BÜCHERBÖRSE

Review: Im Keller

Statische Blicke - Leute wie sie "wirklich" sind in "Im Keller" (c) Stadtkino Filmverleih
Statische Blicke - Leute wie sie "wirklich" sind in "Im Keller"

Österreicher und ihr Keller - irgendwie ist das schon eine ausgelutschte Phrase geworden. Ja, es sind vor nicht allzu langer Zeit fürchterliche Taten an die Öffentlichkeit vorgedrungen, die sich in Kellern abgespielt haben. Und wer weiß, was sich jetzt noch so alles auf österreichischen Privatgrundstücken passiert. Aber ist es eine logische Konsequenz einen Film über die Landsleute und ihre Tiefgeschosse zu machen? Anscheinend ist die klare Antwort: "Ja!", wenn es nach Ulrich Seidl geht.

Fiktion oder Realität?

Um hier gleich Missverständnissen aus dem Weg zu gehen: In Seidls neuem Film "Im Keller" geht es nicht um kriminelle Machenschaften oder gar investigativen Journalismus. Hier werden Menschen wie Du und Ich gezeigt, die gerne und oft die Treppen zu dem unterirdischen Teil ihres Hauses hinuntersteigen um ganz sie selbst zu sein. Zum Großteil handelt es sich dabei um echte Menschen, also keine Darsteller, weswegen man glauben könnte, es sei ein Dokumentarfilm. Von offizieller Seite wird der Streifen aber "dokumentarischer Essayfilm" genannt, was die Tür einen spaltbreit für Fiktion öffnet. Zudem drang auch ein kleinerer Skandal an die Öffentlichkeit, der mit einem Saufgelage in einem "Nazi-Keller" zu tun hat. Kurz zusammengefasst wehren sich die Statisten jener Szene gegen die Prämisse, dass sie in ihrem alltäglichen Umfeld gezeigt wurden. Vielmehr wären sie vom Regisseur dazu angestiftet worden in eben jenem notorischen Raum zu trinken und Witze zu erzählen. Natürlich sprach sich Seidl gegen die Vorwürfe aus.

Egal welcher Seite man nun Glauben schenken mag, es bleibt trotzdem ein übler Nachgeschmack zurück. Es kann schon sein, dass man sich manchmal Reality TV hingibt, also Programmen, in denen Statisten groben Anweisungen folgen um vermeintlich reale Situationen zu spielen. Doch möchte man sich einen Kinofilm anschauen, bei dem man nicht genau weiß wessen Realität man gerade beobachtet? Es gibt ja Szenen in "Im Keller", die ganz klar als unecht tituliert sind. Sie zeigen eine Frau, die täuschend echt wirkende Babypuppen - sogenannte "Reborn Babies" - in einem Kellerabteil verhätschelt.

Statische Blicke von statischen Statisten

Nun kann man sich von der fast philosophischen Frage abwenden, wie realistisch ein Film übrhaupt sein kann und sich anderen Fragen widmen. Etwa jener, ob ein Film nicht das Wesen eines Regisseurs wiederspiegelt. In diesem Falle die Vorstellungen darüber, was als merkwürdig empfunden wird. Heute, wo sexuelle Freiheit nicht nur eine Idee ist, sondern auch gelebt werden kann, wo man nachts den Fernseher aufdreht und fünf verschiedene Sendungen à la "Stern TV" mit den Themen Prostitution, Sado-Maso und anderen Phantasien sehen kann - ist es da üerbahupt noch erwähnenswert, dass Leute SM auch zuhause praktizieren? Und trotzdem werden diese Bilder von nicht wenigen Medien als schockierend und bedrückend beschrieben.

Doch natürlich würde die PR-Maschine ohne den nötigen Schockeffekt nicht so gut laufen. Dieses Schockieren-Wollen des Publikums steht ja offensichtlich im Vordergrund des Film. Zwar gibt es statische Szenen, die Frauen vor Waschmaschinen und Jugendliche beim Chillen zeigt, doch wird ihnen keine Möglichkeit zur Offenbarung ihrer Persönlichkeit gegeben. Man zeigt sie, weil es eben auch Leute im Keller sind, aber nicht halb so spannende wie etwa der Jäger mit seinen Trophäen der afrikanischen Tierwelt.

Fazit: Pseudo-Schock und heiße Luft

Der statische Moment zieht sich ja auch durch Seidls "Paradies-Trilogie" und ist deswegen nichts Neues. Ebenso trifft es auch die "spannenden" Protagonisten und Protagonistinnen des Filmes, so dass man noch mehr das Gefühl hat etwas Fiktives zu sehen. Die letzte Szene ist somit ein Sinnbild für den ganzen Film. Man sieht eine Frau, die sich in einen Käfig hat einsperren lassen. Und auch alle übrigen Protagonisten und Protagonistinnen wurden durch die statische Einstellungen, durch das stumme-in-die-Kamera-blicken in eine Art Käfig gesperrt, der sie nur das tun lässt, was der Regisseur erlaubt.

Zusammenfassend kann man sagen, dass "Im Keller" weder wirklich schockierend ist, noch zum Nachdenken anregt. Ja, bei manchen SM-Szenen hat die Autorin im Kino die Augen geschlossen, aber nicht weil sie von der Fundamentalität der Wahrheit so bedrückt war, sondern weil ihr diese Art von Sexualität einfach nicht zusagt. Wie jedes Land beherbergt auch Österreich eine Vielzahl von Schäfchen, deren Woll-Farbe sich auf einer Skala von tiefschwarz bis leuchtend weiß bewegt, doch dieser Film bietet kaum eine Erklärung dafür wie die vermeintlich "besonderen" Exemplare ticken. Man kann es wohl mit diesem Bild am besten beschreiben: Hier sitzt ein kleiner Junge, der einen Schaukasten voller Schmetterlinge zeigt und sagt: "Diesen habe ich gefangen, und diesen, und diesen…".

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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