BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 03: Lustiger Auftakt und verwirrender Abgang

Upstream Color Viennale
Upstream Color

Der zweite Tag der Viennale startete mit einer warmherzigen Komödie, ging dann über zum Stromausfall und endete mit dem ersten Film des diesjährigen Festivals, dem das Publikum den Applaus verwehrte. Gesehen: Prince Avalanche, Katiyabaaz (Powerless), Upstream Color.

Vom Alleinsein zur Einsamkeit und wieder zurück

Nach dem großen Feuer des Vorjahres sind Alvin (Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch), der jüngere Bruder von Alvins Freundin, mitten im Sommer 1988 mit Straßenarbeiten weit abseits ihrer Zuhause beschäftigt. Von der Außenwelt isoliert, bleibt den Beiden viel Zeit über Familie, Liebe und das Leben zu philosophieren. Während Lance regelmäßig frustriert vom sexuell erfolglosen Wochenende zurückkommt, droht Alvins Beziehung an der Distanz zu zerbrechen.

David Gordon Green, der einst mit "George Washington" für Aufsehen sorgte, hat für seine Version des isländischen Films "Either Way" zum ersten Mal seit Langem auch das Drehbuch beigesteuert. Dieses ist auch die größte Stärke von "Prince Avalanche" und versteht es gut, die emotionalen Ups and Downs ebenso humorvoll wie nachvollziehbar zu zeichnen. Zwischen den monotonen Bildern der Arbeit findet Green in radikal anders inszenierten, einer Trance ähnlichen Entspannungen seiner Figuren die perfekte Balance. Zudem werfen eine surreale Szene, das ein oder andere Detail und der Schluss interessante Fragen über Anfang, Ende und Mitbestimmung des eigenen Lebensweges auf.

Es ist ein Film, dem man erstmal verfallen muss, doch wenn man es tut, kommen einem die skurrilen Probleme von Lance und die implizierte Beziehung von Alvin, so greifbar, so echt vor. Da tut man sich fast schon schwer, mit einem schlichtweg blöden jungen Mann, der außer ein paar hübschen Frauen nicht viel im Kopf zu haben scheint, nicht Mitleid zu bekommen.

Stromausfall, dessen Ausweglosigkeit den Fokus aufs Unwesentliche bringt

Dass bei der Viennale sogar ein Dokumentationsfilm über Stromausfälle in Indien ausverkauft sein kann, muss dem Wiener Kinopublikum hoch angerechnet werden. "Katiyabaaz" (internationaler Titel: "Powerless") nimmt die Millionenstadt Kanpur als Beispiel für den Elektrizität-Kollaps des Landes, der mehrere hundert Millionen Leute betrifft. Sogenannte Katiyabaaz verdienen ihren Unterhalt mit dem Diebstahl von Strom, durchgeführt mit Hilfe eines Kabels. Ein Dieb und die Verantwortliche der Gegenseite bilden die zentralen Figuren des Films.

Dieser ist am Anfang fast schon schmerzhaft overdirected, wenn die aufdringliche Musik seinem charmanten Kriminellen Loha in ein cooles Gangster-Licht rücken möchte oder aber auch wenn das Nachspielen einiger Szenen gar offensichtlich wird. Zudem dauert es eine Weile bis "Powerless" seinen Fokus findet, der sich in weiterer Folge isoliert auf die beiden gegeneinander antretenden Seiten, ihre Hintergründe und die entstehenden Missverständnisse richtet. Brisant ist vor allem Ritu, die Chefin des Stromversorgers KESCO, der die ehrliche Betroffenheit ebenso anzusehen ist wie ihre Ausweglosigkeit.

Einen Film dafür zu kritisieren, dass das aufgezeigte Problem ein schwieriges ist, wäre ein Widerspruch in sich. Dennoch ist das völlige Ausbleiben eines angebotenen Auswegs, selbst in der Publikumsdiskussion mit den Regisseuren Fahad Mustafa und Deepti Kakkar danach, auch als Hilflosigkeit des Films zu werten. In 82 Minuten Dokumentarfilm kann man die Welt nicht verbessern, sollte aber zumindest in der Lage sein, mit der notwendigen emotionalen Distanz an die Sache heranzugehen.

Hängende Köpfe beim zweiten Carruth-Film

Mit dem Plot von "Upstream Color" braucht man sich nicht lange aufzuhalten, denn was in den 96 Minuten da alles an bildgewaltigen Unverständlichkeiten passiert, ist zumindest nach dem ersten Mal bestenfalls interpretierbar und keinesfalls wirklich zu erklären. Shane Carruth hat nach seinem grandiosen Debüt "Primer" gleich mehrere Jahre Pause gemacht und so ist mitunter das Beste an seinem neuen Werk, dass es überhaupt existiert. In Nahaufnahmen, die ebenso wie die fragmentäre Erzählweise das Detail oft gegenüber einem Überblick bevorzugen, bastelt der hochtalentierte Amerikaner eine Geschichte zusammen, die Schweine mit Menschen verbindet und offensichtlich irgendetwas mit Mind Control zu tun hat.

Viel mehr kann man nach einmaligem Sehen noch nicht in Erfahrung bringen, was dem sichtlich genervten Publikum offensichtlich einen Schritt zu weit ging. Auch "Primer" konnte man erst nach intensiv studierter Internet-Lektüre und mehrmaligem Sehen zu hundert Prozent nachvollziehen, aber während dort das Zeitreise-Thema von Anfang an etabliert wurde, gibt es bei "Upstream Color" keinen definitiven Rahmen, an dem man sich orientieren kann. Persönlich habe ich es als anstrengendes, aber mit seinen ausgefallenen Ideen von Anfang bis Schluss fesselndes Kinoerlebnis empfunden, das mich inbrünstig hoffen lässt, es werde nicht wieder ein knappes Jahrzehnt bis zum nächsten Carruth-Film vergehen. Über eine Empfehlung traue ich mich angesichts des fast schon angewiderten und das Klatschen verweigernden Publikum aber auch nicht drüber.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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