BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 02: Verhaltener Auftakt

Inside Llewyn Davis Viennale
Inside Llewyn Davis

Mein erster Viennale-Tag hätte mich durchaus euphorischer zurücklassen können, trotzdem war alles im Grunde recht solide. Gesehene Filme: Inside Llewyn Davis, Soshite chichi ni naru, Bambi, Nebraska.

Geschmackssache am Vormittag

Wie für viele, die gestern Abend noch entspannten, wurde die Viennale auch für mich Freitag Vormittag im Gartenbaukino eröffnet.  „Inside Llewyn Davis“, der neueste Streich der Coen-Brüder, stand dort am Programm und begeisterte den Großteil des Publikums mit seiner Geschichte über einen scheiternden Folkmusiker der 60er Jahre. Die Problematik einer Künstlerseele, der entweder Talent oder Glück fehlt, um mit der Musik vernünftig über die Runden zu kommen, ist nicht wirklich neu, wird von den beiden erfahrenen Regisseuren aber durchaus liebevoll erzählt. Oft gelingt es ihnen, mit einzelnen Einstellungen Probleme zusammenzufassen und ganze Gefühlskosmen zu implizieren.

Etwas unrunde Konflikte schmälern das Kinoerlebnis und auch die Darstellung der Folkszene von damals stößt ein wenig sauer auf. Llewyn Davis‘ angeblich so großes Talent wird nämlich lediglich durch die betont dämlichen Auftritte anderer Musiker in Szene gesetzt. Von Davis selbst kommt wenig Außergewöhnliches. Entscheidend über gefallen oder nicht gefallen ist am Ende der Humor der Coens, der weiterhin Geschmackssache bleibt. Das Gelächter im Publikum bestätigt die Beiden im Glauben, dass komische Dialoge zwischen nur für ihre Ein-Szenen-Skurrilität existierenden Randcharakteren zum Brüllen sind. Bei mir kommt es leider dennoch nicht an und so ist das ehrliche Verziehen meiner Mundwinkel zumeist den Untertiteln des überambitionierten Deutsch-Übersetzers gewidmet. Wenn „He’s adorable“ zu „Ein Wonneproppen“ wird, darf man schon mal schmunzeln.

Gut gelöstes Zeitlupenkino aus Japan

Nach der Mittagspause ging es mit dem japanischen „Soshite chichi ni naru“ im Urania weiter. Dieser erzählt von der Verwechslung zweier Neugeborener, die erst sechs Jahre später auffliegt. In völlig unterschiedlichen sozialen Schichten lebend, müssen die beiden Elternpaare nun entscheiden, ob sie mit den „falschen“ Söhnen weiterleben oder aber tauschen möchten.

Was die amerikanische Serie „Switched at Birth“ Woche für Woche als Soap interpretiert, ist bei Regisseur und Drehbuchautor Koreeda Hirokazu eine vor allem aus Sicht des selbst an einem Vaterkomplex leidendem Ryota erzählte Eltern-Kind-Beziehungsanalyse. Dass dabei ein äußerst niedriges Tempo gewählt wird, stört deswegen so wenig, weil der Film den Konflikten zwischen und innerhalb der Protagonisten damit genug Zeit zum Atmen gibt. Anstatt sich sensationsgierig auf das Thema zu stürzen, ist Koreedas Herangehensweise eher analytisch, vergisst dabei aber nicht auf einfühlbare Charaktere.

Die zweite Vater-Sohn-Beziehung mit Payne Ende

Auf völlig andere Weise nähert sich der amerikanische Regisseur Alexander Payne dem Eltern-Kind-Thema in „Nebraska“. Die schwarzweiße Indie-Komödie ist alleine wegen der großartigen Performance von Bruce Dern schon sehenswert, der den etwas senilen und körperlich gebrechlichen Woody mimt. Nach der per Post erhaltenen Ankündigung, er habe eine Million Dollar gewonnen, will er sich, wenn notwendig auch zu Fuß, auf den Weg nach Nebraska machen, um seinen stark anzweifelbaren Gewinn abzuholen. Aus Mitleid begibt sich sein Sohn David mit ihm auf einen Roadtrip, der ihn erst über den Umweg alte Heimat zu seinem vermeintlichen Reichtum bringen wird.

„Nebraska“ bietet durchaus soliden Humor und spricht mit dem Älterwerden der eigenen Eltern ein Thema an, mit dem sich kaum jemand nicht identifizieren kann. Bruce Dern zuzusehen reicht dabei die meiste Zeit aus, um darüber hinweg zu sehen, dass das Ganze in guter alter Payne-Manier dann doch immer mehr zum Befolgen der Indie-Formel verkommt. Obwohl das Drehbuch diesmal Bob Nelson schreiben durfte, haben am Ende wieder alle Figuren etwas dazu gelernt und sind mit ihrer unveränderten Lebenssituation dann auch gleich viel zufriedener als zu Beginn. Um das gerade am doch recht dick aufgetragenem Schluss noch akzeptieren zu können, müsste man sich schon noch ein Stück involvierter fühlen.

Bambi als sympathischer Frauen-Magnet

Zwischen den beiden Vater-Sohn-Filmen gab es im Urania Kino noch den kurzen „Bambi“ von Sébastien Lifshitz zu sehen. In sehr klassischer Dokumentationsmanier wird hier die Stimme des als Junge geborenen Revuestars Marie-Pierre Pruvot über Archivbilder aus dem bewegten Leben der Mittsiebzigerin gelegt. Der Charme seiner sehr angenehm erzählenden Protagonistin macht es auch aus, dass man sich die Geschichte dann doch ganz gerne anhört. Über das Martyrium, im falschen Körper geboren zu sein, erzählt es im Grunde nämlich nicht allzu viel Neues und alles, was sonst noch so interessant werden könnte, wird relativ schnell wieder abgehakt. Die positive Lebens-Message gefällt aber trotzdem.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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