BÜCHERBÖRSE

"El botón de nacar" – Die Urvölker Chiles und ihr tragischer Werdegang

El botón de nácar (c) Katell Djian
El botón de nácar

UNIMAG berichtet live von der 65. Berlinale. Heute: El botón de nácar unter der Regie von Patricio Guzmán.

Nein, ein Wort wie "Gott" haben sie nicht. Die Antwort einer Frau aus dem Volk der Kawesqar auf die Frage des Regisseurs, dies in ihrer Sprache wiederzugeben. Die Menschen im Kinosaal lachen. Noch lauter ertönt das Gelächter, als sie auch die Existenz von "Polizei" in ihrer Sprache verneint. Es ist der Dokumentarfilm des chilenischen Regisseurs Patricio Guzmán über die Schönheit seines Landes, dessen Ureinwohner und die Folgen der Diktatur. In seinem vorherigen Film "Nostalgia de la luz" (Nostalgie des Lichts) widmete er sich dem Norden Chiles, der Wüste, der Vergangenheit. In "El botón de nacar" (Der Perlmutknopf), der am Sonntag, 08.02.2015, auf der Berlinale Weltpremiere feierte, begab sich Gúzman in den Süden, zu den Ureinwohnern Patagoniens, zum Wasser.

4.300 km von Chile grenzen an den Ozean. Dabei ist es nicht verwunderlich, dass die Ureinwohner stark mit dem Wasser verbunden sind. Einerseits erkennen sie die Gefahr und andererseits ist es ihre Lebensgrundlage. Zusammen mit dem Himmel, der Astronomie und den Strömungen der Ozeane konnten sie das Wetter auf das Genaueste vorhersagen. Dieses wertvolle Wissen ist inzwischen verloren gegangen. Die Schuld darin trägt vor allem die Diktatur. Die indigenen Völker wurden gejagt, gefoltert und umgebracht. Es fanden Massaker statt, über die nie berichtet wurde, weil man sich nur auf die Sieger fokussierte. Der Dokumentarfilm von Patricio Gúzman leitet das Auge des Zuschauers von der Natur Schönheit Chiles in die Grausamkeit durch Menschenhand. Mit beeindruckenden Landschaftsbildern und exzellenten Tonaufnahmen führt er in die Geschichte der Urvölker Patagoniens (Süden von Chile) ein. Eine Art Katharsis findet statt, als die Bewohner durch den englischen Seemann Robert FitzRoy entdeckt und aufgezeichnet werden. Es ist der Eingriff einer Gesellschaft in eine andere. Ab diesem Moment verkleinert sich die Bevölkerung der Ureinwohner rapide. Zuerst durch die Pestizide in der Kleidung der Industriestaaten und dann während der Diktatur in Chile. Heute gibt es noch 20 direkte Nachkommen. Die Interviews mit einigen Wenigen verdeutlichen den tragischen Wendepunkt in dieser Geschichte.

Es ist ein Dokumentarfilm der etwas anderen oder sagen wir, neueren Art. Er bildet auf poetische Weise, die einem die Zeit vergessenlässt. Er wirkt nicht belehrend, aber auch nicht einschlafend. Die mächtigen Bilder zusammen mit dem Ton und der erzählenden Off-Stimme fesseln den Zuschauer mit einer beeindruckenden Wirkung. Hinzu kommen die Interviews, die einen wieder in die Realität zurückbringen. Er läuft und bildet so einfach und flüssig wie Wasser, aber mit unglaublicher Stärke. Einzig der letzte Satz oder Wunsch des Regisseurs, dass der Mensch in Zukunft vielleicht auf einem anderen (Wasser-)planeten wohnen könne, lässt einen etwas schmunzeln.

 

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