BÜCHERBÖRSE

Weil wir alle die Eier brauchen

  • geschrieben von Anne-Marie Darok und Michael Leitner
  • Drucken
  • eMail

Unsere zehn Lieblingsfilme von Woody Allen.

"Doc, uh, my brother's crazy, he thinks he's a chicken." And, uh, the doctor says, "Well, why don't you turn him in?" The guy says, "I would, but I need the eggs." Es gibt nur einen, der mit einem primitiven Witz die Liebe erklären kann.

 

Vor zwei Wochen haben wir an dieser Stelle Ingmar Bergman als unsere allerliebste europäische Regielegende vorgestellt. Diesmal konzentrieren wir uns auf das Lebenswerk eines Filmemachers, der den Schweden stets als seinen größten Einfluss titulierte. Die Rede ist natürlich von Woody Allen, der 1935 als Allen Stewart Konigsberg auf die Welt kam und seit den späten 60er Jahren Intellektuelle und Cineasten ebenso mit seinem scharfen und fordernden Wortwitz erfreut. Hier sind unsere zehn Lieblingsfilme des berühmtesten Neurotikers in New York City.

purple rose of cairo#10 The Purple Rose of Cairo
Zur Zeit der großen Depression in den 1930er Jahren flüchtet sich die Kellnerin Cecilia Tag für Tag in ihren liebsten Kinofilm "The Purple Rose of Cairo". Tom Baxter, seines Zeichens Hauptfigur des Filmes, ist ein charmanter, glänzend aussehender Frauenversteher und spiegelt somit das komplette Gegenteil von Cecilias Ehemann wieder. Als Baxter eines Tages aus der Leinwand springt und Cecilia seine Liebe gesteht, kennt das Chaos keine Grenzen mehr. Woody Allens Liebeserklärung an den Film sprüht nur so voller Charme, wirkt daher lange Zeit aber auch ein wenig irrelevant. Doch dann kommt das Ende und plötzlich weiß man, dass man eine Stunde lang an der Nase herum geführt wurde und kann es nicht mehr erwarten, „The Purple Rose of Cairo“ wieder zu entdecken.
The Purple Rose of Cairo, USA 1985, Regie, Drehbuch: Woody Allen, Darsteller: Mia Farrow, Jeff Daniels, Danny Aielo

#9 Der SchläfersleeperMiles Monroe erwacht aus einem 200jährigen Tiefschlaf und findet sich in einer Welt wieder, in der ein Führer regiert, der nichts lieber als fettige Leckereien hat. Als vegetarischer Restaurantbesitzer fühlt Miles sich nicht nur unverstanden, sondern wird aufgrund seines altmodischen Verhaltens von der Regierung gejagt.
"Sleeper" stammt noch aus der Zeit, als Woody Allen als eine Art Mischung aus Monty Pythons und Charlie Chaplin auftrat. Weitaus weniger anspruchsvoll, aber mindestens genau so lustig wie in seinen späteren Filmen, kämpft sich Allen durch genial abstrakte Szenen und selten so witzig gesehenen Slapstick-Szenen.
Sleeper, USA 1973, Regie, Drehbuch ,Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Diane Keaton, John Beck, Mary Gregory

 #8 Verbrechen und andere Kleinigkeiten

crimes and misdemeanorsIn zwei Episoden philosophiert Allen über Religion und die Verwicklungen in der Liebe. Der Augenarzt Judah Rosenthal will seine jähzornige Ex-Geliebte mit einem Auftragskiller umbringen lassen, wäre da nicht sein schlechtes Gewissen, das sich plötzlich bei ihm meldet. Währenddessen verliert der erfolglose Dokumentarfilmer Cliff Stern seine Angebetete an den verhassten, egozentrischen Schwager. Die Stränge laufen bei Rabbi Ben zusammen, der den Glauben repräsentiert.
Als der späteste Film in unserer Liste repräsentiert "Crimes and Misdemeanors" den vielleicht letzten rundum zufrieden stellenden Allen-Film, der auf die gewohnte Kombination aus Intellekt und Humor baut.
Crimes and Misdemeanors, USA 1989, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Martin Landau, Claire Bloom, Angelica Huston

 #7 Bananas

bananasMellish Fielding verliebt sich in die aktivistische Nancy, die im Inselstaat San Marcos kommunistische Rebellen unterstützt. Darauf folgt Mellish ihr und wird schließlich zum Kopf der Rebellion.
Noch vor "Sleeper" entstanden, ist "Bananas" noch chaotischer und unzusammenhängender als die anderen Frühwerke Allens. Trotzdem ist es schwer, bei Allens fast schon grauslicher Mimik oder der Ruhe, mit der ein Fernsehsprecher die bevorstehende Ermordung eines Diktators ankündigt, nicht loszulachen.
Bananas, USA 1971, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Louise Lasser, Carlos Montalban, Jacobo Morales

 #6 Machs noch einmal, Sam

play it again samImmer wenn der Filmkritiker Allan Felix auf attraktive Frauen trifft schäumt er über vor lauter übertriebener Männlichkeit, während er sich mit seinem Idol Humphrey Bogart berät, der ihm als Einbildung erscheint. Das befreundete Pärchen, Linda und Dick, wollen ihm helfen, doch Allan fällt auf, dass Linda die einzige Frau ist, bei der er sich wohl fühlt. 

Es ist mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit eine Tatsache, dass keine Hommage an keinen Film so großartig und das Original so liebenswert würdigend ist, wie es "Play it again, Sam" für "Casablanca" ist. Und nur einem Woody Allen, der erstmals Anzeichen seines späteren Stils zeigt, kann es gelingen, die Kopie der legendären Schlussszene am Flughafen genau so schön werden zu lassen wie das Original.
Play it again, Sam, USA 1972, Regie: Herbert Ross, Drehbuch ,Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Diane Keaton, Jerry Lacy, Tony Roberts

 #5 Die letzte Nacht des Boris Gruschenko

love-and.death1800 überrennen Napoleons Truppen Europa. Der schmächtige Denkergeist Boris Gruschenko wird durch einen Zufall zum russischen Kriegshelden und wurschtelt sich mehr schlecht als recht durch brenzlige Situationen.
Von den frühen, vor "Annie Hall" entstandenen und in ihrem bereits beschriebenen Slapstick meets Monty Pythons-Stil gehaltenen Woody Allen-Filmen ist "Love and Death" zweifelslos der großartigste. Der Originaltitel beschreibt aber nicht nur den Inhalt des Filmes, sondern ist auch repräsentativ für die Lieblingsthemen der kompletten Filmographie des Amerikaners.
Love and Death, USA 1975, Regie, Drehbuch , Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Diane Keaton, Georges Adet, Frank Adu

 #4 Zelig

zeligLeonard Zelig wird als menschliches Chamäleon weltberühmt: Er passt sich mental und physisch perfekt an Situationen an. Die Psychiaterin Eudora Fletcher verliebt sich in ihn, und schafft es ihn für kurze Zeit zu heilen, doch seine Vergangenheit holt ihn langsam wieder ein.
Man weiß gar nicht, worüber man hier mehr schwärmen soll. Da wäre zum einen der selten so glaubhaft gelungene Mockumentary-Stil, der die Kultur der 20er Jahre so in sich aufsaugt wie die Titelfigur seine Umgebung. Und auf der anderen Seite steht die vielleicht rührendste Geschichte, die Allen je geschrieben hat. Ein Mann gibt seine eigene Identität völlig auf, weil er seine eigene Vergangenheit nicht erträgt. Darüber hinaus kreiert „Zelig“ ein Statement über die Besonderheit des Einzelnen.

Zelig, USA 1983, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Mia Farrow, Patrick Horgan, John Buckwalter

 #3 Manhattan

manhattanVerloren in einem turbulenten Stadtteil New Yorks: Isaac ist Gagschreiber und weder mit seinem Job noch mit seinem Privatleben zufrieden. Als er sich schließlich in die Geliebte seines Freundes verliebt, veröffentlicht seine Ex-Frau ein enthüllendes Buch über ihre Ehe.
Wenn "Play it again, Sam" die wahrscheinlich beste Filmhommage der Geschichte ist, dann ist "Manhattan" die wohl gelungenste Liebeserklärung an eine Stadt, respektive an einen Stadtteil. Wie viele Allen-Filme der späten 70er und 80er Jahre, dreht sich auch „Manhattan“ im Kreis und endet genau dort wo er angefangen hat. Dazwischen verirrt sich die Hauptfigur in anderen Lösungen und Beziehungen, die ihn aber genauso wenig glücklich machen wie der Anfangspunkt. Und am Ende weiß man eigentlich nur, dass man nichts weiß.
Manhattan, USA 1979, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Diane Keaton, Mariel Hemingway, Meryl Streep, Michael Murphy

 #2 Hannah und ihre Schwestern

hannah and her sistersIn seinem komplexesten Film charakterisiert Allen nicht nur Hannah, sondern wie sich ihre Persönlichkeit und ihr Handeln sich auf ihre Schwestern, ihren Ex-, und jetzigen Mann auswirken.
Hier hat man es nicht gerade mit Allens leichtesten oder gar lustigstem Film zu tun. In allem Wirrwarr um betrügen, betrogen werden, vom Seitensprung betrogen werden und, natürlich, sich verlieben, verliert man auch als Zuseher den Halt und verliert die Grenze zwischen Gut und Schlecht völlig aus den Augen. Bezeichnend ist, dass der Film, in dem Allen selbst als Hypochonder für die wenigen lustigen Momente sorgt, doppeldeutig endet und der Liebe alles andere als ein gutes Zeugnis ausstellt.
Hannah and her Sisters, USA 1986, Regie, Drehbuch: Woody Allen, Darsteller: Woody Allen, Carrie Fisher, Michael Caine, Barbara Hershey, Mia Farrow, Dianne Wiest

 #1 Der Stadtneurotiker

annie hallDer neurotische Alvy Singer kämpft sich durch die Beziehung mit Annie Hall, die ihm in Hysterie und besserwisserischer Psychoanalyse in nichts nachsteht. Doch er verliert sie und muss der harten Realität ins Auge blicken.
"Annie Hall" ist nicht nur der entscheidende Wendepunkt in Allens Filmschaffen, sondern gab auch der Liebeskomödie den entscheidenden Feinschliff. Ohne jegliches Bündnis an Erzähl- oder Zeitstruktur setzt Allen die Szenen so aneinander, wie sie ihm gerade passen. So kann es schon einmal passieren, dass Alvy gemeinsam mit Annie durch deren Vergangenheit spaziert und sich über die Naivität lustig macht, mit der die verliebte Annie jede noch so schwachsinnige Aussage eines philosophierenden Künstlers bejaht. Um auch wirklich keinen der unendlichen zitierbaren Wortwitze zu verpassen, muss man den Film mehrmals gesehen haben. Aber Achtung, dann verdeutlicht sich auch Allens Vision immer mehr und zurück bleibt der bittere Nachgeschmack eines realistischen Blicks auf die Liebe.
Annie Hall, USA 1977, Regie, Drehbuch, Hauptdarsteller: Woody Allen, Darsteller: Diane Keaton, Tony Roberts, Carol Kane

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook