BÜCHERBÖRSE

Diagonale 2012 – Abschlussbericht

Diagonale2012 LogoGerade noch haben wir die Eröffnung bejubelt und schon ist das Spektakel wieder vorbei. Die Diagonale 2012 ist Geschichte. Wir berichten von den letzten Tagen des Festivals sowie der großen Preisverleihung und erlauben uns ein kurzes Fazit.

das persische krokodilEin gefangenes Krokodil und Hermes Phettberg

Vom Freitag blieben vor allem zwei Dokumentarfilme in Erinnerung. Der erste der beiden, „Das persische Krokodil“, dauerte nur 58 Minuten und sackte am nächsten Tag den Preis für den besten Kurzdokumentarfilm ein. Der Wiener Filmemacher Houchang Allahyari wollte eigentlich seinen iranischen Wurzeln nachspüren und einen schlichten Dokumentarfilm über eine Gegend drehen. Doch dann verirrte sich während seiner Dreharbeiten ein Krokodil in einem Kanalsystembecken. Folglich dreht sich sein Kurzfilm über die abenteuerliche, patscherte und in der Folge auch sehr lustige Befreiung des Krokodils durch zwei Ranger. Wer zusehen will, wie zwei vermeintliche Fachleute mit einer Decke, einem zerrissenen Netz und einer Schnur versuchen, ein Krokodil aus einem mehrere Meter tiefen Becken zu heben, ist hier an der richtigen Stelle.

der papst ist kein jeansboy„Der Papst ist kein Jeansboy“ zeigt ohne Verwendung von jeglichem Archivmaterial die momentane Situation des gefallenen Showmasters und Berufsintellektuellem Hermes Phettberg. Der Kontrast zwischen dem durch mehrere Schlaganfälle und einem Herzinfarkt schwer gebeutelten und am Ende angekommenen Körper und dem völlig klaren Geist ist schockierend und faszinierend zugleich. Die vielen Überlegungen des Regisseurs bezüglich Kameraeinstellung und Einteilung seiner Erzählung in Kreuzwegstationen sind aber erst auf Nachfrage verständlich. 

Die toten FischeFilmriss bei „Die toten Fische“

Wie wir bereits bei unserer Vorschau auf das Festival berichteten, kämpft Michael Syneks 1989 in Cannes uraufgeführter Kunstfilm „Die toten Fische“ um sein Überleben. Aufgrund verloren gegangener Negativmaterialien steht eine einzige Kopie als Beweis für seine Existenz. Genau diese Kopie lief im Rahmen der Diagonale zwei Mal im Schubertkino. Beide Male kam es zu einem wortwörtlichen Filmriss, der aber schnell wieder behoben werden konnte. Inhaltlich überzeugt die unorthodoxe Erzählweise über einen Briefmarkenfischer, der, offensichtlich vom Schicksal verfolgt, durch eine surrealistische Welt kämpfen muss.

Richtung Nowa HutaPreise für „Stillleben“, „Richtung Nowa Huta“

Die Preisverleihung am Samstag lief in den Spielfilmkategorien sehr monoton ab. Die Preise für den besten Darsteller (Michael Fuith), den besten Schnitt, das beste Szenebild und die beste Kamera bekam allesamt das Pädophilen-Drama „Michael“ von Markus Schleinzer. Letzterer wurde in gleichem Maße auch für „Stillleben“ vergeben, das mit Preisträger Gerald Kerkletz denselben Kameramann engagiert hatte und zusätzlich noch den Preis für das beste Kostümbild bekam. Der Preis für die beste Darstellerin ging an Christine Ostermayer für „Anfang 80“. Bei den Dokumentarfilm-Kategorien gingen die Preise an „American Passages“ für den besten Schnitt und „The Future’s Past – Creating Cambodia“ für die beste Kamera.Die Hauptpreise gingen an „Richtung Nowa Huta“ von Dariusz Kowalski für den besten Dokumentarfilm und „Stillleben“ von Sebastian Meise für den besten Spielfilm.

Fazit

Die Diagonale bot wie jedes Jahr und wie angekündigt auch heuer wieder ein sehr abwechslungsreiches Programm mit rund 120 Filmen und Videos aus allen Sparten und Genres. Über alle Filme ein universales Urteil zu fällen, ist ebenso unmöglich, wie sie alle gesehen zu haben. Was trotzdem aufgefallen ist, ist ein durchgehend relativ konstantes Niveau, das ebenso wenig Herausragendes wie wirklich Schwaches geboten hat. Während die Dokumentarfilmkategorien jenen überlassen sei, die einen wesentlicheren Anteil der Filme gesehen haben, sei nur kurz erwähnt, dass die Preisverleihungen in den Spielfilmkategorien allesamt nachvollziehbar waren.

Ein Kritikpunkt sei aber schon erlaubt und da kann man auch gleich gut an erwähnte Preisverleihung anknüpfen. Die hüftsteife, übertrieben betont intellektuelle Moderatorin des Abends, die außer verwirrenden und im Rahmen eines kurzen Gesprächs kaum zu beantwortender Fragen nicht viel zu bieten hatte, ist ein gutes Beispiel für das Moderatorendilemma der Diagonale. Die gestellten Fragen schienen nur in den seltensten Fällen tatsächlich interessante und relevante Antworten zu erwarten, und schienen zumeist in erster Linie den Intellekt des moderierenden Journalisten zu unterstreichen. Es ist ja bewundernswert, wenn die Damen und Herren Fragensteller es schon wenige Momente nach der Vorführung schaffen, Spitalbilder als demokratisch oder den Rettungsversuch des Krokodils als „une bonne au baine“ zu bezeichnen, wirklich weiterhelfen tut es aber niemandem.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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