BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 07: Gegensätzliches

New World Viennale
New World

Meine drei Freitagsfilme sind beim besten Willen nicht unter einen Hut zu fassen. Ein Thriller aus Südkorea, mit viel Symbolik zugeschüttetes Experimentalkino aus Frankreich und der neue Film von Asghar Farhadi boten einen sehr abwechslungsreichen Filmnachmittag. Gesehen: New World, Le Passé, Mouton.

Drama, Twists und Zigaretten

Nachdem der Boss einer koreanischen Verbrecherdynastie bei einem Autounfall verstirbt, entfacht zwischen Jung Chung (Hwang Jung-Min) und Lee Joong-gu (Park Sung-woong) ein erbitterter Kampf um die Nachfolge. Detective Kang (Choi Min-sik) sieht in der Unruhe die Chance, mit Hilfe seines Spitzels Lee Ja-sung (Lee Jung-jae), ein von der Polizei leicht beeinflussbares Oberhaupt zu installieren.

Zigaretten, Intrigen und Brutalität in erträglichem Ausmaß – der koreanische Regisseur Park Hoon-jung legt mit „New World“ einen äußerst unterhaltsamen Thriller vor, der sich ebenso an amerikanischen Klassikern wie „The Godfather“, als auch an modernen asiatischen Kultfilmen wie „Infernal Affairs“ orientiert. Obwohl sich ein paar Wendungen durchaus schon andeuten, halten einen die unzähligen Twists sowie viele Sequenzen mit gelungenem Spannungsbogen stets bei Laune.

„New World“ hat aber auch seine Schwächen, wie etwa einige nicht ordentlich etablierte Charakterbeziehungen, die die eine oder andere Handlung ein wenig willkürlich erscheinen lassen. Auch das Pacing des Films ist nicht immer ideal, wenn etwa Spannung implizierende Musikstücke recht plötzlich wieder verschwinden. Am Ende wird auch alles ein bisschen überdramatisch, da ein Twist dem nächsten folgt und so ziemlich jede Szene zumindest die emotionale Welt eines Charakters völlig auf den Kopf stellen möchte. Wirklich ernst nehmen kann man das Endprodukt daher nicht mehr, aber unterhaltsam ist es alle Male.

Der hochtalentierte Mr. Farhadi

Als der Iraner Ahmad (Ali Mosaffa) zurück in seine alte Heimat Frankreich kommt, um sich von Marie (Bérénice Bejo) scheiden zu lassen, findet er seine frühere Geliebte in einer völlig neuen Lebensgemeinschaft vor. Gemeinsam mit ihrem neuen Freund Samir (Tahar Rahim), dessen Sohn Fouad (Elyes Aguis) sowie ihren eigenen Töchtern aus erster Ehe, Lucie (Pauline Burlet) und Léa (Jeanne Jestin), bildet sie eine moderne Patchwork-Familie. Der Besuch von Ahmad zeigt allerdings auf, wie fragil dieses Konstrukt ist und bringt es dem Einsturz nahe.

Nach dem von der Kritik gefeiertem „Dschodai-ye Nader az Simin“ („Nader und Simin“), ist der iranische Regisseur Asghar Farhadi wieder auf der Viennale vertreten. Der französische „Le Passé“ ("The Past") ist, so viel vorne weg, weitaus leichter anzugreifen als sein Vorgänger. Denn die Farhadi so eigene Art, verborgene Probleme in nachvollziehbaren, nicht künstlich wirkenden Gesprächen zum Vorschein zu bringen, wird hier fast ein wenig übertrieben. So hat die Geschichte das ein oder andere Detail parat, dessen Enthüllung man gerne gegen ein genaueres Behandeln der bereits etablierten Konflikte austauschen hätte können. Das führt dazu, dass der Film zwar nicht per se zu lang ist, aber fast ein wenig zu viel Handlung hat, oder zumindest mehr, als notwendig gewesen wäre.

Man kommt trotz einiger verzichtbarer Szenen aber kaum darum herum, auch den neuen Farhadi wieder ein Meisterwerk zu nennen. Dafür sprechen in erster Linie die Dialoge, die zugleich die Handlung voranbringen, Charaktere weiter entwickeln, oft hässlich verstörende Konflikte offen legen und Realismus stets gegenüber dem einfachsten Ausweg bevorzugen. Auch das hervorragende Schauspielensemble soll eine Erwähnung wert sein, wobei vor allem Bérénice Bejo ihre Chance, in einem größeren Projekt glänzen zu können, mit einer ebenso wuchtigen wie nuancierten Performance nutzt. „Le Passé“ fesselt von der ersten bis zur letzten Minute an und hat zudem einige Details parat, die ein mehrfaches Ansehen nahe legen.

Schäfchen zählen oder einfach raus gehen

Ein 17-jähriger Jugendlicher mit dem Spitznamen Mouton (David Merabet), also das Schaf, setzt sich von seiner Mutter ab, um in der französischen Normandie als Küchenhilfe zu arbeiten. Obwohl er bei der Arbeit ein wenig langsam ist, findet er sich überraschend gut zurecht und beginnt sogar eine Liebesbeziehung mit der Kellnerin Louise (Cindy Dumond). Doch ausgerechnet dann wird er Opfer eines völlig unerwarteten Angriffs.

Marianne Pistone und Gilles Deroo unterteilen ihren Debütfilm „Mouton“ in mehrere Episoden, wobei die erste halbe Stunde davon, bei allem Respekt, als relativ ereignislos abgetan werden muss. Immer wieder scheint die Kamera über wahnsinnig banale Handlungen zu meditieren, ehe man dann mit völlig irritierenden Szenen, wie etwa einer Art lustigen Spuckattacke auf die Hauptfigur, wohl schockiert werden soll. Plötzlich hat Mouton dann eine Freundin – warum weiß man nicht, ist aber auch wurscht, weil anscheinend eh alles nur Symbolik. Dann kommt ein, wohl auch auf einer Metaebene zu interpretierender, Motorsägen-Angriff, nach dem der Film dann völlig auseinanderfällt und sich in scheinbar unzusammenhängenden Episoden verliert – ein herumlaufender Hund, mit dem Auto fahrende Zwillinge, die Anbetung eines toten Fisches.

Kino sollte keine Regeln kennen und insofern hat „Mouton“ natürlich jegliche Existenzberechtigung, vor allem auf einem Filmfestival. Trotzdem kann man vom halbwegs durchschnittlichen Kinopublikum nicht verlangen, mit einem Werk, das ohne echte Handlung 100 Minuten lang meta-symbolischen Hokuspokus bietet, viel anfangen zu können. In irgendeiner Welt ist „Mouton“ wahrscheinlich ein Meisterwerk, oder zumindest ein guter Film, aber in meiner leider nicht. Sorry.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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