h Metro; 31.10., 13.13h Metro

Norte, hangganan ng kasaysayan

Lav Diaz von den Philippinen bereichert die Viennale in regelmäßigen Abständen mit seinen hypnotisch langen Arbeiten. „Norte, hangganan ng kasaysayan“ ist mit 250 Minuten eigentlich schon fast ein Kurzfilm für jemanden, der sein Publikum auch gerne mal für sechs Stunden an den Kinosaal bindet. Außerdem erzählt Diaz diesmal in Farbe von Joaquín, der nach dem hingeschmissenem Jurastudium Reden vom Ende der Welt erzählt und Eliza, die in ärmlichen Verhältnissen lebt. Als sie einem Mord zum Opfer fällt, wird er zu Unrecht zu lebenslanger Haft verurteilt.

Termin: 5.11., 18h Kino am Schwarzenbergplatz

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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