BÜCHERBÖRSE

So war die Viennale 2015

The Diary of a Teenage Girl war eines meiner persönlichen Highlights auf der diesjährigen Viennale. (c) Viennale
The Diary of a Teenage Girl war eines meiner persönlichen Highlights auf der diesjährigen Viennale.

Nach zwei Wochen intensiver Kinoarbeit ging die Viennale am 5. November zu Ende. Das kann man mit einem lachenden und mit einem weinenden Auge betrachten. Lachend, weil man nach endlosen Stunden des plattgedrückten Hinterns, nach einigen Enttäuschungen und nach viel Müdigkeit endlich wieder in die Realität zurückkehren kann. Weinend, weil die Möglichkeit Filme zu sehen, die bei uns nicht ins Kino kommen, nun wieder vorbei ist. Trotzdem war es wieder eine schöne Viennale und um sie gebührend zusammenzufassen, gibt’s hier die High- und auch die Low-Lights.

Lieblingsfilme

Tangerine (USA, Regie: Sean Baker)

Dieser dynamische Mini-Roadtrip hat so viele Elemente, die ich in Filmen mag: Laute, dominante Musik, ein bisschen übertriebene Hauptcharaktere und eine Story, die den Bogen so clever spannt, dass man ihm willenlos verfallen ist.

Die Figuren Sin-Dee und Alexandra erfüllen zwar manchmal das Klischee von dauerkeifenden transsexuellen Prostituierten, sind aber von feinen Untertönen durchzogen, die sie zu sympathischen Charakteren machen. Sin-Dee, die versucht ihren sie betrügenden Freund ausfindig zu machen, nachdem sie gerade aus dem Gefängnis gekommen ist, hat zwar eine harte Schale, aber dafür einen umso weicheren Kern. Es ist frustrierend und gleichzeitig sehr erheiternd, ihr bei den Bemühungen zuzusehen.

Un Etaj Mai Jos (RO/F/D/S, Regie: Radu Muntean)

Patrascu hat alles unter Kontrolle: Sein Hund bewegt ihn zum Sport und glänzt auf Hundeshows, seine kleine Familie kennt kaum Probleme und auch als Geschäftsmann für Autolizenzen hält er alle Stricke in der Hand. Was nach außen hin wie das perfekte, einfache Leben aussieht, bröckelt dem Mittvierziger langsam auseinander. Denn eines Tages beobachtet er, wie sein Nachbar in den Mord einer anderen Nachbarin verwickelt ist, doch schweigt sich darüber vor der Polizei aus.

Unter dem Mantel einer sanften Krimi-Geschichte, geht es um einen Mann, dem langsam die Zügel aus der Hand gleiten, obwohl er sich mit aller Kraft dagegen stemmt. Doch das tut er, indem er versucht alle Einflüsse von außen zu ignorieren und das kann natürlich nicht klappen.

Der Film lebt also von dieser beklemmenden Angst des Protagonisten, die durch alltägliche Szenen sickert und die Zuseher und Zuseherinnen genauso zu paranoiden Opfern seiner Weltsicht macht.

The Diary of a Teenage Girl (USA, Regie: Marielle Heller)

In San Francisco in den 70er Jahren geht es ziemlich zu, denn die freie Liebe und der ebenso freie Drogenkonsum sind zwei Konzepte, die sehr frisch sind. Deswegen sind die Konsequenzen dieses Lebensstils nur für die Zuschauer und Zuschauerinnen ersichtlich, während die Figuren in ihrem vermeintlich liberalen Leben feststecken und auch mal versagen.

Im Mittelpunkt steht die 15-jährige Minnie, die ihre Sexualität nicht nur entdeckt, sondern auch gleich mit dem Freund ihrer Mutter auslebt. Durch diese Erlebnisse, die für ein so junges Mädchen eigentlich ein bisschen traumatisierend sein sollten, gerät sie in eine Abwärtsspirale.

Und obwohl die Geschehnisse des Filmes vom Konzept her ziemlich pervers und abgründig sind, schafft es Marielle Heller trotzdem eine positive Sicht einzubauen. Da ich mich sehr gut in die Hauptperson einfühlen konnte, hatte ich kein Problem ihren Taten zu folgen. Außerdem finde ich es großartig wie über die Sexualität einer Teenagerin gesprochen und wie sie gezeigt wird. Es ist ein ehrliches, wenn auch verstörendes Bild in einer Welt, in der einiges schiefläuft.

Anti-Lieblinge

My Nazi-Legacy: What Our Fathers Did (GB, Regie: David Evans)

Diese Dokumentation lässt zwei alte Männer aufeinander treffen, deren Väter hohe Nazi-Funktionäre im Dritten Reich gewesen waren. Dazu kommt die unkaschierte Hauptfigur in Form eines aufdringlichen Anwalts hinzu, der wegen einem Artikel die zwei Männer, Horst von Wächter und Niklas Frank, kontaktiert.

Und wer bis jetzt aufmerksam gelesen hat, weiß schon was mich an der Geschichte am Meisten stört: Der Anwalt. Und das, obwohl Horst von Wächter nichts lieber macht, als die Mittäterschaft seines Vaters zu leugnen. Damit möchte ich ihn aber nicht als Nazi titulieren, denn er scheint das nur zu tun, weil er psychisch komplett durch den Wind ist. Aber was kann man auch anderes erwarten, wenn man in einer Familie aufgewachsen ist, die einen Nazi-Funktionär verehrt und die Ideologie voll unterstützt hat?

Niklas Frank scheint seine Kindheit emotional nur so verarbeitet zu haben, dass er seinen Vater hasst und deswegen eine bessere Chance auf Aufarbeitung hatte. Um aber auf die Schwachstelle des Films zu kommen – der vom filmischen her jetzt auch keine Bombe ist – muss man sagen, dass es wirklich eine Unart ist, auf einem psychisch labilen Menschen herumzutrampeln. Damit meine ich, dass der Anwalt Horst von Wächter andauernd mit suggerierenden Fragen durchlöchert und ihn so zur Hassfigur des Filmes macht.

Selbst wenn ich die Einstellung von Wächter natürlich nicht vertrete, ist es trotzdem keine Meisterleistung einen Film so aufzuziehen, sondern vielmehr ein billiger Effekt. Diese wirklich fürchterliche Produktion und hat mit einem objektiven Dokumentarfilm nichts zu tun.

The Nightmare (USA, Regie: Rodney Ascher)

Der obere Film und diese Doku haben den letzten Satz schon mal gemeinsam: Von Objektivität kann hier nicht die Rede sein. Und ja, es gibt persönliche Dokus, die auch nur eine Seite der Medaille beleuchten und diese können auch ziemlich gut sein. Aber meistens behaupten jene Dokus auch nicht, allgemeine Aussagen treffen zu können.

„The Nightmare“ jedoch möchte gerne ein Horrorfilm sein, der aber wie ein langer Galileo-Beitrag aussieht und vom inhaltlichen her nach Bibel-TV klingt. Ich bin ziemlich traurig, dass meine Erwartungen nicht erfüllt wurden (siehe Viennale-Ankündigung), aber was mich richtig wütend macht, ist, dass ein psychologisches Phänomen dadurch ins Lächerliche gezogen wird, dass man gar keinen Experten dazu befragt.

Die Protagonisten in dieser Doku leiden unter Schlafparalyse, was bedeutet, dass sie während sie schlafen und träumen mit wachem Bewusstsein daliegen und sich dabei nicht bewegen können. Da der Verstand wach ist, kommen ihnen ihre Alpträume sehr lebensecht vor. So lebensecht, dass manche dadurch zum Christentum oder zu esoterischen Überzeugungen gefunden haben, da ihnen die Ärzte nicht helfen können. Und anstatt diesen Menschen dabei zu helfen, dem Syndrom auf den Grund zu gehen, bestärkt der Film nur den Aberglauben und kehrt die reißerische Seite hervor.

 

Alle Fotos (c)Viennale

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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