BÜCHERBÖRSE

V'14, 04: Ode an das französische Mädchentum

Tanzen zu Rihanna - Bande des filles (c)Viennale
Tanzen zu Rihanna - Bande des filles

Ich hoffe ihr alle habt "Blau ist eine warme Farbe" von Abdellatif Kechiche gesehen. Wenn nicht, dann müsst ihr euch leider einen Tag lang von der Arbeit oder der Uni freinehmen und euch dem Werk ganz und gar hingeben. Denn nachdem ihr diesen Film gesehen habt, werdet ihr nichts Konstruktives machen wollen, sondern nur noch Tagträumen. Ja, das drei stündige Epos ist wirklich so gut, wie ich hier tue. Die Schauspielerinnen sind hinreißend, die Story einfach aber so fein und die Bilder so überwältigend, dass man ihn am liebsten gleich noch einmal anschauen möchte.

Mädchentum

Doch hier soll es ja vor allem um die Viennale gehen und weil "Blau ist eine warme Farbe" schon in den Kinos war läuft er natürlich nicht auf dem diesjährigen Filmfestival. Aber um sich wieder emotional auf die Ebene des Streifens zu versetzen gibt es diesmal wieder ein kleines Juwel zu begutachten. Wenn "Bande des filles" von der französischen Regisseurin Céline Sciamma ein Buch wäre, würde man Entwicklungsroman dazu sagen. Der Film beschränkt sich darauf die Entwicklung und den Reifeprozess der Protagonistin zu verfolgen. Ging es bei Kechiche um ein junges Mädchen, das ihre Homosexualität entdeckt und damit auch ihre erste große Liebe findet, handelt Sciammas Werk von den Vorstädten Paris. Dort lebt ein ebenso junges Mädchen namens Marieme in einer verwinkelten Wohnhaussiedlung. Sie ist dunkelhäutig, wie fast alle Bewohner und Bewohnerinnen, die man in dem Film sieht. Weder schulisch noch familiär ist ihr Leben im Lot, denn zuhause übernimmt sie nicht nur die Rolle der Mutter, sondern wird auch als Eigentum des aggressiven Bruders betrachtet.

Kleinkriminalität um Kind zu sein

Nach einem besonders schweren Schultag trifft sie auf ein Mädchen Trio, dem sie sich kurzerhand anschließt um einem Jungen näherkommen zu können, für den sie schwärmt. Jetzt schrillen bei den Zusehern schon die Alarmglocken: Eine Mädchengang, die gerne motzt und schon mal handgreiflich wird? Das kann ja nicht gutgehen. Doch schnell räumt Sciamma diese Vorurteile aus dem Weg indem sie zeigt, dass hinter der harten Fassade einfach nur verträumte, lebenslustige und auch verzweifelte Mädchen stecken. Man sieht sie sich ein Hotelzimmer von geklautem Geld nehmen, wo sie eine Pyama Party abhalten, die mich an meine Schulzeit erinnert. Pizza, Musik und Tratsch – harmloser geht es nicht. Da trüben nicht mal die gestohlenen Ausgeh-Kleider die Szenerie, denn anstatt diese auszuführen, tanzen die vier lieber zusammen im Zimmer. Leider währt dieses Glück nicht lange, denn Marieme kann die Augen vor der recht heillosen Zukunft nicht mehr verschließen. Vor allem weil sie merkt, dass ihre Entscheidungen Konsequenzen haben, die nicht nur ungerecht, sondern auch sehr einschränkend sind. Lange Rede, kurzer Sinn: Aus einem Duckmäuschen, wird eine tapfere Kämpferin, wird eine Drogendealerin.

Ehrlichkeit, die weh tut

Was den Film so eindrucksvoll macht, ist die subtile Art der Erzählung. Taten haben direkte Konsequenzen und die Entwicklung der Marieme ist so realistisch, als würde man eine Dokumentation sehen. Emotional ist das Publikum eng mit der Protagonistin verstrickt. Dies wird durch den distinktiven Einsatz von Musik verstärkt. So wird die Tanzszene im Hotel von Rihannas "Diamonds" unterlegt, was das Lied ziemlich aufwertet.

Die größte Gemeinsamkeit zwischen "Bande des flles" und "Blau ist eine warme Farbe" ist die manchmal unangenehme Ehrlichkeit. Wenn die junge Adèle wegen ihrer verflossenen Liebe komplett verweint und verrotzt ist,  ist das ebenso echt wie wenn Marieme ihrer Schwester eine Ohrfeige gibt, weil die langsam so wird wie sie selbst. Es gibt in beiden Filmen keine Verschönerung der Tatsachen und deswegen wirken die positiven Szenen auch noch glücklicher. Es soll also jeder Leserin und jedem Leser ans Herz gelegt werden, sich beide Filme anzuschauen. "Bande des filles" läuft zwar nicht mehr auf der Viennale, kann aber am 7. November im Rahmen der LUX Film Days umsonst angeschaut werden. Nichts wie ins Kino!

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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