BÜCHERBÖRSE

V'14, 03: Langsam ernährt sich das Eichhörnchen

Landis in seinem Reich - Art and Craft (c)Viennale
Landis in seinem Reich - Art and Craft

Seit ein paar Tagen sitzen viele fleißige Bienchen im Kino und bilden sich im Bereich Festivalfilme weiter. Da man es oft mit kleinen, alternativen Produktionen zu tun hat, die gerne auch mal Grenzen austesten und experimentieren, kann es sein, dass man nicht immer alles versteht. Bis jetzt hat die Autorin dieses Artikels zwar noch keinen solchen Film erwischt, für was sie ausgesprochen dankbar ist, aber ein anderes starkes Merkmal ist ihr aufgefallen: Langsamkeit. Manchmal versuchen Filmemacher und –macherinnen ein wenig Tempo aus ihren Werken zu nehmen, obwohl der Streifen schon im Schneckentempo dahin kriecht. Dies ist zwar übertrieben formuliert und trifft so nicht auf die nachfolgenden zwei Filme zu, doch trotzdem sollen sie hier als Anschauungsexemplar dienen.

Entschleunigung als Kunst?

Der erste ist ein Dokumentarfilm von den Amerikanern Sam Cullman und Jennifer Grausman. "Art and Craft" handelt vom Kunstfälscher Mark Landis, der im Laufe der letzten Jahrzehnte einige gefälschten Werke an Museen und Kunstsammlungen verschenkt hat. Da er nie Geld für die vermeintlichen Kunstwerke verlangte, kann man nicht von einer rechtlich illegalen Tat sprechen, doch natürlich hat er damit einige Leute blöd dastehen lassen, die schon jahrelang in der Kunstwelt arbeiten. Schließlich lag es in ihrem Ermessen ob sie das Bild in ihre Sammlung aufnehmen würden oder nicht.

Wenn man anfängt über Landis Gründe zu sprechen, kommt man auch gleich auf das Kernproblem des Filmes. Mark Landis hat offensichtlich psychische Probleme. Der Film behandelt dieses Thema zwar relativ offen, aber trotzdem hat man das Gefühl, Landis würde dadurch an seine Grenzen gebracht werden. Die letzte Szene ist zugleich die Schlüsselszene: Mark Landis bekommt seine eigene Ausstellung in einer Galerie und er besucht die Eröffnung höchstpersönlich. Die Einstellungen scheinen dem Mann voyeuristisch zu folgen, der selbst eher wie ein Alien wirkt, das seine ersten Schritte auf Planet Erde macht.

Ein weiteres Problem ist die angesprochene und erzwungene Langsamkeit der Bilder. Man sieht Landis beim Essen Aufwärmen, Autofahren und beim Malen – was noch am interessantesten ist. Dann wieder wie der Entdecker der Geschichte, Matt Leininger, ewig am Küchentisch sitzt und Material über Landis sortiert. Dabei kommt der Film ja erst in Fahrt als die Ausstellung zu Landis "Ehren" geplant wird und das ist gegen Ende. Die Entschleunigung ist ebenso wenig notwendig, weil der Film eigentlich nicht mehr Informationen anbietet als ein guter Zeitungsartikel. Man hätte das Thema gut und gerne als Kurzfilm-Doku verarbeiten können.

Liebe ist Emotion, ist Leidenschaft

Der zweite Entschleunigungs-Fauxpas hat sich bei "Love is Strange" von Ira Sachs zugetragen. Um gleich mal Missverständnissen aus dem Weg zu gehen: Der Film ist gut und empfehlenswert. Aber er hat eben diesen kleinen Fehler, der bei Indie-Familiengeschichten häufig vorgefunden werden kann. Die Autorin spricht von der falschen Ableitung, dass Langsamkeit von bewegten Bildern gleichbedeutend mit Aussage ist. Dem Film soll nicht vorgeworfen werden, dass er keine Aussage hat, aber längere Einstellungen von Wolken und Pflanzenüberwucherten Gebäuden machen eher dann Sinn, wenn Tempo rausgenommen werden soll. Wo aber nicht wirklich viel passiert, muss nicht auch noch ein bremsendes Element eingebaut werden. Das erhält nämlich eine emotionale Distanz zum Publikum aufrecht. Man hat also das Gefühl, man sollte so viel mehr empfinden, aber man wird nicht wirklich rangelassen, weil wiedermal Naturaufnahmen im Weg sind.

So, da das jetzt eher eine persönliche Kritik war, wird die Autorin in die Ich-Form wechseln. Nicht falsch verstehen, ich mag "Love is Strange" wirklich gerne, denn er zeigt nicht nur, dass Liebe ein Ankerpunkt im Leben von Menschen sein kann, sondern auch, dass es egal ist welche Sexualität die Protagonisten haben. Die Schauspieler Alfred Molina und John Lithgow, die das Ehepaar mimen, haben eine so starke Chemie, die den Kinosaal richtig ausgefüllt hat. Trotzdem bin ich aufgrund der allzu langsamen Erzählweise immer wieder emotional aus der Geschichte ausgetreten und habe nur schwer wieder rein gefunden. Aber keine Sorge, so viele Wölkchen-Einstellungen wie oben vermittelt, gibt es in diesem Film trotzdem nicht. 

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook