BÜCHERBÖRSE

Viennale 13, 09: Von Gut bis Erschreckend

I Used to Be Darker von Matt Porterfield Viennale
I Used to Be Darker von Matt Porterfield

Die Viennale neigt sich dem Ende zu, doch der Abschied wird nach meiner Auswahl für Sonntag und Montag nicht ganz so schwer fallen. Nur einer der drei gesehenen Filme wusste zu überzeugen, ein anderer ließ mich geradezu erschrecken. Gesehen: I Used to Be Darker, Grigris, Jimmy P.

Songs als Dialogersatz

Die jugendliche Taryn (Deragh Campbell) flüchtet aufgrund eines großen Problems zu ihrer Tante Kim (Kim Taylor) und ihrem Onkel Bill (Ned Oldham). Taryn’s Timing ist aber denkbar schlecht, da die beiden Musiker selbst gerade in einer Trennungsphase stecken und auch ihre Tochter Abby dementsprechend andere Sorgen hat.

Für „I Used to Be Darker“, seinem dritten Langfilm, hat der amerikanische Filmemacher Matt Porterfield das Drehbuch gemeinsam mit seiner Exfreundin Amy Belk verfasst und dabei erstmals auch Dialoge im Vorfeld verfasst. Dass er bereits Erfahrung damit hat, das Gesprochene ein bisschen dem Zufall zu überlassen, gerät ihm hier extrem zum Vorteil, da er es gut versteht, Themen und Probleme bereits früh durch kleine Details zu implizieren. Damit gibt er dem Publikum von Anfang an konkrete Anhaltspunkte und kann seinen Figuren Zeit geben, ehe die Dinge in einer natürlichen Art angesprochen werden. Viel gesprochen wird nicht, was aber wegen der vier kriselnden Hauptfiguren und der ruhigen inszenatorischen Hand von Porterfield nicht zu Langeweile, sondern zu Realismus führt.

 Ansonsten wird viel den Songs überlassen, die zu einem großen Teil aus den Federn der Hauptdarsteller selbst stammen. Die Texte spiegeln die Konflikte zwischen und innerhalb der Figuren zwar wieder, wirken aber dennoch echt und sind durchaus poetisch. Höhepunkt ist eine Szene, in der der verlassene Bill über den Trennungsschmerz trällert und noch im selben Shot die Akustikgitarre am Boden zertrümmert. Porterfiled bietet keine Lösungen an, findet mit den herrlichen Credits, die über eine weitere One-Shot-Performance eines Songs gelegt wird, einen versöhnlichen Abschluss. Die Geschichte von „I Used to Be Darker“ ist nicht neu, doch der Film inszeniert sie mit viel Charme und findet Charktere, die interessant genug sind, um sie sich noch einmal anzuhören.

Emotionale Distanz trotz starker Motive

In N’Djamena, der Hauptstadt des Tschad, wird der Fotograf Souleymane Démé (Souleymane Démé) bei Nacht trotz eines völlig verkrüppelten linken Fußes zum umjubelten Tänzer Grigris. Als er auch noch die Prostituierte Mimi (Anaïs Monory) kennen lernt, scheint alles rund zu laufen. Doch die schwere Erkrankung seines Stiefvaters und die damit verbundenen Kosten zwingen ihn dazu, beim Gangsterboss Moussa (Cyril Guei) als Benzinschmuggler zu arbeiten. Anfangs scheint alles gut zu gehen, doch dann bringt ein Missverständnis das Paar in Gefahr.

Mahamat-Saleh Haroun hat mit seinen letzten Filmen einige Preise eingeheimst und vertraut wenig überraschend auch bei „Grigris“ wieder einer betont unaufgeregten Erzählweise. Anstatt übertrieben emotionaler Effekthascherei überlässt er vieles seinen Figuren, deren Charme man sich aber leider recht einfach entziehen kann. Dadurch bleibt ein recht kühler Film, der seine Geschichte derart minimalistisch und zum Teil auch unklar erzählt, dass man fast das Gefühl hat, sie sei ihm ein wenig peinlich.

Trotz der fehlenden emotionalen Verbindung, bietet der Film durchaus interessante Motive auf. Beispielsweise weist der abschätzige Umgang des Gangsterbosses Moussa mit der Prostituierten Mimi, deren Kunde er einst selbst gewesen war, auch auf eine zu Grunde liegende Genderhierarchie hin, die arg bedenklich ist. Umso befriedigender ist der Schluss, der auf symbolische, aber in der Story dennoch schlüssige, Art, die Frau über den Mann triumphieren lässt.

Schäm dich, Viennale

Nach einer im Krieg erlittenen Verletzung weist der Blackfeet-Indianer Jimmy Picard (Benicio Del Toro) recht ungewöhnliche Symptome, darunter plötzliches kurzzeitiges Erblinden, auf. Da die medizinischen Tests keine Ergebnisse liefern, wird, auch aufgrund Picards Herkunft, der Anthropologe Georges Devereux (Mathieu Almaric) zu Rat gezogen.

Auch wenn große Produktionen bei derartigen Filmen nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen, schien die Prämisse von „Jimmy P.“ nicht zuletzt aufgrund des Indianer-Backgrounds durchaus hoffnungsvoll. Doch während die Herkunft des Protagonisten und die darauf basierende Faszination von Devereux zu Beginn noch ein großes Thema ist, gerät sie fortan immer mehr in den Hintergrund. Alle interessanten Ansätze werden konsequent banalisiert und am Ende bleibt die aus Hollywood schon bekannte, trottelhafte Darstellung von Psychotherapie. Der Kranke plaudert ein bisschen über seine Vergangenheit und ziemlich bald ist eigentlich schon fast alles wieder gut. Auch dass der Therapeut nur einen Patienten hat und mit diesem eine innige Freundschaft aufbaut, sind Schmähs, die man schon allzu gut kennt.

Die Filme von Regisseur Arnaud Desplechin sind Stammgast auf der Viennale, die dem Franzosen heuer anscheinend blind vertraute. Das U.S.-Debüt des Filmemachers ist nicht überdurchschnittlich schlecht, aber in jeder Hinsicht, gerade auch in Sachen Inszenierung, extrem unambitioniert. Es ist schwer vorstellbar, warum irgendein Programmverantwortlicher der Meinung war, „Jimmy P.“ würde das Festival ernsthaft bereichern. Schäm dich, Viennale.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook