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Review: Clouds of Sils Maria

Der Star und die Assistentin - Juliette Binoche und die verschwommene Kristen Stewart (c) Filmladen
Der Star und die Assistentin - Juliette Binoche und die verschwommene Kristen Stewart

Wenn man den Begriff "meta" im Urban Dictionary sucht, dann findet man eine ziemlich eindeutige Definition: Etwas (Film, Buch, Musik…), dessen Charakteristik die Selbst-Referenz ist. Die Metaphysik, von der dieser Begriff offensichtlich abstammt, befasst sich wiederum mit den Gesetzlichkeiten des Seins und den Prinzipien, die der Wirklichkeit zu Grunde liegen. Harter Tobak also. Nun wird im Volks- und Jugendmund vieles als meta bezeichnet, das auch nur ein bisschen in die philosophische Richtung geht. Dabei trifft es ja nicht immer darauf zu. Bei dem Film von Olivier Assayas, der unter dem Titel "Clouds of Sils Maria" in den Kinos anlaufen wird, kann man aber getrost nicken und sagen: "Ja, dieser Film ist meta!"

Film im Film

Juliette Binoche mimt dabei die alternde Schauspielerin Maria Enders, die das Angebot eines jungen Theaterregisseurs lieber nicht annehmen möchte. Es ist das Stück ihres Gönners und Entdeckers Wilhelm Melchior, in dem sie mit 18 Jahren die Rolle der verführerischen Sigrid gespielt hatte und zu einem Begriff in der Theaterszene wurde. Nun soll sie 20 Jahre später die Chefin der Sigrid spielen, die von dem jungen Biest nicht nur verführt, sondern auch in den Tod getrieben wird. Mit Hilfe ihrer persönlichen Assistentin Valentine, gespielt von Kristen Stewart, stellt sie sich mehr schlecht als Recht dieser Rolle.

Erkennen die Leser und Leserinnen schon, warum diese Story meta sein soll? Genau, weil es sich hier um eine Geschichte in der Geschichte handelt. Maria Enders war damals Sigrid und soll nun zu Helena werden, an der sie kein gutes Haar lassen kann. Die Chefin eines Konzerns sei ihr zu schwach, naiv und gekünstelt. Die junge Valentine teilt sich wiederum einige Qualitäten mit Sigrid, jedoch nicht deren Skrupellosigkeit. Die zwei Frauen proben das Stück gemeinsam in Melchiors Haus oder in den nahegelegenen Bergen.

Gegensatzpaare

Vor wunderschöner Naturkulisse verschmelzen Dialoge aus dem Stück mit den Gesprächen der Protagonistinnen, bis der Draht zur Realität immer dünner wird. Gleichzeitig dreht sich das Rad weiter und weitere Rollen sollen besetzt werden. Jungstar Jo Ann Ellis, Chloë Grace Moretz, wird nicht nur Sigrid spielen, sondern zieht auch mehr Aufmerksamkeit auf sich als Enders.

Diese Rivalitäten zwischen Jugend und Alter, zwischen Ruhm und Vergänglichkeit füllen die Szenen von "Clouds of Sils Maria" aus. Obwohl es sich hier eigentlich um eine handfeste Story mit Anfang und Ende handelt, verliert sich der Film häufig im Philosophieren und der oben erwähnten Selbst-Referenz. Dass sich Assayas nicht hetzen lässt und die Gedanken bis ins kleinste Detail zelebriert, zieht auf der einen Seite mächtig in den Bann. Auf der anderen Seite kann man dies aber auch als Schwachpunkt des Filmes sehen. Schließlich wird es häufig als gelungener Kunstgriff angesehen, wenn ein Film seine tiefere Ebene mit dem Publikum teilen kann, ohne direkt Erklärungen zu liefern oder darauf hinzuweisen. Wenn man den Wink mit dem Zaunpfahl nicht mag - ob gewollt oder zufällig - könnte man sich in diesem Fall durchaus davon penetriert fühlen.

Wer aber gern in der tieferen Ebene badet, die der Film so offenlegt, wie einen Brustkorb auf dem Seziertisch, dann wird man eine große Freude mit "Clouds of Sils Maria" haben. Hier sind die bekannten Schauspieler und Schauspielerinnen nicht nur Deko auf einem Filmplakat, sondern geben wirklich ihr Bestes. Vor allem Binoche stellt wieder mal klar, dass sie eine Grande Dame der Kinowelt ist. Desweiteren schlägt Assayas ein angenehm langsames Tempo an, wenn er das Leben von Valentine und Maria in der Berghütte zeigt. Das Film- und Theaterbusiness wird ohne viel Übertreibung dargestellt, aber nicht ohne einen leichten, sarkastischen Unterton.

"Clouds of Sils Maria" ist wie ein Gehirn, dessen Gedanken jede Person lesen kann. Nichts ist subtil und nichts ist verschleiert. Diese Eigenschaft polarisiert wahrscheinlich das interessierte Kinopublikum. Die einen werden sich an den Kopf greifen und sich über das Offensichtliche ärgern, die anderen werden es genießen sich ohne Umschweife und Mystery einem einzigen Gedankenspiel hinzugeben.

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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