BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 04: Tag der Gestörten

Razredni sovražnik (Class Enemy) Viennale
Razredni sovražnik (Class Enemy)

Ob aufgrund eines brutal umgesetzten politischen Systems, einem alles vernichtendem sozialen Umfeld oder von einem Selbstzerstörungstrieb angetrieben – so richtig rund lief es am Viennalemontag bei keinem Charakter. Gesehen: Dast-neveshtehaa nemisoozand (Manuscripts don’t burn), Razredni sovražnik (Class Enemy), Sickfuckpeople, Soft in the Head, Fading Gigolo.

Mutiges Kino aus Iran

Das Label „wichtiger Film“ ist so ziemlich das undankbarste, das man einem Werk verpassen kann, auch weil es im Nachhinein nur selten zu rechtfertigen ist. „Dast-neveshtehaa nemisoozand“ (der englische Titel „Manuscripts don’t burn“ ist weitaus leichter verdaulich) des iranischen Regisseurs Mohammad Rasoulof hat es dennoch verdient.

In anfangs recht gemächlichem Tempo entfaltet Rasoulof die auf wahren Begebenheiten basierende Geschichte von der Jagd des Regimes nach einem belastenden Manuskript. Der Film findet die richtige Balance zwischen visuellen und emotionalem Schock, bezieht sich dabei nur selten auf standardisierte Tricks und schafft es zudem, die persönlichen Konflikte seiner Charaktere nachvollziehbar zu zeichnen. Dass ausgerechnet einer der Handlanger des Regimes den komplexesten Charakter bekommt, zeigt das große Verständnis von Rasoulof, seines Zeichens selber ein Opfer der iranischen Zensurmaschine. Am Ende bleibt das bedrückende Schwarz der ausbleibenden Credits – Schauspieler und Crew wollten aus Sicherheitsgründen namentlich nicht erwähnt werden.

Unrundes Schuldrama aus dem Osten

Angezogen von einem der ausgefeiltesten Filme der letzten Jahre, dem französischen „Entre les murs“ (dt. Titel „Die Klasse“), war der im Plot nicht ganz unähnliche „Razredni sovražnik“ („Class Enemy“) aus Slowenien eines meiner vorprogrammierten Viennale-Highlights. Wegen eines recht dubiosen Gesprächs und seinen eher altmodischen Erziehungsmethoden wird der neue Deutschlehrer Robert Zupan von seiner Klasse für den Selbtsmord einer Schülerin verantwortlich gemacht. Die Folge sind Unterrichtsverweigerung und Schikanen, die kein Ende zu kennen scheinen.

Regisseur Rok Biček weigert sich, seine Geschichte klassischen Storytelling-Mustern zu unterwerfen und erschafft damit eine interessante, schwer vorhersehbare Erzählstruktur. Außerdem verwehrt er dem Publikum eine einfache Sicht auf die Dinge, vergleicht Unterrichtsmethoden ohne dabei auf einen eindeutigen Punkt zu kommen. Völlig überzeugen kann „Class Enemy“ dennoch nicht, vor allem aufgrund einiger irrationaler Charakterhandlungen. So ist beispielsweise der Ausgangspunkt der ganzen Problematik eine Szene, in der der Lehrer der später Selbstmord begehenden Schülerin relativ unmotiviert vorwirft, eine Versagerin zu sein. Am Ende steht ein Film, der weder als Analyse eines Präzedenzfalles noch als Charakterstudie zu hundert Prozent funktioniert, dank seiner vielen hochinteressanten Denkanstöße aber dennoch einen Kinobesuch wert ist.

Unfreiwillige Schock-Doku trotzt allen Vorwarnungen

Es kommt nicht oft vor, dass einem vor einem Film „Good Luck!“ gewünscht wird. Treffender hätten die Worte von Juri Rechinsky vor dem Screening seines Dokumentarfilms „Sickfuckpeople“ aber nicht gewählt werden können. In zwei Kapitel unterteilt erzählt der Regisseur zunächst von drogenabhängigen Jugendlichen, die sich in einem Keller im ukrainischen Odessa eine erschreckende kleine Existenz zusammen gesammelt haben. Zwei Jahre später trifft er zwei der Betroffenen wieder, einen Jungen auf der Suche nach seiner Mutter sowie ein schwangeres Mädchen.

Die Aufforderung Rechinskys, das Kino nach der „Szene mit den Drogen“ nicht zu verlassen, da das wirklich Wichtige erst danach komme, kamen einige Besucher nicht nach. Böse nehmen konnte man ihnen das angesichts des förmlich spürbaren Schmerzes der Sequenz nicht, Sensationsgeilheit auf Kosten anderer kann „Sickfuckpeople“ aber keineswegs vorgeworfen werden. Dass die bemitleidenswerten Protagonisten dem Regisseur enorm ans Herz gewachsen sind, ist in jeder Szene des immer nur beobachtenden, aber gerade deswegen so einfühlsamen Films zu spüren. Wer die Drogenszene überlebt hat, wird schließlich emotional gequält – am schlimmsten, als der Schwangeren von der Schwester vorgeworfen wird, dieses Leben, das Leid selbst gewählt und daher ihre Hilfe nicht verdient zu haben. Ihre Worte sind in sich geschlossen so logisch, dass man sich wünscht, der Welt einen riesengroßen Spiegel vorhalten zu können.

Seidl-Alarm zu später Stunde

Um 21 Uhr, also quasi zur Viennale-Primetime wurde mein Abend im Urania Kino mit „Soft in the Head“ von Low Budget-Filmemacher Nathan Silver geschlossen. Die offensichtlich mittel- und arbeitslose Natalia steht nach einem Beziehungsende ohne Zuhause da und wird in weiterer Folge zum Stammgast im privaten Obdachlosenheim des Gutherzigen Maury. In einer Abwärtsspirale entwickelt sie fast schon so etwas wie einen Selbstzerstörungstrieb und die unbeholfene Liebe des jüdischen Jungen Nathan kommt da noch gerade (un)recht.

Im Katalog wurde „Soft in the Head“ als „eine von 8 Millionen Geschichten aus der Naked City“ angekündigt und man hätte es nicht besser formulieren können. Von der Viennale als Kompliment gemeint, war es für mich das größte Problem an dem Film. Orientierungslos wie seine Charaktere flimmern da 71 Minuten lang tendenziell eher uninteressante Dialoge und wenig spannende Szenen über die Leinwand. Beim Publikumsgespräch danach wurde mein erstes Gefühl bestätigt – Seidl-Alarm! Heißt übersetzt, dass Silver hauptsächlich mit Laien dreht, deren tatsächliche Lebensgeschichte einfließen lässt und sowieso ohne festem Drehbuch alles ein bisschen dem Zufall überlässt. Was anscheinend die Hochkultur der Autorenkunst wiederspiegelt, lässt mich in den meisten Fällen, wie auch hier, sehr uninteressiert zurück.

Kurzes Wort zum Sonntag

Keinen eigenen Artikel hat mein hauptsächlich im Bett verbrachter Viennale-Sonntag verdient. Das lag weniger daran, dass eine Mini-Grippe nur einen Film zuließ, sondern daran, dass dieser mit „Fading Gigolo“ kein besonders guter war. John Turturro, hier als Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller im Einsatz, inszeniert sich selbst als Prostituierter by accident, der unerwartet großen Erfolg hat. Von Sharon Stone bis Sofia Vergara liegen ihm die Frauen zu Füßen. Als er sich in eine Kundin, die jüdische Witwe Avigal verliebt, wird es allerdings kompliziert.

Das größte Verkaufsargument von „Fading Gigolo“ ist mit Sicherheit Woody Allen, dem Turturro die Rolle des Quasi-Zuhälters Murray auf den Leib geschneidert hat. Mit viel Neurose und noch mehr Wortwitz scheint es fast, als wäre er einem Allen-Klassiker Marke „Annie Hall“-Ära entsprungen. Gelungen zeigt der Film auch auf, wie bei der Witwe religiöse Barrieren zur absoluten Vereinsamung führen können. Trotzdem verliert sich das Ganze viel zu oft in Schwachsinnigkeiten und zeigt ein Bild von Prostitution, das traurigen Männerfantasien entsprungen zu sein scheint. Als dann am Ende auch noch die supergeile französische Studentin Lust auf den weitaus älteren und optisch ja eher wenig attraktiven Turturro zu bekommen scheint, bleibt einem nur noch das Kopfschütteln.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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