BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 08: Kinotherapie

Unglaublich gut: Återträffen von Anna Odell Viennale
Unglaublich gut: Återträffen von Anna Odell

Auf der Grundlage eines kleinen moralischen Dogmas zeigt Künstlerin Anna Odell in ihrem Debütfilm auf, wie man das Thema Mobbing optimistisch behandeln kann, ohne dabei auf Verharmlosung oder einfache Lösungen zurück zu greifen. Gesehen: Återträffen (The Reunion)

Erzählerischer Twist als cinematische Integrationshilfe

Das frühere Mobbingopfer Anna Odell (Anna Odell) wird beim Klassentreffen nach zwanzig Jahren erneut zum Außenseiter, da sie sich gegen die Behauptungen der hierarchischen Oberhäupter stellt, es wäre damals alles bestens gewesen. Mit aggressiven Ansprachen sowie vorwurfsvollen Einzelgesprächen macht sie den entscheidenden Personen ihrer Kindheit klar, welch Verbrechen sie eigentlich begangen haben. 

So weit sieht die Ausgangsposition in "Återträffen" (The Reunion), dem Debütfilm der bekannten schwedischen Künstlerin Anna Odell aus, doch nach etwa 45 Minuten erlaubt sie sich einen erzählerischen Twist, der zunächst wie ein billiges Gimmick aussieht, in Wahrheit für die Wirkungskraft des Gesehenen aber von großer Bedeutung ist. Das gezeigte Klassentreffen wird als Kurzfilm enttarnt, den die in Wahrheit als Einzige nicht zur Veranstaltung eingeladene Anna gedreht hat, um ihn ihren damaligen Kollegen zu zeigen. Diese wehren sich natürlich, etwa schon dagegen, den Film überhaupt zu sehen oder aber gegen die gebrachten Vorwürfe. Da der Film wie eine Art kleiner Rachefeldzug aufgebaut ist, ist die Wirkung dieses Tricks enorm wichtig, weil man sich nur so von Anfang an mit der Hauptfigur identifizieren und die emotionale Erleichterung aktiv miterleben kann.

Passen Schuld und Kinder zusammen? 

Man sei doch damals noch ein Kind gewesen, lautet die standardisierte Ausrede der Täter von früher. Es ist ein Argument, das so leicht natürlich nicht weg zu diskutieren und der Grund dafür ist, dass vor allem Eltern und Lehrer zur Mobbing-Prävention angewiesen werden. Odell spricht diese Denkweise gleich zu Beginn des Filmes an, ignoriert sie von da an aber konsequent, indem sie ihre Mitschüler alleine schon durch die fehlende Einladung zum Klassentreffen nicht aus der Täter-Rolle entkommen lässt. "Återträffen" will eben keine großangelegte Analyse, keine Suche nach Lösungen sein, sondern ist der persönliche Kommentar einer Betroffenen, die nach zwanzig Jahren einen Schritt nach vorne machen möchte. Wie tief die Problematik in den Gedanken der Künstlerin verankert ist, zeigen bedrohliche Kamerafahrten durch enge Klassen-Korridore sowie kurze Sequenzen, in denen Odell, mit Kopfhörern von der Außenwelt abgekapselt, wie eine Besessene durch die Stadt joggt.

Mobbing wird im Film von Anna Odell in keinster Weise verharmlost, was auch daran liegt, dass der hohe Wahrheitsgehalt der Geschichte von Anfang an erkennbar ist. Wie kann man etwas als Blödelei unter Kindern abhandeln, wenn Hierarchien auch beim Wiedertreffen unter den Erwachsenen noch weiterbestehen und die Betroffenen ihre Probleme von damals auch nach zwanzig Jahren noch nicht abgelegt haben? Das Schöne an "Återträffen" ist aber, dass es trotz ehrlichem Ansprechen der Thematik, einen optimistischen Schluss findet. Zu den wunderschönen, luftigen Klängen von Laurie Anderson's "Let X=X" schwebt die Kamera in Vogelperspektive über den Sportplatz hinweg, ehe am Dach der Schule Anna Odell auftaucht, die scheinbar tief entspannt mit ihrem Freund das Geschehen beobachtet. Es ist das fast schon kitschig perfekte Ende eines hervorragenden Films, der Mobbing bewusst nicht in seiner gesamten Form wahrnimmt, aber weiß, wie man Optimismus wirklich buchstabiert.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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