BÜCHERBÖRSE

Golden Globes 2012

golden globes 2Am Sonntag ist es wieder einmal so weit und die Golden Globes, so etwas wie die Oscars für Arme, werden vergeben. Ein Monat vor der Oscar-Gala dienen die Globes in erster Line dazu, die Spekulationen rund um die wichtigste Preisverleihung des Filmbusiness, erstmals in den Fokus des oberflächlichen Mainstreams zu rücken. Für alle, die vorher schon Bescheid wissen wollen, geben wir einen Überblick über den anstehenden Awards-Wahnsinn.

Jährlich fängt der wahre Kampf um Nominierungen und Awards schon viel früher an, als dies die Massenmedien kommunizieren. Und jährlich springen die entsprechenden Filmredaktionen bei den Golden Globes dann aus ihren Verstecken, um uns zu erzählen, wie stark dieser oder jener Film gerade seine Favoritenstellung untermauert hätte. Doch man sollte nicht zu leichtgläubig sein, denn erstens hat sich schon vieles getan, und zweitens tut sich noch viel. Die Globes dienen lediglich dazu, der Öffentlichkeit den momentanen Stand der Dinge näher zu bringen, und eventuell ein kleines Momentum zu Gunsten des einen oder anderen Schauspielers zu erzeugen. Besonders wenig sagen sie über das Rennen um den besten Fillm aus. Das liegt unter anderem an der fürchterlich veralterten Unterteilung des Hauptpreises in „Best Drama“ und „Best Comedy or Musical“.

Überarbeitete Oscar-Regeln

Dazu kommt, dass beim großen Bruder, den Academy Awards, wieder einmal alles neu ist. Als es Christopher Nolans fulminantes Batman-Spektakel „The Dark Knight“ bei den Oscars 2009 nicht auf die fünf Filme lange Nominierungsliste für den besten Film des Jahres schaffte, herrschte Entsetzten in der weltweiten Filmgemeinde. Prompt reagierte die für das Fopat verantwortliche Academy mit einer Regeländerung, und kündigte an, ab dem folgenden Jahr zehn Filme in dieser wichtigsten aller Kategorien zu nennen. Nach der fast schon peinlich patscherten Nominierung von „The Blind Side“ vor zwei Jahren und einigen weiteren fragwürdigen Nennungen im Vorjahr, präsentierte man vor Beginn der heurigen Awards-Saison die nächste Regelrevolution. In Zukunft schwankt die Anzahl der für den besten Film Nominierten zwischen fünf und zehn. Demnach werden die fünf Filme mit den meisten Stimmen definitiv nominiert, während für die Plätze sechs bis zehn gilt, dass sie zumindest fünf Prozent der Stimmen des Erstplatzierten benötigen, um es auf die begehrte Liste zu schaffen.

Indikatoren darüber, welche Filme zu den Glücklichen zählen könnten, und natürlich auch darüber, wer die Trophäe schließlich mit nach Hause mitnehmen wird, geben vorrängig nicht die Golden Globes oder gar die BAFTAs, sondern die Nominierungen der verschiedenen Filmgilden. Essentiell sind dabei die DGAs (Directors Guild Awards – Gilde der Regisseure), die PGAs (Producers Guild Awards – Gilde der Produzenten), die SAG Awards (Screen Actors Guild Awards – Gilde der Schauspieler) und mit Abstrichen die WGAs (Writers Guild Awards). Letztere verlieren ihre Wertigkeit aufgrund ihrer strengen Regeln, die jedes Jahr einige Favoriten für den Award unzulässig werden lassen. Prominentestes Opfer 2012 ist der Oscar-Topfavorit „The Artist“. Wir haben für euch eine grafische Übersicht erstellt, die zeigt, welche der favorisierten Filme bei welchen Gilden nominiert wurden.

golden globes 1

„The Artist“ schon jetzt großer Favorit
Zusammenfassend gilt, dass „The Artist“ der kaum mehr einholbare Frontrunner der Awards-Saison ist. Unterstrichen wurde das in der Nacht von Donnerstag auf Freitag mit dem Gewinn bei den Critics Choice Movie Awards. Größte Herausforderer, die stark von einer Nominierung ausgehen können, sind „The Descendants“ mit George Clooney, Martin Scorseses 3D-Revolution „Hugo“, Woody Allens „Midnight in Paris“ und das Anti-Rassismusdrama „The Help“. David Finchers Verfilmung des Stieg Larsson Bestsellers, „The Girl with The Dragon Tattoo“, startete mit einer DGA und einer PGA Nominierung in den letzten Wochen eine überraschende Aufholjagd, während Steven Spielbergs Pferderlepos „War Horse“, das einst als großer Anwärter galt, angefangen mit der Nicht-Berücksichtigung in der Regie-Kategorie bei den Globes, zuletzt stark zurückgefallen ist. Am Sonntag ist es jedenfalls krasser Außenseiter, wenn in der Kategorie „Best Drama“ so etwas wie der erste „The Artist“-Herausforderer erruiert wird. Favorit darauf ist definitiv „The Descendants“, in der „Best Musical or Comedy“-Kategorie wäre alles andere als ein Gewinn von „The Artist“ eine Sensation.

golden globes 3Nominierungen Globes: Best Drama: The Descendants, The Help, Hugo, The Ides of March, Moneyball, War Horse
Best Musical or Comedy: The Artist, Bridesmaids, 50/50, Midnight in Paris, My Week with Marilyn

UniMag-Tipp: The Descendants bzw. The Artist

Zu den vielen fragwürdigen Angewohnheiten, die die Academy pflegt, gehört auch jene, den Regie-Oscar meist an den Film zu verleihen, der auch als bester Film ausgezeichnet wird. Die Leistung des Regisseurs selbst spielt dabei meist nur bedingt eine Rolle. Dies zeigt auch die letztjährige Auszeichnung Tom Hoopers für den „Bester Film“-Gewinner „The King’s Speech“. Was auch immer man an dem Film finden mag, eine besonders herausstechende Regie-Arbeit wird es kaum sein. So kommt es, dass Michel Hazanavicius, der am Set von „The Artist“ die Fäden zog, von der Favoritenrolle seines Films profitiert und selbst erster Kandidat auf den Oscar ist. Denkbar wäre auch, dass Martin Scorsese, der trotz Klassiker wie „Taxi Driver“, „Raging Bull“ oder „Goodfellas“ bis zum Jahr 2006 warten musste, um für „The Departed“ seinen ersten Oscar entgegen zu nehmen, noch einmal ausgezeichnet wird. Seine Anerkennung als einer der Größten seines Faches ist in den letzten Jahren noch stärker gestiegen, und die Academy könnte sich unter Druck gesetzt fühlen, dem Altmeister noch einen weiteren Award zu geben. Alle anderen Gewinnszenarien scheinen undenkbar zu sein, zumindest solange „The Artist“ als Frontrunner gilt. Ergo könnte „The Descendants“ mit einem Gewinn des Regie-Globes noch einmal ins Rennen zurück zu finden. Im Moment scheint dies allerdings sehr unwahrscheinlich zu sein.

Nominierte Golden Globes: Best Director: Woody Allen – Midnight in Paris, George Clooney – The Ides of March, Michel Hazanavicius – The Artist, Alexander Payne – The Descendants, Martin Scorsese – Hugo
UniMag-Tipp: Michel Hazanavicius – The Artist

Mehr Spannung bei den Hauptdarstellern
Fast schon traditionell spannender als das Rennen um den besten Film ist das um die Schauspielerpreise. Bei den Hauptdarstellerinnen ist Stand der Dinge Viola Davis in der Favoritenrolle. Selbst die hartnäckigen Kritiker ihres Filmes müssen ihr zugestehen, dass sie dem oberflächlichem „The Help“ mit ihrer Performance zumindest ein bisschen Tiefe verliehen hat. Wie im Prinzip jedes Jahr ist Meryl Streep auch heuer wieder eine Garantie für eine Nominierung. Als Margaret Thatcher in „The Iron Lady“ dürfte sie aber wieder einmal der streitbaren Ansicht der Academy zum Opfer fallen, man müsse sie nicht mehr auszeichnen, weil sie ja schon zwei Oscars hat. Mittlerweilen nur noch Außenseiterchancen auf einen Gewinn hat Michelle Williams, die sich für ihre Darstellung der Monroe in „My Week with Marylin“ einer Nominierung aber ziemlich sicher sein dürfte. Bei den Globes wird auch bei den Hauptdarstellern aufgesplittet. Michelle Williams ist in der Comedy-Kategorie große Favoritin, während Viola Davis gegen Meryl Streep in der Drama-Kategorie antritt.

Nominierte Globes:
Best Actress – Drama: Glenn Close – Albert Nobbs, Viola Davis – The Help, Rooney Mara – The Girl with the Dragon Tattoo, Meryl Streep – The Iron Lady, Tilda Swinton – We Need to Talk About Kevin
Best Actress – Comedy or Musical: Jodie Foster – Carnage, Charlize Theron – Young Adult, Kristen Wiig – Bridesmaids, Michelle Williams – My Week with Marilyn, Kate Winslet – Carnage
UniMag-Tipp: Viola Davis bzw. Michelle Williams

golden globes 4Bei den Hauptdarstellern spricht man im Moment von einem offenen Dreikampf, an dem auch zwei Giganten des Mainstreams beteiligt sind. Brad Pitt hat mit „Moneyball“ und seiner wahrscheinlich aber in die Nebendarstellerkategorie fallenden Darstellung in „The Tree of Life“, gleich zwei Performances hingelegt, die bei der heurigen Awards-Saison regelmäßig berücksichtigt werden. Dazu kommt, dass er in der Kategorie jener Schauspieler ist, die gemeinhin als für einen Oscar überfällig gelten. Dies hat schon Jeff Bridges zu einem Oscar für „Crazy Heart“ gebracht, der, die Karriere betrachtend hart verdient, aber die singuläre Performance in diesem Film beachtend, weniger gerechtfertigt war. Seit seinem neulichen Sieg bei den Critics Choice Movie Awards scheint allerdings George Clooney, der ursprünglich auch als Favorit in die Awards-Saison ging, mit „The Descendants“ wieder in der Pole Position zu sein. Außenseiterchancen hat auch noch Jean Dujardin, der für „The Artist“ ins Rennen geht und von der großen Anerkennung profitieren könnte, die der Film bekommt. Hier ist noch alles offen, die Globes könnten aber zumindest ein bisschen den Weg weisen. Jean Dujardin wird als bester Comedy-Darsteller konkurrenzlos triumphieren, aber in der Drama-Kategorie kommt es zum aussagekräftigen Aufeinandertreffen von Brad Pitt und George Clooney.

Nominierte Globes:
Best Actor – Drama: George Clooney – The Descendants, Leonardo DiCaprio – J. Edgar, Michael Fassbender – Shame, Ryan Gosling – The Ides of March, Brad Pitt – Moneyball
Best Actor – Comedy or Musical: Jean Dujardin – The Artist, Brendan Gleeson – The Artist, Joseph Gordon-Levitt – 50/50, Ryan Gosling – Crazy, Stupid, Love., Owen Wilson – Midnight in Paris
UniMag-Tipp: George Clooney bzw. Jean Dujardin

Offenes Rennen auch bei den Nebendarstellern
Bei den Damen ist die Nebendarstellerkategorie heuer besonders schwer zu prophezeihen. Von einer bewährten Methode könnte dabei Bérénice Bejo profitieren. Obwohl sie durchaus als Hauptdarstellerin von „The Artist“ durchgehen könnte, wird sie in der Kampagne als Nebendarstellerin positioniert. In dieser Kategorie hat sie durchaus Chancen, sieht sich aber starker Konkurrenz gegenüber. Die Suppe versalzen könnte ihr „The Help“, das mit der Critics Choice-Gewinnerin Octavia Spencer sowie Jessica Chastain gleich zwei Kandidatinnen ins Rennen schickt. Stand der Dinge ist dies also ein Rennen zwischen „The Artist“ und „The Help“, wobei es immer schaden kann, wenn zwei DarstellerInnen in derselben Kategorie für denselben Film nominiert werden. Schließlich sind nicht alle Stimmberechtigten Experten für alles und wählen bei vielen Kategorien einfach den Film, der ihnen am besten gefallen hat. So könnten sich Chastain und Spencer gegenseitig Stimmen nehmen und Bejos leichte Favoritenrolle dadurch noch verstärken. Der Globe wird in dieser Kategorie ein wenig Licht ins Dunkle bringen.

Nominierte Globes:
Best Actress in a Supporting Role: Bérénice Bejo – The Artist, Jessica Chastain – The Help, Janet McTeer – Albert Nobbs, Octavia Spencer – The Help, Shailene Woodley – The Descendants
UniMag-Tipp: Bérénice Bejo

Bei den männlichen Nebendarstellern schien es bisher ein Zweikampf zwischen zwei arrivierten Schauspielern zu geben, die beide in die bereits diskutierte Kategorie der Überfälligen fallen würden. Zum Einen ist das Christopher Plummer, der bereits mehrfach nominiert wurde und heuer mit „Beginners“ gute Chancen hat, erstmals ausgezeichnet zu werden. Größter Herausforderer dürfte Albert Brooks sein, der mit seiner charismatischen Rolle in „Drive“ bereits einige Preise eingeheimst hat. Einziges Manko seiner bisherigen Awards-Saison ist seine Nichtberücksichtigung bei den SAG Awards. Trotz dieser darf er sich aber gute Chancen auf eine Nominierung machen. Im Moment ist Plummer, der auch bei den Critics Choice Awards gewann, jedenfalls auf einem guten Weg zu seinem ersten Goldjungen. Sollte er am Sonntag auch den Globe einsacken, würde sein Sieg noch wahrscheinlicher werden.

Nominierte Globes:
Best Actor in a Supporting Role: Kenneth Branagh – My Week with Marilyn, Albert Brooks – Drive, Jonah Hill – Moneyball, Viggo Mortensen – A Dangerous Method, Christopher Plummer – Beginners
UniMag-Tipp: Christopher Plummer

Wir geben euch nach den Golden Globes ein kurzes Update und melden uns danach am 24. Jänner wieder von der Oscar-Front, wenn die Nominierungen für die wichtigste Filmpreisverleihung des Jahres veröffentlicht werden.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook