BÜCHERBÖRSE

LET'S CEE: Erste Eindrücke

Invisible City erzählt auf poetische Art und Weise vom heutigen Leben in Tschernobyl. (c) Invisible City
Invisible City erzählt auf poetische Art und Weise vom heutigen Leben in Tschernobyl.

In Wien findet derzeit das LET'S CEE Film Festival statt, das sich auf aktuelle Produktionen aus Mittel- und Osteuropa konzentriert. Dabei ist es aber nicht nur ein Publikumsfestival, es werden auch Preise verliehen. Wir haben uns beim ersten Sammeln von Eindrücken auf den Dokumentations-Wettbewerb konzentriert und uns zwei Einträge angesehen.

Multikulti in Wiens Kinosälen

Auch wenn das noch recht neue LET'S CEE bei den Besucherzahlen nicht immer mit seinen bereits länger etablierten Wiener Filmfestival-Kollegen mithalten kann, ist es doch in einer Hinsicht immer ein voller Erfolg: Wie keine andere Veranstaltung ist es in der Lage, Menschen aus den unterschiedlichlisten Ländern in die Kinos zu locken. Vor dem Saal zu stehen und beim ruhigen Plaudern der anderen Kinobesucher kein Wort zu verstehen, ist ein Gefühl, dass man selbst in unserer Weltstadt nur ganz selten erleben darf. Diese Internationalität gibt dem Filmschauen eine extrem angenehme Note mit: Ich kann die Kultur jener Menschen entdecken, die oft polemisch dazu aufgefordert werden, sich an unsere Kultur anzupassen. 

Persönlicher Aufklärungsfilm mit universellen Themen

Das Festival fordert aber auch abgesehen von cineastischen Werten dazu auf, in den Osten zu blicken. Die Dokumentation Naked Island etwa beschreibt schon im Titel eine Institution, die man als eine Art jugoslawisches Konzentrationslager verstehen muss. Etwa 20.000 politische Gegner wurden dort Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre festgehalten und schwer missbraucht - extreme Folter stand an der Tagesordnung. Der Film beschränkt sich aber nicht auf historische Aufklärungsarbeit, sondern kreiert eine Geschichte mit universaler Bedeutung. Die kroatische Regisseurin Tiha Gudac erzählt von ihrem mittlerweile verstorbenen Großvater, der seinerseits vier Jahre auf Naked Island verbrachte. Sie holt aber auch weiter aus, erzählt weitere Geschichten von ihrer Familie und zeichnet so ein sehr vielschichtiges Bild. Der Film zeigt hervorragend auf, wie verdrängtes Leid über mehrere Generationen bestehen bleibt. So wird aus einer zutiefst persönlichen Geschichte eine mit universeller Wirkungskraft und genau dieses Kunststück gelingt nur wenigen FilmemacherInnen. Einziger echter Kritikpunkt ist, dass sich Naked Island an manchen Stellen etwas zu offensichtlich wird, in diesen Szenen erklärt sich der Film nahezu selbst.

Leben in Tschernobyl: Hölle oder Paradies?

Davon, zu offensichtlich zu werden, ist The Invisible City sehr weit entfernt. Hier handelt es sich um eine viel artifiziellere, medidativere Herangehensweise an das Dokumentationsgenre. Viseturs Kairish aus Lettland begab sich für insgesamt 25 Tage nach Tschernobyl, wo trotz der Atomkatastrophe vor knapp 30 Jahren auch heute noch Menschen in eigentlich verbotenen Zonen leben. Mit besinnten, oft ohne Text auskommenden Einstellungen wird hier ein Paradoxon herausgearbeitet: Was aus fremder Sicht eigentlich eine Hölle sein sollte, ist für die dort Lebenden das Paradies. Das gilt insbesondere für Igor, den jüngsten und interessantesten der drei gezeigten ProtagonistInnen. Der junge Mann ist sozusagen ein klassischer Aussteiger mit ungewöhnlicher Ortswahl. In der sozialen Isolation entwickelt er seinen ganz eigenen, traditionellen Lebensstil, eigener Nahrungsproduktion inklusive. Kombiniert werden die Bilder mit Text und Musik einer klassischen russischen Oper, die über eine unsichtbare Stadt erzählt. Der Film provoziert zwar durchaus interessante Gedanken über die Beziehung zwischen Mensch und Natur, muss aber alles aus seinen Figuren quetschen, um die 68 Minuten Laufzeit zu erreichen - ein Kurzfilm hätte es auch getan, und wäre wohl stimmiger gewesen. Beim Q&A nach dem Screening erzählt der überaus sympathische Regisseur einige Anekdoten über das Leben in Tschernobyl, dass man um den Gedanken nicht herum kommt, hier wäre ein noch interessanterer Film möglich gewesen. Als gelungen kann man The Invisible City dennoch bezeichnen.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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