BÜCHERBÖRSE

Verstorbene des Filmjahres 2011 – Eine Verneigung

falk peterMitten im Weihnachtsstress, der vor lauter Konsumgier und gesellschaftlichem Zwang kaum mehr an ein Fest der Liebe erinnern lässt, haben wir uns eine Pause genommen, um jene zu würdigen, die uns mit dem vollen Einsatz ihres Talents glücklich gemacht haben. Die Rede ist von zehn, selbstverständlich nicht gereihten, Personen aus dem Filmbusiness die 2011 ihre Plätze vor oder hinter der Kamera für immer verlassen haben.

Die hier genannten sind jene Filmschaffende, die uns aufgrund großartiger Leistungen, aufgeregter Leben oder einfach wegen ihrer Institutionalisierung in unserer Kultur am stärksten in Erinnerung bleiben werden. Dennoch stehen sie nur stellvertretend für alle, deren Arbeit wir vermissen werden. In alphabetischer Reihenfolge:

alexander peterPeter Alexander 1926-2011

Kaum ein Österreicher hat sich seinen Ruf als Entertainer so sehr verdient wie Peter Alexander. Umso trauriger ist es, dass das Universaltalent droht, in Vergessenheit zu geraten. Während bei der Generation der momentanen Zwanziger vielleicht noch die Erinnerung an die naiv charmanten Liebeskomödien existiert, durch die sich Alexander Sonntagvormittag für Sonntagvormittag gesungen hat, ist er für noch jüngere wohl nicht mehr als ein loser Begriff.
Das liegt aber nicht an der eh so oft kritisierten und angeblich ja so unkultivierten Jugend, sondern vielmehr daran, dass Peter Alexander wie kaum ein anderer eine Zeit und einen Humor vertritt, der heute nicht mehr aktuell ist. Denn was genau soll ein 15jähriger mit einer Hans Moser-Parodie anfangen? Aber jedem Cineasten, der bei Peter Sellers Performances in „Dr. Strangelove“ ins Schwärmen gerät, soll Alexanders Royals-Parodie empfohlen sein, bei der der Österreicher den verzweifelten Charles, die zickigen Queen und Diana, sowie die betrunkene Queen Mum gleichzeitig mimt.

eichinger bernhardBernd Eichinger 1949-2011

Das Ableben des deutschen Produzenten Bernd Eichinger war wegen seiner Plötzlichkeit der vielleicht größte Schock des Filmjahres 2011. Mit einer schier endlosen Anzahl an Filmen, die unter seiner Leitung entstanden, hatte er sich nicht nur zu einer Instanz der deutschsprachigen Branche entwickelt. Eichinger wirkte auch bei internationalen Blockbustern wie „Resident Evil“ oder „Fantastic Four“ mit.
Die qualitativ wertvollsten Werke seiner Filmographie entstanden aber just dann, wenn Eichinger direkt in den kreativen Prozess eingriff. So schrieb er beim intensiv diskutierten und knapp am Fremdsprachen-Oscar gescheitertem Hitler-Drama „Der Untergang“ ebenso das Drehbuch wie bei „Der Baader Meinhof Komplex“ über die Rote Armee Fraktion. Vielen wird natürlich auch die stilsichere Verfilmung von Süskinds „Das Parfum“ in Erinnerung bleiben, bei dessen Drehbuch Eichinger ebenfalls beteiligt war.

falk peterPeter Falk 1927-2011
Gott sei Dank gibt es nicht weniger als 69 Episoden von „Columbo“. So ist nämlich garantiert, dass wir Peter Falk, der mit seiner Darstellung ohne Zweifel einer der beliebtesten TV-Detektive aller Zeiten wurde, nie vergessen werden. Als Falk gerade einmal drei Jahre alt war, musste ihm wegen eines Tumors das rechte Auge entfernt werden. Auch dem Glasauge, das ihm stattdessen eingesetzt wurde, hatte er später seinen charakteristischen Blick und in weiterer Folge den Kult um Columbo zu verdanken. Zu Beginn seiner Schauspielkarriere war man davon aber weniger begeistert. Ein Studioleiter soll ihn mal mit dem Argument abgelehnt haben, er könne um das selbe Geld auch einen Darsteller mit zwei Augen engagieren.
Seinen bekanntesten Kino-Auftritt hatte Falk im Kultfilm „Eine Leiche zum Dessert“, in der er als Parodie auf Humphrey Bogarts Darstellung des Sam Spade in „Die Spur des Falken“ auftritt. Mit anderen Superdetektiven wie Hercule Poirot oder Miss Marple löst er einen kuriosen Fall.

fischer gunnarGunnar Fischer 1910-2011
Kreative Entscheidungen trifft meistens der Regisseur. Was wir aber wirklich sehen, das liegt schließlich immer nur am Kameramann. Daher kann man nicht einmal gewagte Hypothesen darüber aufstellen, wie das frühe Schaffen Ingmar Bergmans  ohne seinem kongenialen Partner hinter der Kamera, Gunnar Fischer ausgesehen hätte. Nicht weniger als 12 Filme realisierten die beiden zwischen 1948 und 1960.
Ohne große Kamerafahrten, aber mit strengen, ehrlichen Bildern erweckte Fischer Klassiker wie „Wilde Erdbeeren“ oder „Das siebente Siegel“ zum Leben. Unvergessen sind unter anderem die Schlussbilder aus dem letztgenannten Film, bei denen die Hauptfiguren gemeinsam mit dem Tod in die Nacht hinein tanzen. Nach der Zusammenarbeit mit Bergman, der von da an auf Sven Nykvist als Kameramann setzte, realisierte Fischer nur noch wenige Projekte und zog sich schließlich 1975 aus dem Filmgeschäft zurück.

girardot annieAnnie Girardot 1931-2011
Mit der Schauspielerin Annie Girardot verließ uns heuer auch eine französische Ikone des anspruchsvollen Films. Über 50 Jahre hinweg arbeitete sie mit den talentiertesten Regisseuren Europas. So war sie 1960 in Luchino Viscontis „Rocco und seine Brüder“ ebenso zu sehen wie 2005 in Michael Hanekes „Cache“.
Ihren letzten großen Filmauftritt hatte Girardot aber aus tragischen Gründen. Seit 2003 litt die Schauspielerin an Alzheimer. Im Fernsehfilm „Annie Girardot, ainsi va le vie“ beschäftigte sich Nicolas Baulieu mit ihrem Schicksal.

loriotLoriot 1923-2011

Der bekannteste deutsche Humorist Bernhard-Victor Christoph Carl von Bülow stammte zwar aus selbst aus der Oberschicht, doch nichts wäre ihm ferner gelegen als diese „Schicht“ aus seiner Arbeit auszusparen.
Als Karikaturist, Satiriker, Schauspieler und Regisseur stellte er das Spießertum in all seinen komischen Facetten zur Schau, ohne dabei den gesellschaftskritischen  Sarkasmus zu unterdrücken. In seinen Filmen „Ödipussi“ und „Pappa ante Portas“, mimt er einen Prototyp eines tapsigen Unternehmers mit Ehe-, oder Familienproblemen. Fast immer an Loriots Seite war seine „Muse“ Evelyn Hamann, die 2007 verstarb.   

lumet sidneySidney Lumet 1924-2011
Auch wenn Sindey Lumet bereits 86 Jahre alt war, als er im April dieses Jahres verstarb, wollte niemand so recht wahr haben, dass man in Zukunft ohne dem Regisseur auskommen sollte. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass „Tödliche Entscheidung – Before the Devil Knows You’re Dead“, der 2007 entstand und schließlich Lumets Schwanengesang werden sollte, einfach zu lebendig, intelligent und modern war, um nicht noch mehr zu wollen.
Vom Mainstream oft übersehen kann Lumet zumindest zum erweiterten Kreis derer zählen, die man gern als „beste Regisseure aller Zeiten“ bezeichnet. Verdient hat er sich das mit Dramen, die dank simplen Gesten, schwierigen Charakteren und intelligenten Dialogen immer einen subtilen Kampf gegen Vorurteile verfolgen. Bereits seine erste Regiearbeit, „Die zwölf Geschworenen“ aus 1957, bei der Henry Fonda als Geschworener Nr.8 verzweifelt versucht, Gehör bei seinen sturen Kollegen zu finden, gilt bis heute als sein größtes Meisterwerk. Davon, ein cineastisches One-Hit-Wonder zu sein, war Lumet aber stets weiter entfernt. Auch „Hundstage“, in dem Al Pacino als Geißelnehmer bei einem Banküberfall zum Medienstar avanciert oder der mehrfach oscarprämierte Film „Network“, der 1976 eine heute längst wahr gewordene Dystopie von der Zukunft des Fernsehens zeichnete, sind absolute Klassiker.

postlethwaite petePete Postlethwaite 1946-2011
Es mag zynisch klingen, aber irgendwie war es passend, dass der Tod des britischen Charakterschauspielers, Pete Postlethwaite, im Jänner dieses Jahres, von den Massenmedien weitestgehend unbeachtet blieb. Ebenso leise wie er abtrat waren nämlich auch die meisten Rollen, die er verkörperte. Subtil und seinen eigenen Charakter nach innen kehrend, wurde er seinen Figuren stets bis ins Detail gerecht.
Über die Jahre seiner Filmkarriere hinweg, wählte der ursprüngliche Theaterschauspieler zumeist Rollen in anspruchsvollen Projekten und trat unter anderem in „Der ewige Gärtner“, „Inception“ und seinem letzten Film „The Town“ auf. Seine bekannteste Rolle aber ist wohl die des Mr. Kobayashi in „Die üblichen Verdächtigen“. An der Seite von Kevin Spacey brillierte Postlethwaite als mysteriöser Vertreter eines sagenumwobenen Gangsterbosses.  

russell janeJane Russell 1921-2011
Bereits vor über 40 Jahren trat die amerikanische Schauspiellegende Jane Russell zum letzten Mal auf der Kinoleinwand auf. Bis dorthin hatte sie knapp über 20 Filme realisiert und war in den 40er und 50er Jahren zu einem der begehrtesten Sexsymbole aufgestiegen. Wer nun die nächst liegende Gedankenassoziation  verfolgt und die Wörter Sexsymbol und 40er/50er Jahre zu Marilyn Monroe zusammen bindet, liegt auch schon auf der richtigen Fährte.
An der Seite von Monroe feierte Russell nämlich 1953 mit „Blondinen bevorzugt“, einer Kult-Komödie von Howard Hawks, ihren größten Erfolg. Während Monroe die materialistische Lorelei mimt und einen ikonische Performance von Diamonds Are a Girl’s Best Friend auf das Parkett zaubert, brilliert Russell als zurückhaltende Dorthy, die Geld nicht viel abgewinnen kann. Ein weiteres erwähnenswertes Highlight ist ihr verrucht erotischer Auftritt in ihrem Debütfilm „Geächtet“.

taylor elizabethElizabeth Taylor 1932-2011
Als Schauspielerin Elizabeth Taylor vor neun Monaten verstarb, sprachen nicht wenige Medien vom Abgang der letzten echten Film-Diva. Gleichzeitig war sie der letzte ganz große Leinwand-Star, der aus dem alten Studiosystem Hollywoods empor kam. Ob sie all der Ruhm jemals glücklich gemacht hat, ist allerdings eine andere Geschichte. Symptomatisch dafür wie schwer es ist, ihre Karriere von ihrem skandalumwobenen und von nicht weniger als acht Ehen geprägten Privatleben zu trennen, ist, dass ausgerechnet „Cleopatra“ einer ihrer größten Erfolge darstellt.
Viel bekannter als der Film selbst, sind die Fakten, aber auch die Mythen, die sich um ihn wanken und von dem drohenden Bankrott von 20th Century Fox berichten. Wie Taylors Karriere wurde aber auch „Cleopatra“ selbst schließlich zum Megaerfolg. Unvergessen wird sie aber auch für ihre unzähligen bemerkenswerten Auftritte wie ihrer Tour de Force in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ oder für ihre beiden Oscar-Rollen in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ und „Telefon Butterfield 8“ bleiben.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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