BÜCHERBÖRSE

V'14, 02: Gegensätze

Wal-Knochen am Strand - Leviafan (c)Viennale
Wal-Knochen am Strand - Leviafan

Internationalität ist das Schmankerl eines jeden Filmfestivals. Wo bekommt man sonst Filme aus Südkorea, Chile oder der Dominikanischen Republik zu sehen? Letzteres Land ist aber nicht wirklich für seine Filmindustrie bekannt, wie das auch die zwei Regisseure Laura Amelia Guzmán und Israel Cárdenas vor dem Screening ihres Filmes betonten. „Dólares de Arena" ist die Verfilmung einer Novelle von dem französischen Autor Jean-Noël Pancraziund spielt in demselben Ort wie auch der erste Film des Regisseur-Ehepaares.

Liebe oder Heuchelei

Dort leben nicht nur Einheimische aus urbanen und ländlichen Verhältnissen nebeneinander her, sondern auch Europäer, die sich eingebürgert haben. An diesem Ort, der von der Landschaft her nicht märchenhafter und entspannender sein könnte, treffen zwei sehr unterschiedliche Frauen aufeinander. Noeli ist eine junge Einheimische und Anne eine ältere Europäerin. Die zwei verbindet eine dreijährige Liebesbeziehung, an der aber einiges faul zu sein scheint. Da hilft es auch nichts, dass Anne ihrer Geliebten einen echten Reisepass besorgt hat um sie mit nach Frankreich zu nehmen.

Der Film zeigt die Geschehnisse mit einem bedächtigen Blick. Die Stimmung ist trotzdem eher unangenehm, weil man das Gefühl nicht loswird, dass alles reine Heuchelei ist. Wenn Noeli Anne um mehr Geld für ihren Bruder bittet und die alte Dame sie darauf voller Weltschmerz ansieht, möchte man sich am besten wegdrehen. Trotzdem kann man beide Seiten verstehen, denn Anne hat ehrliche Gefühle für die junge Frau. Und auch Noeli ist der alten Lady nicht ganz abgeneigt, muss aber auch an ihre Finanzen denken. Der Film stellt die Frage in den Raum, wie viel Liebe kosten darf und kann, doch auch nach längerem Nachdenken findet man keine befriedigende Antwort darauf.

Schicksale wie Naturgewalten

An dieser Stelle könnte man eine plumpe Überleitung schreiben, von wegen: Im zweiten Film war auch das Thema Liebe im Mittelpunkt. Aber um uns allen dies zu ersparen, schreibe ich lieber rundheraus, dass „Leviafan“ von Andrey Zvyagintsev einfach ein richtig guter Film ist, Liebe hin oder her. Das russische Drama spielt in einem Dörfchen am arktischen Ozean. Umgeben von einer atemberaubenden, aber auch feindseligen Natur liegt ein Häuschen, das durch seine vielen Fenster nicht idyllischer sein könnte. Leider ist das Leben in ihm bei weitem nicht so harmonisch, wie es sein könnte. Kolja lebt dort mit seiner Frau und Sohn, doch soll er schon bald vom Grundstück geworfen werden. So bahnt sich ein Kampf mit dem korrupten Bürgermeister an, der sich nicht nur im Gerichtssaal abspielt. Hinter den Kulissen kriselt es auch noch in der Ehe, was nur bedingt mit Koljas besten Freund Dimitri zu tun hat, der als Anwalt der Familie fungiert.

„Leviafan“ ist kein Epos im herkömmlichen Sinne, aber fühlt sich trotzdem wie eins an. Auf der einen Seite liegt dies an den starken Emotionen, die durch die unaufhaltsamen Ereignisse hervorgerufen werden. Auf der anderen Seite nimmt die Story starke Anleihen an die Geschichte Hiobs. In diesem Sinne ist Kolja Hiob, der von seinem Schicksal gebeutelt wird. Dabei ist der korrupte Rechtsstaat ebenso an dem Leid des Kolja Schuld, wie Teile der russisch-orthodoxen Kirche. Die meiste Zeit ist diese Kritik zwar sehr subtil eingebaut, aber trotzdem stark spürbar. Leider wird das Publikum am Ende mit einer scheinbar endlosen und zutiefst heuchlerischen Rede eines Gottesmannes ebenso gepeinigt wie Kolja in den zwei Stunden zuvor. Das Ende wirkt dadurch nicht wie ein Wink des Zaunpfahls, sondern wie ein starker Schlag mitten ins Gesicht. Trotzdem muss gesagt werden, dass Leviafan ein hervorragender Film mit wahnsinnig ausdrucksstarken und überzeugenden Schauspielern ist. Kein Wunder, dass der Film jetzt schon zu den Nominierten der Auslands-Oscars 2014 zählt.

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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