BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 06: The Bay – Genrespaß zu Halloween

The Bay von Barry Levinson Viennale
The Bay von Barry Levinson

Einen echten Horrorfilm sucht man im diesjährigen Viennale-Programm vergeblich, doch jener Film, der dem Genre am nächsten kam, wurde standesgemäß auf den 31. Oktober programmiert. Gesehen: The Bay.

Eine traumatisierte Moderatorin und ganz viel Verschwörung

In Chesapeake im amerikanischen Maryland hat sich 2009 eine epidemische Katastrophe zugetragen, deren Ausmaß von Staat und Medien völlig verheimlicht wird. Ausgehend von den Erinnerungen der überlebenden Reporterin Donna Thompson (Kether Donohue) und unterstützt durch bisher unter Verschluss gehaltene Archivbilder, soll ein Dokumentarfilm nun Aufklärung verschaffen.

Regiealtmeister Barry Levinson bastelt mit „The Bay“ einen Found Footage-Film, der vor allem durch sein gutes Storytelling von Anfang an überzeugen kann. Nur in einzelnen Szenen wird auf die in seinem Minigenre so üblichen, unglaubwürdigen Allesfilmer zurück gegriffen, die dann im letzten Moment ihr Aufnahmegerät verlieren und später Fündige zu Zeugen des Unglücks machen. Ansonsten werden dutzende Bilder von Überwachungskameras, Journalistenteams, Skypekonferenzen und ihre Erkenntnisse aufzeichnenden Wissenschaftlern verwendet.

Das Perspektivenreichtum ist eine der Stärken des Films, verleitet ihn aber zwischendurch zum Verschleppen der Geschichte. Trotz der recht knackigen 84 Minuten Laufzeit, gibt es eigentlich nicht genug zu erzählen, um die Story wirklich konstant voran zu bringen. Nach dem sehr flotten Start, gibt es eine recht träge Phase, in der sich verschiedene Footage-Szenen recht redundant abspielen. Ein, zwei Personen sind irgendwo allein und dann passiert eben wieder ein rätselhafter Angriff – anfangs ganz belustigend, ist man dann doch froh, als die Handlung wieder vorangetragen wird.

Am vierten Juli den Umweltschutz ignorieren –tz, tz, tz

Als kurzweilige Horror-Mockumentary funktioniert der Film eigentlich ganz gut, „The Bay“ will aber mehr, nämlich auch Kritik an Politik sein, die Umweltschutzwarnungen zu Gunsten von Wählerstimmen ignoriert – und im Worst Case die Katastrophe unter den Tisch kehrt. Bei aller Berechtigung, die eine derartige Position haben mag, befindet sie sich dennoch schon stark an der Grenze zur Verschwörungstheorie. Ein Balance-Akt zwischen ernstzunehmender Aussage und aufregendem Plot ist also zu meistern, doch immer gelingt Levinson das nicht.

Dass die Epidemie, nach einigen ignorierten Vorzeichen in den Wochen davor,  ausgerechnet am 4. Juli, dem berühmten Tag der amerikanischen Selbstbeweihräucherung, austritt, ist natürlich kein Zufall und eine ganz coole, witzige Idee. Auf der anderen Seite leidet natürlich die Glaubwürdigkeit wieder enorm darunter, dass innerhalb von nur einem Tag eine halbe Kleinstadt an einer Seuche verreckt, während danach alles wieder normal zu sein scheint. Und wie man es schafft, eine derartige Katastrophe vor der Öffentlichkeit zu verbergen muss einem, allen Glauben an versteckter Staatszensur zum Trotz, auch erst einmal erklärt werden.

Was „The Bay“ aber dennoch eindrucksvoll in den Köpfen des Publikums verankert, ist die Abhängigkeit der Menschheit von gesundem, sauberen Wasser. Die alles bedrohende Gefahr kommt nämlich aus dem quintessentiellen Element, was sie zu einer ständig lauernden und fast unausweichlichen Bedrohung macht, die bis in die Credits nachwirkt.

Unterm Strich bleibt ein sehr unterhaltsamer Film, der dann am besten ist, wenn er sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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