BÜCHERBÖRSE

Die untreue Emma B.

Madame Bovary in der BBC Bearbeitung (c) BBC
Madame Bovary in der BBC Bearbeitung

Der Roman „Madame Bovary“ von Gustave Flaubert erzählt die Geschichte der jungen Emma, die sich mit ihrem Leben nicht abfinden kann. Im Geiste von romantischer, sentimentaler Literatur erzogen, versucht sie aus der eigenen sozialen Schicht auszubrechen.

Skandal!

Als der Autor sein Manuskript der Redaktion der Zeitschrift „Revue de Paris“ schickte, wurde festgestellt, dass der Roman zu weitschweifend ist. Deswegen wurde er verkürzt; natürlich mit besonderer Rücksicht auf die für anstößig befundenen Szenen. Die zensierte Version wurde Ende 1856 veröffentlicht und schon Ende Januar 1857 begann der Prozess um die Beleidigung der Moral, den Gustave Flaubert gewonnen hat. Trotzdem hat die Presse ihn noch jahrelang kritisiert.

1864 hat Vatikan „Madame Bovary“ in den Index Librorum Prohibitorum (Verzeichnis der verbotenen Bücher) gesetzt.

1888 wurde Henry Vizitelly, der Herausgeber der englischen Übersetzung, von einem der Mitglieder des Unterhauses für den Hauptschuldigen der Streuung der moralisch schädigenden Literatur erklärt. Die Kampagne gegen den Roman begann; die Zeitung „Tablet“ hat den Engländer sogar einen Pornograf genannt. Nach einigen Monaten wurde seine Schuld an der Äußerung und Veröffentlichung der anstößigen und obszönen Inhalte vorm Gericht bestätigt. Er wurde zu einer Geldstrafe verurteilt und hat den Befehl bekommen von der Veröffentlichung anstößiger Werke abzusehen. Ein Jahr später musste er wieder vor Gericht erscheinen und hat eine Gefängnisstrafe von vier Monaten bekommen.

Die Skandalkarriere dieses Romans war im XIX Jahrhundert nicht ganz zu Ende. Noch 1954 wurde er auf die Schwarze Liste von National Organisation for Decent Literature gesetzt.

Was war so empörend in „Madame Bovary“?

Der Staatsanwalt selbst hatte Probleme mit der Anklageformulierung. Die ganze Handlung war unsittlich: sie bestand hauptsächlich aus Ehebrüchen, Intrigen, stürmischen Liebschaften und Lügen. Laut der Geschworenen hat der Autor einen Fehler gemacht: er hat vergessen, dass die Literatur (ebenso wie die Kunst) die Reinheit bewahren soll. Nicht nur in der Hinsicht auf die Form, sondern auch des Ausdrucks. Nur dann kann sie die Ziele erreichen, auf die sie berufen wurde; nur dann kann sie die Bevölkerung moralisch belehren. Das war ihre Hauptfunktion im Frankreich des XIX Jahrhunderts.

Der Roman von Gustave Flaubert konnte diese Funktion keineswegs erfüllen. Der rechtmäßige Ehemann wurde als Dummkopf gezeigt, die lächerliche Gestalt des Apothekers verkörperte die damalige Öffentlichkeit. Er war allgegenwärtig, hat immer abgedroschene Floskeln und Zitate aus Broschüren und Zeitungen verwendet und gerne Ratschläge gegeben, unabhängig vom vorliegenden Wissen.

Darüber hinaus wurde der Ehebruch geradezu poetisiert. Die untreue Frau ist wunderschön und ihre Liebhaber viel interessanter als ihr Mann. Man hat befürchtet, dass dieser Roman die bisher treuen Frauen zur Flucht vor dem langweiligen Alltag von diesen verbotenen Praktiken überzeugen könnte.

Ist aber Gustave Flaubert wirklich an allen Ehebrüchen schuld, die nach der Veröffentlichung seines Romans begangen wurden?

 

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