BÜCHERBÖRSE

„Das Fest des Huhnes...“

Sengls Huhn (c) Deborah Sengl
Sengls Huhn

Das Huhn, symbolisch als Märtyrer unserer übersättigten Konsumgesellschaft, ist eigentlich kein gänzlich neues Motiv. Doch wer das Huhn ans Kreuz nagelt, um gesellschaftskritische Kunst zu betreiben, gerät offenbar schnell ins Kreuzfeuer christlicher Extremisten. Die Künstlerin Deborah Sengl hatte eigentlich nicht vor, die Gemüter so zu erhitzen. Seit einem Artikel in „Heute“ über ihre laufende Ausstellung „Via Dolorosa“ wird die Künstlerin jedoch wüst beschimpft und bedroht. UNIMAG hat sie persönlich getroffen und selbst zu Wort kommen lassen.

Was ist das Hauptmotiv deiner Ausstellung, bzw. was möchtest du damit bewirken?

„Via Dolorosa“ bedeutet der Schmerzensweg oder auch Kreuzweg und mir geht es tatsächlich nur um das Leid der Tiere. Ich wollte damit den Märtyrer der Jetztzeit darstellen und das sind für mich die aber-millionen Tiere, welche von der Nahrungsmittelindustrie nur für unseren Verzehr gezüchtet und auf qualvollste Weise gehalten und getötet werden.

Und warum diese Anspielung auf die christliche Tradition? Wieso ist das Huhn an ein Kreuz genagelt?

Das Kreuz ist für mich die beste bildhafte Darstellung fürs Märtyrertum. Das versteht jeder Mensch, egal ob Christ oder nicht. Ein Mensch oder ein Tier ans Kreuz genagelt bedeutet nie etwas Gutes, das ist eine Folter.

Dir war sicher vorher schon klar, dass du damit wohl einige Gemüter erhitzt, aber wolltest du damit auch provozieren?

Provozieren wollen tu ich nie, so lege ich meine Kunst nicht an. Ich provoziere jedoch immer wieder, weil ich einfach gesellschaftskritische Kunst mache. Ich setze mich mit Themen auseinander, die uns alle betreffen und damit erhitze ich die Gemüter auch ohne es bewusst zu wollen. Aber so extreme Reaktionen wie derzeit hatte ich noch nie. Ich habe schon gewusst, dass es nicht jedem gefallen wird, aber dass es so schlimm wird habe ich nicht geahnt. Die Ausstellung wurde schon davor thematisiert, war bereits auf der Wiener Kunstmesse zu sehen, der Standard hat darüber geschrieben, das Bild mit dem Huhn war im Kurier abgebildet und ist auf meiner Facebook-Seite mehrmals zu sehen. Aber seit dem Artikel im Heute werde ich bedroht und verbal bzw. schriftlich angegriffen.

Wer reagiert hier so extrem? Woher kommt das?

Scheinbar hat jemand von der Piusbruderschaft den Artikel gelesen und damit andere mobilisiert. Ich kam vom Urlaub zurück und plötzlich hatte ich Mails, Nachrichten, Postings, handschriftliche Briefe, sogar eine SMS mit bedrohlichen und hetzerischen Inhalten. Auf meiner Facebook-Seite kann man auch einiges davon nachlesen. Ich veröffentliche diese persönlichen Nachrichten an mich nicht, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, sondern ich will den Leuten aufzeigen wie extrem diese Gruppierungen agieren. Mir ist es wichtig zu betonen, dass man nicht alle Christen in einen Topf werfen darf. Hier handelt es sich um eine extremistische Gruppe, von denen sich die Kirche schon vor langer Zeit distanziert hat. Die Piusbruderschaft hat rechtsextreme Ansichten, sie verleugnen den Holocaust, sind gegen die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen. Soweit ich das recherchieren konnte, sind die Nachrichten an mich aus dieser Ecke.

Das ging ja sogar so weit, dass deine Facebook-Seite für 24 Stunden gesperrt wurde. Wie wurde das in die Wege geleitet?

Genau nachvollziehen kann ich das nicht, Facebook hat keine offizielle Stelle an die man sich wenden kann. Auf Internetseiten und Blogs der Piusbrüder wurden Anhänger dazu aufgerufen, meine Seite zu melden damit man mich sperrt. Schlussendlich konnte Facebook nur auf erotische, nicht aber religiöse Inhalte reagieren. Ich habe ein paar Bilder von Werken, auf denen man halbnackte Frauen sehen kann. Diese Bilder wurden als pornografische Inhalte gemeldet und damit die Seite für mich gesperrt. Ich konnte 24 Stunden nichts posten, diese Sperre ist mittlerweile wieder aufgehoben. Die Werke, um die es sich handelt, wurden von Facebook gelöscht.

Wie ist das mit Tierschützern? Hast du von denen auch Reaktionen erhalten?

Ja, da waren auch ein paar negative dabei. Aber die meisten Reaktionen der Tierschützer sind durchaus positiv.

Die Ausstellung wird in einer ehemaligen Kirche in Wiener Neustadt gezeigt. Eine deiner Ansprechpersonen dafür ist ein Pater. Wie geht man dort damit um, und gab es auch Reaktionen an das Museum oder die Stadt?

Der Pater, der die Ausstellung mit eröffnet, ist großartig. Natürlich ist er sehr gläubig, aber er ist auch aufgeschlossen und findet es wichtig, dass es so eine Art von Kunst gibt. Manche seiner Mitbrüder waren zum Teil skeptisch, aber als Problem wird meine Arbeit dort nicht angesehen. Man scheut sich nicht davor, die Ausstellung wird vorrangig als wichtiger Diskurs betrachtet. Natürlich findet der Pater nicht alles gut was ich mache, aber er ist auch der Meinung, dass man über solche Themen reden muss. Die Stadt selbst, der Bürgermeister und auch das Museum wurden schon mit negativen Reaktionen konfrontiert.

Ich habe durch diese Situation zwei Dinge gelernt: Einerseits bin ich schockiert, dass es noch immer solch extreme Gruppierungen wie die Piusbruderschaft gibt, auf der anderen Seite darf man nicht unterschätzen, wie viel Offenheit und liberales Denken bereits auf der Seite der Kirche existiert.

Die Ausstellung ist von 23.08. bis 29.09.2013 in St. Peter an der Sperr zu sehen.

Die Künstlerin Deborah Sengl

 

Lisa-Maria Biber

Lisa Maria Biber | Redakteurin

lisa-maria.biber (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

Blog: newsgrape.org/sixtyninetimes

 

 

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