BÜCHERBÖRSE

Anleitung zur Glückseligkeit

Günther Sturmlechner im Interview (c) Studio Faktotum
Günther Sturmlechner im Interview

Sommerloch? Nein, danke. Haben wir nicht, brauchen wir nicht. Schon gar nicht, weil wir den sympathischen Gewinner des Publikumspreises des Villacher Literaturwettbewerbs Günther Sturmlechner telefonisch interviewen durften. 

Der Villacher Literaturwettbewerb, besser bekannt als "Die Nacht der schlechten Texte", fordert jedes Jahr alle deutschsprachigen Autoren und Autorinnen auf, den schlechtesten Text zu verfassen, einzuschicken, und sich zu freuen, unter den zehn besten schlechtesten Texten ausgewählt zu werden. Klingt paradox. Ist auch irgendwie so.

UNIMAG: Wie bist du auf den Wettbewerb aufmerksam geworden?
Günther Sturmlechner: Also ich kenne den Wettbewerb schon seit 3 Jahren und ich habe davon im Internet einfach erfahren. Bei dieser Wortmagier-Internetseite sind Ausschreibungen von Literaturwettbewerben im deutschsprachigen Raum drinnen. 

Günther, hast du denn bereits vorher Erfahrungen gesammelt mit dem Schreiben von Texten?
Ich habe ja Publizistik studiert, weil ich gedacht habe, dass ich dann auch mit Texten etwas machen kann, in Richtung Journalismus. Ich habe dann auch bei einem Online Magazin gearbeitet und habe gemerkt, nein, das ist es eigentlich nicht, was ich schreiben will. 

Also, ich habe dann immer weitergeschrieben und habe dann auch als Beispiel im Rahmen des Schauspielstudiums am Konservatorium Klagenfurt den Dorian Gray spielen wollen, nachdem ich den Roman gelesen habe, die Textzeile war aber zu kurz, und dann hat der Professor von mir gesagt, ja, dann versetz dich doch rein in die Lage von dem Ding, nimm den schauspielerischen Zugang eben zu „Was ist die situation?“, „Was will er“ …, geh eben davon aus und dann schreibst du einen Monolog runter und das habe ich gemacht. Und hatte damals einen richtig guten Tag, glaub ich (schmunzelt). Denn mein Professor hat das gelesen, und hat gesagt „Das ist ja gut“.  

Und hab dann in weiterer Folge auch Monologe aus der Laune heraus geschrieben. Und der Professor hat gesagt, ich soll ihm was schicken und er gibt mir dann Feedback. Und ihm hat das Zeug so gut gefallen, dass ich dann für jeden meiner Kollegen und Kolleginnen einen Monolog geschrieben hab, quasi mein erstes Theaterstück geschrieben habe und das ist dann aufgeführt worden. Das war toll. 

Und wie hast du die Herausforderung gemeistert einen schlechten Text zu schreiben? Wie bist du vorgegangen?
Naja, also es ist so. Diese kreativen Sachen, egal ob jetzt Musik, Bildkunst, oder Literatur, oder keine Ahnung, das ist ja mal immer subjektiv, was schlecht und was gut ist. Deswegen habe ich überlegt, was ich jetzt schlecht finde an Texten. Oder auch was für es ein Thema gibt, was ich persönlich nicht lesen würd, weil ich mich frage, ob das wirklich notwendig ist, soetwas aufzuschreiben. 

Dein Text „Anleitung zur Glückseligkeit“ ist eine Anleitung, welche bei rechtmäßigen Gebrauch, zu erfolgreicher Masturbation bei Männern führt. Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Ganz einfach. Ich fange ja persönlich mit dem Buch „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche nichts an. Ich bin damals noch in die Schule gegangen und da haben die Mädels über dieses Buch gesprochen. Ich habe mich auch mit denen darüber unterhalten und habe mir dann gedacht, das Buch funktioniert ja über schockieren. Und ich habe mir gedacht, ich nehme etwas, was ich in weiterer Folge noch weniger lesen wollen würde, und so kam ich zu dem Thema der männlichen Masturbation. Und weiters, warum eine Anleitung. Ich wollte eben keinen Text schreiben, weil das finde ich persönlich langweilig. Das haben auch viele gemacht. Ein schlechter Text ist einfach ein langweiliger Text, der keine Handlung hat, der sich immer wieder wiederholt. Weiters mag ich ja nicht so Lebenshilfen, so Anleitungen. Das hat ja jeder schon mal gelesen, wenn es einem mal nicht so gut geht, dann kaufst du dir so ein Buch, das dir zum Beispiel sagt, wie man seinen Traumpartner findet, oder wie man zu Erfolg kommt und so blödsinnige Dinge, die dir etwas verkaufen wollen, was aber so nicht möglich ist, mit den Sachen die da drinnen stehen. Deswegen habe ich mir gedacht, ich behandle das Thema der männlichen Masturbation in der Form einer Anleitung. 

Kurze Zwischenfrage: Welche dieser Ratgeber hast du schon einmal persönlich gelesen?
(Kurze Pause) „Der Weg des Künstlers“ und „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm, wobei das wirklich gut ist. 

Hast du deinen Titel „Anleitung zur Glückseligkeit“ an Bernhard Ludwigs „Anleitung zur sexuellen Unzufriedenheit“ oder Paul Wazlawick „Anleitung zum Unglücklichsein“ angelehnt?
Nein, das habe ich nicht. Also, wie ich den Text abgeschickt habe, habe ich mir gedacht, das klingt so ähnlich, aber ich habe es nicht absichtlich angelehnt. Der Gedanke war nicht da, damit zu spielen.

In der Nacht der schlechten Texte konnte man als Autor die Art der Präsentation des Textes frei wählen, welches jedoch nicht länger als 7 Minuten dauern darf. Hast du eine besondere Form der Darstellung gewählt wie etwa Mediaperformance oder Schauspiel oder hast du den Text gelesen?
Bei diesem Text habe ich gewusst, dass dieser am stärksten wirkt, wenn ich den so les, wie er ist. Hätte ich also eine Mediaperformance oder eine Lichtshow gemacht, hätt ich die Qualität meines Textes reduziert. 

Wie waren die Reaktionen des Publikums?
Sie haben sich prächtig amüsiert. Und ich konnte den Text, da ich ja nur 7 Minuten Zeit hatte, nicht zu Ende lesen. Aber zum Glück habe ich den Text vor der 20-minütigen Pause gelesen. Und ich wurde dann von 4-5 Leuten gebeten, den Text zu Ende zu lesen, weil sie unbedingt den Schluss wissen wollten. Ich bin dann auch durchgegangen und bin dann ständig gefragt worden, wie es ausgeht. Eine Frau musste immer lachen, wenn sie mich gesehen hat. Sie sagte mir, sie wär so erleichtert gewesen, als sie meinen Text gehört hat, weil sehr viele mit Langeweile und sich wiederholenden Textpassagen gespielt haben und mein Text funktioniert komplett über etwas anderes. Mein Text sollte und hatte zum Glück, auch bei den Leuten ausgelöst, dass die sich denken, „So kann er das doch nicht schreiben“, aber ich muss trotzdem weiterlesen „Was? Was macht er denn jetzt noch?“ ich muss unbedingt weiterlesen. 

Das hört sich nach dem Syndrom an, was viele als Autounfall bezeichnen. Man möchte nicht hinschauen, aber man kann nicht anders.
Ganz genau. So hat es jemand von der Jury auch ausgedrückt. 

Und dieses Syndrom hat das Publikum mit dem Publikumspreis geehrt. Wir gratulieren dir, und bedanken uns für das sympathische Gespräch! 

Isolde Walcher

Isolde Walcher | Redakteurin

isolde.walcher (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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