BÜCHERBÖRSE

Filmstart: Chappie

CHAPPiE (c) Sony Pictures
CHAPPiE

Der südafrikanische Filmemacher Neill Blomkamp ist der Mann für’s Futuristische. Das hat Hollywood spätestens nach seiner Alien-Apartheid Fabel District 9 begriffen und so wurde Blomkamp vor kurzem als Regisseur des neuen Ablegers der Alien-Reihe vorgestellt. Doch bevor der gebürtige Johannesburger eines der großen Kinomonster wieder zum Leben erweckt, widmet er sich mit Chappie (offizielle Schreibweise: CHAPPiE) weitaus irdischeren und menschlicheren Themen – natürlich in der Zukunft und mit Robotern, wie sollte es sonst sein?

Zum Inhalt: In der nahen Zukunft werden Südafrikas Polizisten von einer neuen Spezialeinheit, bestehend aus autonomen Robotern, unterstützt. Diese erweisen sich als effiziente Gesetzeshüter, die kompromisslos und brutal gegen jede Form von Kriminalität vorgehen. Als eine beschädigte Robotereinheit in die Hände von Kleinkriminellen gelangt, ändert sich alles. Denn dieser Roboter, Chappie, hat eine einzigartige Programmierung erhalten, die ihn befähigt eigenständig zu denken, zu fühlen und zu handeln.

Bei der Darstellerriege setzt Jo’burger Blomkamp auf einen Mix aus bewährten Akteuren und frischen Gesichtern. Als Chappies Konstrukteur und "Vater" Deon Wilson agiert "Slumdog Millionaire" Dev Patel, während  ein herrlich verschlagener Hugh Jackman der mit Vokuhila die Rolle von Kollege und Gegenspieler Vincent Moore einnimmt. Abgerundet wird der Cast durch die Grande Dame der Science Fiction, Sigourney Weaver als deren Boss, sowie durch das südafrikanische Rap-Duo "Die Antwoord", welches als Chappies kriminelles Ziehelternpaar sein Spielfilmdebüt gibt und auch Teile des Soundtracks beigesteuert hat.

Der Roboter als menschliches Vorbild

Das Faszinierendste an Chappie dürfte der titelgebende Roboter sein. Durch die Augen eines Kindes hinterfragt er humane Widersprüche und eignet sich Stück für Stück (in Rekordgeschwindigkeit) eigene menschliche Verhaltensweisen an. Der Film ist dann am stärksten, wenn Chappie den Menschen einen Spiegel vorhält, indem den synthetischen Finger in die Wunden der Moderne legt. Was ist Menschlichkeit? Was ist Solidarität? Was ist richtig und was falsch? Chappie selber weiß es nicht. Übersät mit Gang-Graffiti und behängt mit Gangster Bling-Bling erlebt er seine eigenen privaten Kämpfe und Identitätskrisen, die auf ihre Art sehr menschlich sind. Auch der unzerstörbare Roboter erlebt Sterblichkeit, die ihm omnipräsent als ablaufende Batterieanzeige in die Brust implementiert wurde.

Die Crux liegt darin, dass Chappie eigentlich nicht gewinnen kann. Seine Quasi-Eltern Ninja und Yolandi wollen ihn hauptsächlich für einen bevorstehenden Überfall benutzen, sein Entwickler Deon Wilson sieht ihn ihm weniger die Person, sondern die nächste Stufe der Evolution und Militäringenieur Moore hält ihn für ein Konkurrenzprodukt, welches mit schwerem Gerät vom Markt gefegt werden muss. Erst im Laufe des Films erfahren die tatsächlichen Menschen (mit Ausnahme von Moore) den Wert der Person Chappie, obwohl er nicht aus Fleisch und Blut sondern eben aus Stahl und Drähten besteht.

Boyhood meets Blade Runner

Neill Blomkamps Filme sind selten einem einzigen Genre zuzuordnen. Alle sind sie Science Fiction Filme mit Actionanteil, jedoch funktionierte sein Erstling District 9 zusätzlichhervorragend als Rassismus Parabel, während die Zukunftsvision Elysium mit Matt Damon die Schere zwischen Arm und Reich bis ins Extremste auseinander schob. So ist auch  Chappie mehr als ein Sci-Fi Actiongewitter, sondern viel mehr ein Coming-of-Age-Film. Ein bizarrer Mix aus Boyhood und Blade Runner. Denn der infantile und unsichere Roboter Chappie zeigt alle menschlichen und ethischen Reaktionen, die seinem Umfeld so dramatisch abgehen. Obwohl der Regisseur im letzten Drittel ein beachtliches Actionfeuerwerk abbrennt, bleiben weitestgehend die stillen Szenen in Erinnerung: Chappie, der mit mechanischer Präzision ein Auto zeichnet oder völlig fasziniert den Geschichten seiner „Mutter“ lauscht. Dass der Film kein perfektes Kino darstellt, liegt daran, dass er gegen Ende mit viel Action und einigen bizarren Storywendungen den Kurs verlässt, den er zuvor so vorbildlich eingeschlagen hat. Dennoch bleibt Chappie unterhaltsames Science Fiction Kino für mitdenkende Zuschauer und Neill Blomkamp hinterlässt eine weitere starke Visitenkarte für sein Alien-Projekt. Sigourney Weaver kennt er ja jetzt schon.

Kinostart: 5. März

Andreas Müllauer

Redakteur seit 2013

studiert  Theater-, Film- und Medienwissenschaften

liebt Filme, Hunde & macht "irgendwas mit Medien"

Mail an Andreas.Muellauer(ät)unimag.at

 

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