BÜCHERBÖRSE

Der Besuch der alten Dame in Wien

Pia Douwes und Uwe Kröger (c) VBW und Rolf Boeck
Pia Douwes und Uwe Kröger

Was geschieht mit einer Frau, die von ihrem Geliebten verraten und von dem Dorf, in dem sie lebt, verstoßen wird? Wenn ihr dadurch alles genommen wird, sie später aber zu unwahrscheinlichem Reichtum und Macht gelangt. Es gibt nur eines, sie mit ihrem Schicksal zu versöhnen: blutige Rache.

So oder ähnlich könnte sich eine Zusammenfassung des Prologs zu Dürrenmatts Theaterstück "der Besuch der alten Dame" lesen. Die Musicalinszenierung lehnt sich daran an, manchmal mehr und manchmal weniger stark. Das Autorenteam, bestehend aus Michael Reed, Wolfgang Hofer, Moritz Schneider und Christian Struppeck hat eine wunderbare Adaption des Stücks kreiert, welche seit dem 19. Februar im Ronacher in Wien aufgeführt wird.

Die tragische Geschichte um Claire

Die Story, um es kurz zusammenzufassen, handelt von Claire Zachanassian – gespielt von der wunderbaren Pia Douwes – die als 17jährige von ihrem Geliebten Alfred wegen eines reicheren Mädchen verlassen wird und der die Vaterschaft zu ihrem Kind leugnet. Verraten und gedemütigt vom ganzen Dorf flieht sie und endet auf dem Strich. Eines Tages kommt ihr Retter in Form eines steinalten und steinreichen Milliardärs, durch den sie an Geld und Macht gelangt. Als sie Jahrzehnte später in ihr einstiges Dorf zurückkehrt, ist dieses von Arbeitslosigkeit und Verwahrlosung geprägt. Doch Claire will und kann helfen: zwei Milliarden für den Tod ihres einstiges Geliebten Alfred. Die Bürger sind empört, niemals würden sie jemanden für Geld töten. Dachten sie jedenfalls...

Die etwas andere Umsetzung

Eines vorweg: es ist nicht ratsam, das Buch kurz vor dem Besuch des Musicals zu lesen. Wer es schon kennt und noch ungefähr weiß, worum es geht, ist auf der sicheren Seite. Sich aber, wie in meinem Fall, in der Nacht zuvor alle Details einzuprägen, ist wenig sinnvoll. Auch nicht für die Begleitung, die irgendwann genervt auf das Seitengeflüster "das war aber ganz anders im Buch" reagieren könnte. Sicher, teilweise waren beträchtliche Änderungen vorgenommen – eine so innige Liebe von Mathilde zu Alfred hat man im Buch nicht annähernd vorgefunden. Prinzipiell sind die Änderungen jedoch nachvollziehbar und schlüssig und Dürrenmatts Vorlage gut umgesetzt worden.

Die musikalische Inszenierung bietet quer durch die Bank von Balladen über Rockiges und Salsanummern alles. Etwas störend ist die teilweise bunte Vermischung der Nummern, ein roter Faden ist nicht wirklich erkennbar. Highlights dagegen sind die ruhigen Nummern, bei denen die hervorragenden Stimmen der Darsteller ihre Glanzmomente haben. Ebenfalls ein Hingucker ist das "Trio Infernale" der Madame Zachanassian, die mit spitzen Bemerkungen über Hypo-Alpe-Adria und das Kirchenwesen das Publikum zum Lachen brachten. Die hervorragende Besetzung liefert eine konstant wunderbare Show – neben Pia Douwes ist auch Hannah Kastner als junge Claire hervorzuheben, die mit ihrer herrlichen Stimme brilliert. Eine Überraschung des Abends war Armin Kahl, der als Alfred-Cover für Uwe Kröger eingesprungen war und ihn keine Sekunde vermissen ließ.

Gänsehaut und Faszination garantiert

Bewundernswert ist ebenfalls die Arbeit von Peter J. Davison, der wie zuvor schon bei Rebecca für ein wundervolles Bühnenbild sorgt. Imposant und detailreich gestaltet er ein Ambiente, das mitunter für wohlige Gänsehaut sorgt.

Entgegen der teils schlechten Pressestimmen und als jahrelanger Musicalfan war ich an dem Abend fasziniert, betroffen, erfreut und verzaubert. Also all das, was man von einem Musical mit solch hochkarätiger Besetzung erwarten darf. Für Fans von "Rebecca" und "Elisabeth", von Uwe Kröger und Pia Douwes ist das Musical praktisch Pflichtprogramm, für eingeschweißte Dürrenmatt-Verehrer dagegen mit Vorsicht zu genießen. Von uns gibt’s für das Stück auf jeden Fall zwei Daumen hoch!

Tanja Kling

Ist immer zu haben für guten Lesestoff jeder Art, außer schlechtem Liebesschund, der sie mehr gruselt als jede Horrorszene mit asiatischen Kindern.

Hat einen Fable für Found Footage und schlecht synchronisierte Splatter-Filme, weswegen man sie freitags oft im Midnight Movie antrifft. 

Und für einen Kaffee mit Jack Nicholson würde sie ihr letztes Hemd geben.

 

Tanja Kling | Ressortleiterin Kino, Film & Buch

tanja.kling (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

 

Log in or create an account

fb iconLog in with Facebook