BÜCHERBÖRSE

V'14, 01: Kulturschock und Weihnachtsmärchen

Mit den Tantchen beim Essen - "Villa Touma" (c) Viennale
Mit den Tantchen beim Essen - "Villa Touma"

Der erste Viennale-Tag ist vorüber und schon müssen zwei Filme gelobt und einer aus tiefstem Herzen weiterempfohlen werden. Vielleicht ist diese Begeisterung für jenen Film mit der anfänglichen Leidenschaft verbunden, die man als Film-Fan bei Beginn der Viennale empfindet. Trotz der Möglichkeit, dass die Sinne eben noch gutmütig benebelt sind, sollte man diesem Artikel vertrauen und "Villa Touma" von Suha Arraf unbedingt anschauen.

Exzellentes Familiendrama

Der Film erzählt die Geschichte eines palästinensischen Waisenmädchens, das gerade großjährig zu ihren Tanten zieht. Diese drei Frauen kann man ohne mit der Wimper zu zucken als alte Jungfern bezeichnen, von denen vor allem die Älteste besseren, also aristokratischeren Zeiten nachhängt. Durch ihr dominantes Wesen hat sie aber auch die beiden anderen Schwestern so sehr indoktriniert, dass sie keinerlei Anstalten machen dem goldenen Käfig zu entfliehen. Die Nichte Badia ist Tochter des christlich erzogenen, verstorbenen Bruders und dessen muslimischen Frau. Man kann sich also vorstellen, dass sich Badia zwischen den Harpien oftmals als ungewünschter Mischling fühlt. 

Indessen hat das Leben der drei Schwestern durch Badia einen neuen Sinn bekommen, nämlich deren Heirat mit einem gutsituierten Christen aus der stetig schrumpfenden Community zu arrangieren. Da aber nur wenige Kandidaten übrig sind und der Lebensstil im Hause Touma mehr als extrem weltfremd ist, kommt derlei nicht zu Stande. Badia, die selbst nach Monaten mit den Tanten noch viel Vitalität in sich trägt, wagt es sogar sich mit einem muslimischen Jungen einzulassen. „Romeo und Julia“ teilt mit dieser Liebesgeschichte mehr als nur die verbotene Begierde. Somit ist das Ende des Films gleichsam fürchterlich wie seltsam befriedigend.

Kulturschock im Amtsgericht

"Villa Touma" ist das Spielfilmdebüt der palästinensischen Regisseurin Suha Arraf, die zuvor schon einige Drehbücher geschrieben hat. Sie schafft es in 85 Minuten nicht nur ein extrem intensives Familien-Kammerspiel aufzubauen, sondern auch noch sehr kritisch über die Vergangenheit und die heutige Lage ihres Landes zu reflektieren. Gleichzeitig setzt sich der Film mit dem Leben von eigentlich sehr selbstbestimmten Frauen auseinander, die in einem selbstgewählten  Käfig voller strikter Konventionen hausen. Als filmisches Äquivalent könnte man "Kynodontas" vom griechischen Regisseur Yorgos Lanthimos anführen. Beide Werke stellen Familien mit einem so extremistischen Blick in den Mittelpunkt, dass man als Zuschauer manchmal gar nicht genau weiß, ob man lachen oder weinen soll. "Villa Touma" ist ein großartiger Film und man sollte sich auf keinen Fall die Chance entgehen lassen, ihn am 4. November in der Urania anzuschauen.

Und wer den ersten Absatz dieses Artikels genau gelesen hat, wird sich fragen: "Und, wie waren jetzt die anderen zwei Filme?" Auch sie waren gut, aber auf ersten Blick nicht so herausragend wie "Villa Touma". Einer der beiden war der allererste Film des regulären Viennale-Betriebs und somit noch nicht so stark besucht. "Court" vom indischen Regisseur Chaitanya Tamhane gibt einen Einblick in das Innere des indischen Rechtssystems, das aus mahlenden, halbverschimmelten Zahnrädern zu bestehen scheint. Im Mittelpunkt steht der Fall eines kritischen Folksängers, dessen Texte einen Kanalarbeiter in den Selbstmord getrieben haben sollen. Der Film begleitet aber nicht wie es zu einer Rechtsprechung kommt, sondern beleuchtet die Leben der Akteure hinter dem Rechtssystem. So wirkt das städtische Amtsgericht eher wie eine Bühne auf der sehr verschiedene Menschen zusammenkommen, als wie ein Ort an dem faire Beurteilungen gemacht werden. In den zwei Stunden die der Film dauert, bekommt man ein Gefühl für die Probleme, die in Indien an der Tagesordnung zu stehen scheinen. Eines davon ist der krasse Unterschied zwischen den Menschen, sei es aufgrund kultureller Hintergründe, Sozialschichten oder auf der sprachlichen Ebene. Die Schere zwischen Arm und Reich ist so weit offen, dass selbst die im Gericht arbeitenden Personen komplett andere Sichtweisen auf die Geschehnisse haben. Für seine 27 Jahre hat Chaitanya Tamhane einen sehr guten Debütfilm gedreht, dem es an Ideen nicht zu mangeln scheint. Kleinere Makel sind die Langsamkeit der Erzählung und die fehlende Übersetzung scheinbar unwichtiger Gespräche, die aber für Hindi-sprechende Menschen wahrscheinlich atmosphärisch einiges zum Filmerleben beitragen.

Weihnachtsmärchen zu Liebhaben

Hat "Court" wegen seinen kulturellen Zusammenstößen noch etwas mit "Villa Touma" gemein gehabt, ist der dritte Film im Bunde nun meilenweit von beiden entfernt. "Happy Christmas" ist ein kleiner, aber feiner Film von Joe Swanberg. Jenny zieht bei ihrem Bruder, dessen Frau Kelly und Sohn Jude ein, da ihr Leben ein wenig aus dem Ruder geraten ist. Was genau passiert ist, weiß man nicht, aber man kann sich schon denken, dass sie nicht ganz unschuldig an ihrer Situation ist. Irgendwie ist Jenny fürchterlich nervig, aber auch auf ungehobelte Art und Weise charmant. Das eingespielte Leben von Jeff und Kelly wird durch sie ein wenig aufgewirbelt und sie gibt vor allem Kelly ein wenig von ihrer Vitalität ab. Der Film ist ein kleines, urbanes Weihnachtsmärchen mit lebhaften Dialogen, sympathischen Darstellern und einem sanften Happy End. Großartig ist er zwar nicht, aber gute Laune hat er im ganzen Publikum verbreitet, so dass man mit einem richtig guten Gefühl aus dem Kino gegangen ist.

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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