BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 05: Frieden, Sex und Normalität – Sehnsüchte im Kinoalltag

Einer der kreativsten Filme dieser Viennale - Das merkwürdige Kätzchen Viennale
Einer der kreativsten Filme dieser Viennale - Das merkwürdige Kätzchen

Mit drei kleineren amerikanischen Filmen und einem deutschen Kinoexperiment hatten die Viennale-Tage Dienstag und Mittwoch für mich nur ein Highlight parat. Gesehen: Bluebird, It Felt Like Love, Das merkwürdige Kätzchen, Night Moves.

Große Emotionen auf der Suche nach dem Publikum

Am Dienstag war der sympathische Amerikaner Lance Edmands mit seinem Langfilmdebüt „Bluebird“ zum Gast im überraschend leeren Stadtkino – am Vortag im Urania Berichten zufolge noch überlaufen, dürfte der Film in Sachen Mundpropaganda wenig Erfolg gehabt haben. In einer Kleinstadt in Maine wird ein Junge im eiskalten Winter über Nacht im Bus vergessen und liegt als Konsequenz der Erfrierungen fortan im Koma. Davon ausgehend entspinnt sich ein Drama über Schuld und ebenso aufbrechende wie bislang verborgene Familienkrisen. Vom Unglück am stärksten betroffn sind die Busfahrerin Lesley (Amy Morton), ihr Ehemann Richard (John Slattery), ihre Tochter Paula (Emily Meade) sowie die Mutter des Kindes, Marla (Louisa Krause).

Wie der Regisseur in der Nachbesprechung erklärt, wollte er den im Schulbus vergessenen Jungen als Metapher für die aufgrund moderner Entwicklungen unnütz gewordene und verlassene Kleinstadt setzen. Ein zweifellos interessanter Gedanke, ist er zugleich aber auch ein sehr theoretischer, der einer Analyse einen schönen Absatz schenkt, den Film an sich aber nicht wirklich bereichert. So wie diese Intention bleiben auch die großen Emotionen, die von einzelnen Handlungen und Dialogen impliziert werden, verborgen, finden ihren Weg zum Zuseher nicht wirklich. Dies soll kein Affront gegen subtiles Filmemachen sein, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass dieses ein besseres Drehbuch und/oder bessere Schauspieler als in „Bluebird“ benötigt, um seine volle Wirkung entfalten zu können.

Coming of Age auf den Punkt gebracht

Einen künstlerisch anspruchsvollen, aber dennoch sehr ausdrucksstarken Zugang zum Coming of Age-Genre findet die amerikanische Filmemacherin Eliza Hittman mit „It Felt Like Love“. Von der Romanze ihrer zwei Jahre älteren Freundin Chiara (Giovanna Salimeni) gleichzeitig gelangweilt und angestiftet, macht sich die 14jährige Lila (Gina Piersanti) auf die verzweifelte Jagd nach einer ersten sexuellen Erfahrung. Ihr Objekt der Begierde, der wesentlich ältere Jugendliche Sammy (Ronen Rubinstein), ist zwar hoffnungslos desinteressiert, verleitet sie aber zu einigen schwierigen Erfahrungen.

Anhand des Einzelfalls der frühpubertären Lila zeigt Hittman eindrucksvoll jene schwere Phase der Jugend auf, in der man zwischen zwei Welten, jener der Kindheit und jener der Erwachsenen feststeckt. Während der gleichaltrige aber noch nicht so weite Nachbarsjunge der Protagonistin die Kindheit darstellt, stehen Chiara und Sammy für die Erwachsenen. Auch bei der Tanzgruppe trifft Lila nur auf Ältere und ist stets einen Schritt zu spät, den Bodensturz am Ende der Choreographie lässt sie folglich aus. Mit stimmig alternativen Hip Hop-Klängen von etwa Joey Bada$$, Flatbush Zombies oder Mikky Blanco inszeniert Hittman einen starken Film, der die Dramatik seiner Geschichte nicht verheimlicht, auf nur des Schocks wegen existierende Szenen aber verzichtet.

Kurioses Kino mit Verlegenheitslachen

Ramon Zürcher besuchte Mittwoch Nachmittag das Gartenbaukino und nahm seinen Debütfilm „Das merkwürdige Kätzchen“ mit – ein äußerst zynischer Titel, ist doch die Katze so ziemlich das normalste am kreativ eigenwilligen Film des Schweizers. Dieser zeigt einen an sich nicht allzu außergewöhnlichen Tag im Leben einer recht funktionalen Familie.

Mehr Plot gibt es nicht, denn Zürcher entfaltet sich nicht mit Handlung, sondern mit kuriosen Dialogen, die zumeist in der Küche stattfinden und geschickt klaustrophobisch gefilmt werden. Die Kamera nimmt sich in den meisten Shots einen Charakter seiner Wahl auf Augenhöhe, denn wer darüber oder darunter steht, wird nur gehört, visuell aber nicht erfasst. Dass das tiefer liegende Kommunikationsprobleme impliziert, ist noch relativ offensichtlich, aber ansonsten bleibt beim betont belanglosen Gerede vieles im Dunklen. Warum die Mutter (Quasi-Hauptdarstellerin Jenny Schily) oft so traurig schaut, das Kind immer schreit oder weshalb ausgerechnet die Katze so merkwürdig sein soll, bleibt verborgen.

Das Publikum scheint ebenso angetan wie irritiert zu sein und interpretiert das Gesehene, für die Viennale nicht unüblich, so gut es geht als Komödie. Es ist dies wohl auch die einzige Art, um „Das merkwürdige Kätzchen“, einen Film, der mehrmaliges Sehen fast voraussetzt, schon beim ersten Mal genießen zu können. Meiner bestehenden Skepsis zum Trotz, muss ich Zürcher zugestehen, ein interessantes, eigenständiges, absolut unverwechselbares Stück Kino geschaffen zu haben.

Soll das jetzt spannend sein?

Zum Abschluss des sechsten von dreizehn Viennale-Tagen füllte Kelly Reichardts „Night Moves“, zumindest in der Theorie ein echter Thriller, das Gartenbaukino. Die Naturschützer Josh (Jesse Eisenberg), Dena (Dakota Fanning) und Harmon (Peter Sarsgaard) wollen mit der Sprengung eines Damms ein Statement setzen. Doch als ein Unbeteiligter zu Schaden kommt, fallen sie in eine tiefe Sinnkrise und Dena, die den Gang zur Polizei in Erwägung zieht, wird für ihre beiden Komplizen zur tickenden Zeitbombe.

Kelly Reichardt tritt ihrem vermeintlich hochspannenden Plot bewusst mit einem sehr ruhigen Erzähltempo, das in manchen Phasen fast schon nach Echtzeit aussieht, entgegen. Dadurch bleiben ihren Figuren, vor allem aber dem Publikum viel Raum zum Nachdenken, während die Spannung weniger in der Handlung, als in der verstreichenden Zeit zu finden ist. Das klingt in der Theorie recht aufregend und der Konflikt mit dem verstorbenen Unschuldigen ist im Alltagskino ja auch durchaus bewährt. Dennoch springt der Funke bei „Night Moves“ nie über, weil man bei all der Zeit, die man bekommt, eigentlich wenig Lust auf Nachdenken oder Mitgefühl hat. Die Charaktere sind für eine Identifikation mit ihnen einfach nicht interessant oder sympathisch genug und die Inszenierung schafft es nicht, das Publikum wirklich zu fesseln. Es ist einer dieser Filme, wo man bei einigen Szenen erst am nächsten Tag versteht, dass das eigentlich spannend hätte sein sollen. 

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook