BÜCHERBÖRSE

Diagonale Tag 1 + Tag 2

outingNach der großen Eröffnungsgala am Dienstag, ging die Diagonale am Dienstag so richtig los. Hier erfährt ihr, welche Highlights das UniMag an den ersten beiden Festivaltagen aufgeschnappt hat.

 „Outing“ und „Stillleben“

Ein besonderes Double Feature konnte man am Dienstag einplanen. Wer um 18.00 im UCI Annenhof „Outing“ sah und drei Stunden später ins KIZ Royal zu „Stillleben“ wechselte, sah zwei Filme, die sich nicht nur das Regisseur-Duo, Sebastian Meise und Thomas Reider, teilten, sondern auch dasselbe Thema behandelten und im Grunde parallel zueinander entstanden. „Outing“ ist ein Dokumentarfilm, der von Sven erzählt, einem Studenten in seinen Mittzwanzigern, der bereits seit seiner Jugend pädophile Regungen spürt. Als einer von angeblich 250.000 Menschen in Deutschland, lebt er seine Neigung nicht aus und steckt sich einen engen Rahmen. Dem durchaus sympathischen, sehr reflektiertem und intelligentem Sven dabei zuzusehen, wie er mit seiner Natur und der damit verbundenen Randposition in der Gesellschaft zu kämpfen hat, ist ergreifend. Gleichzeitig führt einen der Film in den Graubereich der Moral, wenn der Protagonist davon erzählt, wie er zwecks Selbstbeherrschung ins Bad geht, um sich selbst zu befriedigen, und sich danach wieder zu seinem 6-jährigen Neffen ins Bett legt. Umso schockierender machte die folgende Fragerunde mit Psychiater Patrick Frottier das Erlebnis. Dieser meinte nicht nur, dass Svens Neigung niemals weg zu therapieren wäre, sondern erklärte auch, dass ein Übergriff jederzeit möglich wäre.

Darauf folgte „Stillleben“, das den Outing-Prozess im passiven Sinne betrachtet. Der in Wien lebende Bernhard findet heraus, dass sein Vater Prostituierte besucht und sie Lydia nennt, genau wie seine Tochter. Auch Nackt-Fotos von Lydia als Kleinkind sind schnell entdeckt und werden als Selbstbefriedigungsvorlage des nach außen hin so ruhigen Mannes enttarnt. Verglichen mit „Outing“ wagt „Stillleben“ es nicht, ganz nah an das Thema heran zu gehen. Im Vergleich leidet er daher quasi unter seinem kleinen Bruder, dem parallel entstandenem Dokumentarfilm. Was dem Spielfilm allerdings gut gelingt, ist, ein unerklärliches Drama aus vier verschiedenen, aber voneinander stark abhängigen Perspektiven zu erzählen.

What is loveDoku-Mittwoch mit „Evolution der Gewalt“, „What is Love“

Ganz entsprechend des heurigen Diagonale-Programms, das einen überwiegenden Anteil an Dokumentationsfilmen präsentiert, stand Tag 2 ganz im Zeichen des Non-Fiction-Formates. Einen sehr vielversprechenden Start legte dabei „Evolution der Gewalt“ von Fritz Ofner hin. Der Film erzählt von den unglaublich vielen Gewalttaten in Guatemala. Zunächst schockiert die Gelassenheit mit der die Einwohner die zahlreichen Morde betrachten. Ein Tag ohne Toten wäre schließlich ein Langweiliger erklärt ein Reporter. Der Film spannt seinen Bogen dann weiter auf die möglichen Gründe für die Gewalt und findet seine Antwort schließlich, wie könnte es anders sein, in der Industrie und dem Status Guatemalas als Bananenstaat.

Um beim Doku-Schwerpunkt zu bleiben, sei die Chronologie mal ad acta gelegt und auf „What is Love“, der zur Hauptabendzeit das KIZ Royal füllte, verwiesen. Ruth Mader thematisiert darin, entgegen der eigentlichen Natur des Dokumentations-Genres, keine besonderen Leute, sondern ganz bewusst die „normalen“ Durchschnittsbürger. Der Film wandert allerdings stark an der Grenze zur Fiktion, was zu einer durchaus interessanten Diskussion im Anschluss führte. Mader verteidigte ihr Vorgehen, mit Drehbuch und Storyboard gearbeitet zu haben, mit einem Verweis auf den ersten Dokumentarfilm der Geschichte, „Nanuk, der Eskimo“. Der Eskimo wäre zwar echt gewesen, der Kampf mit der Robbe hingegen sei schon allein aus planungstechnischen Gründen nur nachgestellt gewesen. Einer Zuschauerin stößt dieses Argument sauer auf und sie wendet ein, dass dann ja auch jeder Spielfilm ein Dokumentarfilm wäre, da er das Agieren der Schauspieler dokumentiere. Die Chance auf eine tatsächlich interessante Diskussion wurde dann aber leider von der Moderatorin untergraben. So oder so steht unterm Strich ein Film, der anfangs zwar interessant, mit fortlaufender Dauer aber einfach zu selbstverliebt und leer ist.

KumaExperimentalfilmprogramm, „Kuma“

Die Diagonale steht auch für Abwechslung und so boten sich zwischen den Dokumentarfilmen, noch zwei völlig andere Gelegenheiten. Festivalleiterin Barbara Pichler forderte schon im Vorfeld dazu auf, keine Angst vor den Experimentalfilmen zu zeigen. Wir gingen dieser Bitte nach und entdeckten unter anderem sich drehende weiße Fensterbalken, wild blinkende Landschaften, ein durch Kreisverkehre düsendes Moped und einen Mann in Unterhose, der den Eiffelturm wegsaugte. Neun Filme flimmerten in etwas mehr als 70 Minuten über die Leinwand. Große Botschaften oder gar Storylines darf man sich natürlich nicht erwarten, ein interessantes Erlebnis ist aber allemal geboten. Und wenn ein Film mal wirklich gar nichts kann, bleibt immer noch der Trost, dass er bald wieder vorbei ist.

Ergänzt wurde der Tag, wie sollte es anders sein, von einem Spielfilm. „Kuma“ von Umut  Dağ eröffnet mit einer Hochzeit im türkischen Anatolien, die sich aber schon bald als Scheinehe herausstellt. Ayse kommt mit ihrem neuen Ehemann und seiner Familie nach Wien, wo sie die krebskranke Mutter nach ihrem Tod ersetzen soll. Im Prinzip müsste man noch drei, vier weitere Sätze schreiben, um die Geschichte des Films zu erzählen, da es ständige Wendungen gibt, die alles auf den Kopf stellen. Und hier fängt das Problem auch schon an. Der Film hat enormes Potenzial, ist an manchen Stellen sehr intensiv und emotional, vergeudet aber vieles mit schlechten Entscheidungen. Die erwähnten Twists verwirren eher, ein paar Charaktere bleiben unscharf und man versteht es nicht, sich auf ein paar relevante Thematiken zu konzentrieren, sondern wirft lieber noch ein paar Problematiken in den Mix und lässt sie dann viel zu kurz behandelt wieder stehen. Dennoch, und das ist das Kuriose daran, ist der Film, der Ende April regulär in die österreichischen Kinos kommt, aufgrund seiner starken Frauenfiguren durchaus empfehlenswert.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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