BÜCHERBÖRSE

Viennale 2015: Tag 2-4 - Dokus und die Liebe zu einem Film

Der Nachtmahr (c) Viennale
Der Nachtmahr

Die Viennale-Dokus haben oft nichts mit den Spätnachts-Fernsehdokus zu tun (Spiegel TV lässt grüßen), zu denen ich so gerne einschlafe. Und obwohl beide Arten ihre Vorteile haben, ist es auch mal angenehm, sich mit Themen zu beschäftigen, über die man sonst vielleicht gar nicht so viel erfahren würde. So war es am ersten Tag (siehe „The Look of Silence“) und so ist es auch am 4. Tag der Viennale. Damit ihr Up to date bleibt, was sich an sich so im Programm tut, gibt’s eine Zusammenfassung der Tage zwei bis vier.

Welcome to Leith (USA, Regie: Michael Beach Nichols, Christopher K. Walker)

In dieser Doku besuchen die zwei Filmemacher eine kleine Stadt, besser gesagt ein 24-Seelen-Dorf, um von den Vorgängen dort zu berichten. Denn plötzlich ist ein für die Bewohner und Bewohnerinnen unbekannter Mann eingezogen und hat angefangen Grundstücke in Leith aufzukaufen. Dieser Mann ist Craig Cobb, ein hohes Tier in der amerikanischen Neo-Nazi-Szene, und sein Ziel ist es, aus dem Örtchen ein Nazi-Dorf zu machen.

Die Regisseure dokumentieren nicht nur die Anstrengungen der Bevölkerung, die mit demokratischen Mitteln gegen die Eindringlinge –damit sind auch die Unterstützer von Cobb gemeint- vorzugehen. Sie konzentrieren sich auch auf die Gegenseite, also auf Interviews mit Cobb und einem seiner Handlanger.
Dies ist auch, was den Film so besonders macht. Natürlich unterstützen die Filmemacher nichts was er sagt, aber dadurch, dass sie so ruhig an die Sache herangehen und ihn sprechen lassen, sorgen sie dafür, dass er sich selber diffamiert.

„Welcome to Leith“ ist eine sehr spannende und vor allem informative Doku, die durch die gute Recherche und starke Cinematographie hervorsticht. Als Zuseher wird man in diese kleine Welt hineingezogen und kommt bis zur letzten Sekunde nicht los von dem Geschehen.

Der Nachtmahr (D, Regie: AKIZ)

Gleich vorweg: Das ist für mich bis jetzt der beste Film der Viennale. Zwar nicht mit Abstand, da ich zum Beispiel „Welcome to Leith“ oder „The Look of Silence“ auch sehr interessant gefunden habe, aber er hat mich einfach gepackt.

Dieser Film ist eine wilde Mischung aus Coming-of-Age-Film, Horror und „E.T.“. Genauer gesagt hat jemand gesagt, dass für ihn „Der Nachtmahr“ wie „E.T. auf Acid“ ist und dem kann ich absolut zustimmen. Er dreht sich um das Leben einer offensichtlich privilegierten Jugendlichen namens Tina, die auf total krasse Techno-Partys geht. Auf so einer Techno-Fete fängt sie sich ein Viech ein, dass das Programmheft als verbeulter Wurm bezeichnet, aber für mich eher wie ein missgebildeter Embryo aussieht. Dieses Embryo-Wesen folgt ihr überall hin und terrorisiert sie in dem Sinne, dass nur sie ihn sehen kann.

AKIZ verwendet Stroboskop-Effekte und binaurale Töne, die zwar eine Trance-Wirkung haben sollen, aber eigentlich nur mit Kopfhörern so richtig zur Geltung kommen. Dafür wird die Musik im Kino so richtig laut aufgedreht und das ist auch ziemlich berauschend, vor allem wenn es mit pulsierenden Farbspielen und zackigen Schnitten kombiniert wird. Ich habe oben zweimal Techno geschrieben, damit man sich ungefähr vorstellen kann, was für Musik verwendet wird, aber in Wirklichkeit handelt es sich dabei um einer artverwandte Form, nämlich Digital Hardcore. Deren bekanntesten deutschen Vertreter sind wohl Teenage Atari Riot. Für den Film wurde aber noch eine Schippe Hardcoreness draufgelegt und das Ganze noch mit extremen Techno vermengt.
Was rausgekommen ist, hat mich in Angstzustände getrieben, denn diese Art von Musik macht mich echt nervös. Es ist ein bisschen wie mit Hitchcocks Suspense-Musik: Ich habe angestrengt darauf gewartet, ob was Schlimmes passieren wird.

Da ich euch nicht spoilern will, gibt’s zum „Schlimmen“ keine weiteren Infos, aber was kommt ist auf jeden Fall überraschend und sehr kraftvoll. Vor allem der Schlussakt zeigt so richtig, zu was Jugendliche auch fähig sind. Die Hauptdarstellerin glänzt in der Rolle und führt die Zuseher und Zuseherinnen durch diesen absonderlichen Trip. Starke Empfehlung von meiner Seite!

Last Shelter (A, Regie: Gerald Igor Hauzenberger)

Hochaktuell ist die österreichische Dokumentation “Last Shelter” von Regisseur Gerald Igor Hauzenberger, die am (Inter)Nationalfeiertag im Gartenbaukino eine viel umjubelte Premiere feiern durfte. Erzählt wird die Geschichte jener Asylwerber, die im Dezember 2012 die Wiener Votivkirche besetzten und zwischenzeitlich in einen Hungerstreik traten.

Beeindruckend ist vor allem die persönliche Perspektive, die dem Film gelingt. Die Fehler der Politik werden hier im letztendlichen Leiden der Betroffenen charakterisiert. Respekt muss auch dafür gezollt werden, wie der Film eine recht lange Zeitspanne schlüssig zusammenfasst. Anstatt einer Stimme aus dem Off gibt es kurze Zwischentitel, die die Umstände der einzelnen Szenen erklären.

Schade ist aber, dass “Last Shelter” wichtige Umstände der Situation außen vor lässt. So werden Politiker von den Flüchtlingen - aus verständlichen Gründen - als allesamt unfähig angesehen, wirklich hinterfragt werden diese Aussagen vom Film nicht. Somit entsteht ein People vs. Politicians-Feeling, das die traurige Tatsache ignoriert, dass ein großer Bevölkerungsteil in Österreich Flüchtlingen sehr kritisch gegenüber steht.

Alle Bilder (c) Viennale

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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