BÜCHERBÖRSE

Viennale 2015: Tag 1 - Menschen sind grauslig und grausam

Der erste Viennale-Tag ist immer ein ganz besonderer: Man ist geistig noch taufrisch, hat genug Proviant für den ganzen Tag im Kino eingepackt und auch die Filme begeistern noch ein bisschen leichter. Letzterer Punkt scheint aber nach einigen Jahren Viennale-Besuchs doch nicht mehr ganz so zu stimmen, schließlich waren heute drei von vier Filmen eher OK und nur einer richtig gut. Hier eine kurze Zusammenfassung des Programms vom ersten Tag:

Female Pervert (Regie: Lee Jiyoung)

Wie ihr vielleicht in meinen Empfehlungen gesehen habt, habe ich mich eigentlich ziemlich auf diesen Film gefreut. Klingt ja auch von dem Konzept her nicht so schlecht, wenn man ein bisschen auf Female-Power-Streifen steht: Phoebe (geniale Jennifer Kim) ist eine weirde Frau, die einen Schamhaar-Pickel-Fetisch hat, aber ihr Leben ansonsten ganz gut unter Kontrolle hat. Nur irgendwie passt es mit den Männern nicht ganz, obwohl sie ja sowieso nicht an der großen Liebe, sondern mal eher an einem Techtelmechtel interessiert wäre.

Was hat das Ganze mit Female-Power zu tun? Na, dass Phoebe in der Öffentlichkeit Sachen macht, die eher eklig und privat sind und auch in Filmen eher von männlichen Protagonisten gemacht werden. Schließlich ist Kacken oder Zehennägel schneiden nicht ganz ladylike, wenn man altmodisch sein möchte.

Regisseurin Lee Jiyoung inszeniert Phoebe in dem Sinne gut, dass man sie eben auch durch einen männlichen Protagonisten ersetzen könnte und sich dadurch die Story nicht wirklich verändern würde. Dass heißt, dass ihr Geschlecht nicht im negativen Sinne im Vordergrund steht. Phoebe ist ein komischer Mensch und nicht eine komische Frau.

Was ein bisschen weniger gut ist, ist, dass der Film wie eine Aneinanderreihung von mehreren Folgen einer Webserie ist, die sich vom Aufbau (Zwei Menschen treffen sich auf der Straße und irgendwie entsteht ein Gag) sehr ähnlich sind. Das Ganze hat nicht wirklich Hand und Fuß, ist aber trotzdem sehr witzig – vor allem wenn man zu denjenigen gehört, die sich vom kreischenden Lachen eines Kinosaal anstecken lassen.

Trois souvenirs de ma jeunesse (Regie: Arnaud Desplechin)

Die Rahmenhandlung ist irgendwie ein wirrer Haufen, der in Viennale-Programmheft-Lingo wohl als Versuchsanordnung umschrieben werden kann. Paul Dedalus kehrt nach langer Absenz nach Frankreich zurück und fängt aus relativ unnachvollziehbaren Gründen an, über seine Jugend und Kindheit zu sprechen. Diese drei Episoden (Trois Souvenirs) bilden den Kern des Filmes, beziehungsweise vor allem die letzte Episode bildet das Herzstück.

Diese ist eine sehr französische Liebesgeschichte in der ein adoleszenter Paul auf eine noch jüngere Esther trifft. Die beiden verlieben sich, aber es ist und bleibt eine Amour Fou, denn Paul lebt in Paris und Esther in der Heimatstadt der beiden. Es wird viel betrogen, ohne den anderen damit zu kränken, viel geweint und vermisst und vor allem leidenschaftlich geliebt.

Diese Erinnerung Pauls könnte wirklich ein eigenständiger Film sein, denn er ist stimmig in sich geschlossen. Die Schauspieler und Schauspielerinnen haben einen irrsinnigen Charme und machen ihre Sache so gut, dass man sich als Nicht-Franzose sofort ein Barett aufsetzen und eine Fluppe in den Mundwinkel stecken möchte. Warum der ganze Film aber nicht als großartig bezeichnet werden kann, ist, weil einfach das Konzept komisch ist und nicht mal wirklich durchgezogen wird. OK, am Ende sieht man dann doch nochmal kurz den jetzigen, erwachsenen Paul, aber warum er eben überhaupt vorkommt, weiß man nicht genau.

Läuft noch am 28.10, 18:00 Gartenbaukino

The Look of Silence (Regie: Joshua Oppenheimer)

Diese Dokumentation ist die Fortsetzung des grauenhaft-großartigen und oscarnominierten Werks „The Act of Killing“. In jenem Film behandelt Oppenheimer den Militärputsch in Indonesien im Jahre 1965, bei dem 1 Million Kommunisten vom Militär hingerichtet und umgebracht wurden. Die damaligen Mörder sind zum Teil immer noch in der Regierung und werden als Helden angesehen. Deswegen war es für sie wohl kein Problem, die „Heldentaten“, also die Massenmorde, nachzustellen und haarklein zu beschreiben.

In „The Look of Silence“ hat Oppenheimer die Aufnahmen Adi gezeigt, dessen Bruder 1965 ebenfalls ermordet wurde. Der Mann bricht in seiner Funktion als Optiker auf, um mit den Mördern seines Bruders zu reden und sie mit der moralischen Seite ihrer Tat zu konfrontieren. Er stellt genau die richtigen Fragen, so dass die Männer gezwungen sind, den Tatsachen ins Auge zu sehen – wenn auch manchmal nur sehr kurz.

Es ist ein Film, den man nicht so schnell vergessen wird. Schon allein die ganzen grauenhaften Taten, die man zu hören bekommt, nagen sofort an einem. Wenn einem dann noch die Situation von Adi und seiner Familie bewusst wird, hat man als First-World-Mensch ganz schön daran zu kauen.

Läuft leider nicht mehr auf der Viennale, kommt aber im November ins reguläre Kinoprogramm 

 
Alle Fotos (C) Viennale

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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