BÜCHERBÖRSE

Viennale hat begonnen

Viennale 1. Tag c Alexander Tuma.. und lässt jedes Cineasten-Herz höher schlagen und die Augen zu Vierecken formen. UNIMAG liefert euch den ersten Bericht!

Heuer lobpreisen sechs Kinos im Rahmen der 49. Viennale vom 20. Oktober bis zum 2. November Dokumentar-, Kurz- und Spielfilme aller Art. Um die richtige Mischung zu konsumieren, empfiehlt es sich, von allen Kategorien mindestens einen Film zu sehen. Mit Neugierde, Offenheit und Geduld lassen sich Filmjuwelen entdecken, die zu jenen Lieblingsfilmen heranwachsen können, die man später noch seinen Enkeln unbedingt aufzwingen muss. 

Die ersten zwei Tage haben auch mir ein abwechslungsreiches Programm geboten. Angefangen mit der britischen Liebestragikomödie „Submarine“. Herrlich verschroben erzählt Richard Ayoade die Geschichte des pubertierenden Oliver Tate, der sich für die Rettung der Ehe seiner Eltern opfert.

Französischer versus Englischer Spielfilm

Ein filmischer und thematischer Gegensatz dazu war „Americano“, ein durch und durch französisches Roadmovie. Die Mutter des vermeintlich bodenständigen Martin stirbt in ihrer Wahlheimat Los Angeles. Als Sohn und Immobilienmakler soll er nun ihr Appartement verkaufen und die Erbschaft klären. Schon bei der ersten Begegnung mit der unberührten Wohnung der Verstorbenen, dämmert es dem Zuschauer, dass Martin keine allzu nahe Beziehung zu seiner Mutter gepflegt hatte. Viel mehr empfindet er eine unbändige Wut gegen die Frau, die auch noch ihre Wohnung einer jungen, mexikanischen Frau vererbt hatte. Diese „Lola“ will der nun völlig labile Martin aufspüren. In Mexiko angekommen verliert er alles: sein Geld, sein Auto mit allen wichtigen Dokumenten darin und jede Hoffnung jemals unbeschadet nach Frankreich zurückkehren zu können. Regisseur Mathieu Demy wirft Martin ins kalte Wasser, gleichzeitig gibt er ihm Zeit zur Reorganisation seiner eigenen Identität. Zuletzt kehrt er als reiferer und ruhigerer Mensch aus der abenteuerlichen Begegnung mit „Lola“ zurück.

Multitalente sind gefragt

Demy, der nicht nur Regisseur, sondern Produzent und Hauptdarsteller seines Filmes war, beehrte das Gartenbaukino mit seiner Anwesenheit während der Filmvorführung. Schon im Abspann applaudierte die Menge, mit Ausnahme eines älteren Herren aus der allerletzten Reihe, der seine Hände zum Trichter formte und seine Meinung mit lauten Buh-Rufen kundtat. Auch das muss auf der Viennale sein.

Ebenso wie eine Art von Film nicht fehlen darf, den einige liebevoll als „den“ Viennale-Klassiker bezeichnen. Dabei handelt es sich entweder um einen Spiel- oder Dokufilm, der mit seinen extrem langsamen Einstellungen und meist kryptischen Dialogen sehr ermüdend und sättigend sein kann.

Achtung, gehaltvoll!

Genau so eine Sättigungsbeilage ist „Girimunho“. Der brasilianische Film dreht sich um eine alte Dame, die ihren Mann verliert und fortan seltsame Geräusche aus dessen Werkstatt hört. Dies ist zumindest der Aufhänger des Filmes, mit dem er überall beworben wird. Doch dahinter steckt ein leises Werk über den immer wiederkehrenden Lebenszyklus vom Geburt bis zum Tod. „Nicht die Zeit bleibt stehen, sondern wir bleiben stehen.“, sagt die alte Lady, während die Kamera auf herabfallende Blätter zoomt, und mehrere Minuten darauf verharrt. Doch auch wenn er ermüdend sein mag, entwirft der Film einen sehr schönen, existenzialistischen Blick auf die Welt. Auch Senhora Bastú lebt um zu leben, und wird dabei nicht müde Lieder von einer idealisierten Liebe zu singen. Als sie die Kleidungsstücke ihres verstorbenen Mannes sanft auf die Wasseroberfläche des großen Flusses treiben lässt, spürt man wie sie ihn friedlich gehen lässt.

Wenn man mit einem guten Gefühl das Kino verlässt, dann hat es sich gelohnt, ein mehrstündiges, schwieriges Werk auf sich zu nehmen. Ich bin gespannt, ob ich in den folgenden Tagen noch andere solcher Filmpralinen entdecken werde. Stay Tuned!

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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