BÜCHERBÖRSE

Filmstart: Wie die anderen

Therapieszenen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tulln. (c) Stadtkino Filmverleih
Therapieszenen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie Tulln.

"Wie die Anderen" behandelt den Arbeitsalltag der Tullner Kinderpsychiatrie. Dies ist eine Welt, über die weder viel gesprochen, noch viel berichtet wird.  Aber es kann eben jedem Kind passieren, dass seine geistige Gesundheit leidet. Man hört und liest in letzter Zeit immer häufiger von Menschen, die zu ihren Depressionen, Burnouts und anderen Krankheiten stehen und nicht mehr stigmatisiert werden möchten. Und langsam scheint es wirklich durchzusickern, dass es OK ist, sich ärztliche Hilfe zu holen, auch wenn körperlich keine Probleme bestehen. Nur bei Kindern möchte man es irgendwie nicht wahr haben, dass schwerwiegende Störungen und Probleme das Aufwachsen der jungen Menschen beeinträchtigen. Deswegen ist es umso schlimmer und faszinierender in diese Welt einzutauchen.

Regisseur Christian Wulff hat sich in seiner Dokumentation "in die Welt" schon einmal an einen Ort begeben, wo Menschen leiden. Und das nicht nur an körperlichen Problemen. Natürlich ist in einer Geburtenklinik auch viel Raum für Freude, aber das ist es auch in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie, zumindest scheint dies der Film zu hoffen. Diese Freude ist aber nicht in großen, ausufernden Gesten zu spüren, sondern in kleinen Details, wie bei einer Entlassung aus nachhause, oder aus den Gesprächen.

Mit einem filmischen Verfahren, das gleichzeitig stiller Beobachter und Distanzhalter zwischen Ärzte- und Filmteam zu sein scheint, greift Wulff nicht in das Leben und Arbeiten in der Kinderpsychiatrie ein. Beim Direct-Cinema Modus gibt es keine Interviews, keine Off-Stimme und keine langwierigen Gespräche mit den Protagonsiten vor dem Film. Mit diesem Modus geht es sofort ab ins Geschehen und die eigenen Position muss währenddessen ausgehandelt werden. Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, für das Filmteam sowie für das Ärzteteam. Ersteren stand eine eigene psychologische Beratung zur Seite, was wirklich einen Sinn macht, wenn man voll und ganz mit einer Umgebung verschmilzt in der menschliches Leid an der Tagesordnung steht.

"Wie die Anderen" ist also eine unkommentiert gelassenen Aneinanderreihung von Szenen aus dem Psychiatrie-Alltag. Wulff ist aber kein Ulrich Seidl, der sich diese vermeintliche Stille zu Nutzen macht indem er die Protagonisten nicht sprechen lässt, sondern sie stumm filmt. Die Protagonisten kommen reichlich zu Wort, sprechen ungefiltert vor der Kamera, als wäre diese gar nicht da. Es ist ein sehr ehrliches Bild, dass Wulff von der Tullner Kinder- und Jugendpsychiatrie zeichnet.

Die Patienten und Patientinnen, sowie deren Betreuer, Betreuerinnen und Erziehungsberechtigte mussten ihre Zustimmung für die Dreharbeiten geben. So kann vor allem der Weg von bestimmten Patienten und Patientinnen verfolgt werden, über den Weg anderer kann nur durch Gespräche unter dem Psychiatrie-Team gelauscht werden. Diese Gespräche haben nicht selten mit Kindesmissbrauch und häuslicher Gewalt zu tun. Ärztinnen und Ärzte überlegen, wie sie die Partei eines betroffenen Kindes ergreifen können und mahnen sich zur langsamen Herangehensweise, während die Zuseher das Kind wahrscheinlich am liebsten sofort in die Psychiatrie aufgenommen hätten. Geduld spielt aber eine sehr große Rolle bei der Arbeit im Krankenhaus. Weder medikamentöse Behandlungen, noch die psychologische Hilfe schlagen von einen Tag auf den anderen an. Das ist oft ein Prozess des Trial-and-Error, bis sich die betroffene Person auf eine Behandlung eingependelt hat.

Und wird bei den Aufnahmen mit den Patienten und Patientinnen immer darauf geachtet die Würde zu wahren, muss man sich als Zuseher oder Zuseherin schon wundern als die Fixierung einer Patientin gezeigt, obwohl die Person in jener Situation sicherlich nicht in der Lage war, ihr Einverständnis zu geben. Ja, Fixierungen stehen in der Psychiatrie zwar nicht am Tagesplan, aber sie sind Teil eines Prozederes das im Notfall durchgeführt werden muss. Und in den meisten Fällen geht es dabei auch nicht um die Gefährdung des Personals, sondern um eine akute Selbstgefährdung. Und, dass das Personal alles dafür tut, es der Person so angenehm wie möglich zu machen, ist auch ersichtlich. Trotzdem wäre sich der Film vielleicht ein wenig treuer geblieben, wenn er auf die Aufnahmen verzichtet hätte, auf der die junge Frau gut erkennbar ist.

Dieser eine Fauxpas zieht die Qualität des Filmes aber nicht hinunter. Fakt ist, dass man bei dieser Dokumentation nicht an der Hand geführt wird, so wie man es etwa aus dem TV kennt. Es gibt keine Aufzählung der Fakten, keine Gespräche mit dem Filmteam und kein Anzeichen darauf, wie es den Filmenden bei ihrer Arbeit geht. Dafür bleibt am Ende des Filmes auch noch so ein Gefühl zurück, dass das Leid nie ein Ende findet. Und trotzdem ist diese Dokumentation wahnsinnig interessant, einfühlsam und ehrlich. Man weiß zwar die eigenen Gefühle nach Ansehen des Filmes vielleicht nicht recht zuzuordnen, aber es ist klar, dass man noch lange darüber nachdenken wird.

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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