BÜCHERBÖRSE

Viennale: Crazy. Pole. DOKUS

crazyhorse c viennaleZwischen Neonlichtern und Holzfällern 

Das Angebot an Dokumentarfilmen auf der Viennale ist wie immer sehr abwechslungsreich. Da kann es schon mal vorkommen, dass man sich auf ein glattpoliertes 16:9 HD-Bild eingestellt hat, und plötzlich wird die Leinwand mit dem Vorhang zu einem Quadrat verkleinert.

So ist es, wenn man zuerst Crazy Horse des Amerikaners Frederick Wiseman und dann Bachelor Mountain von Yu Guangyi sieht. Crazy Horse handelt von dem berühmten Club „The Crazy Horse“ in Paris, in dem der wahrscheinlich anspruchsvollste Nackttanz der Welt gezeigt wird. Der Film beginnt mit ästhetischen und erotischen Aufnahmen aus den Choreographien, man sieht einen technisch recht schwierigen Strip auf einem roten Sofa, und dann die Nahaufnahme zweier wohlgeformter Gesäße, auf die eine Art Mosaik projiziert wird.

Qualitativ hochwertiger Pole Dance
In der ersten Hälfte bleibt der Zuschauer Voyeur und Bewunderer der weiblichen Körper, die sich im Takt bewegen, doch langsam öffnet sich der Film. Man darf nun hinter die Kulissen blicken, dem Choreographen bei der Arbeit zusehen, den Tänzerinnen beim Üben und der Crew bei den Sitzungen. Es steckt unglaublich viel Arbeit hinter jedem noch so einfach wirkendem Tanz und die Frauen, die im Crazy Horse arbeiten sind ausgebildete Tänzerinnen. Zum Schluss öffnet sich der Film ganz, in dem der Regisseur ein Interview des Art Directors durch ein Fernsehteam filmt. Er schwadroniert über die natürliche Schönheit der Frauen, die er selbst bis aufs Äußerste bewundert. 

Man hat das Gefühl, dass auch der Regisseur seine Arbeit in jenem Ambiente sehr genossen hat, denn der Film hinterlässt das Gefühl, viel Schönes in sich aufgesaugt zu haben.

Klirrende Kälte im Wald

V11bachelormountain c viennale

Von Schönheit in ihrer ästhetischen Bedeutung ist in „Bachelor Mountain“ keine Spur. Auch die Aufnahmen sind oft verwackelt, verregnet  und angeschlagen. Trotzdem ist die Geschichte dahinter eine sehr schöne und ein wenig naive. In der Provinz Heilongjiang im Nordosten Chinas leben mehr um einiges mehr Männer als Frauen. Die Männer sind zumeist arbeitslos und halten sich mit Aushilfsarbeit über Wasser, und die Frauen sind schon vor langen in die größeren Städte ausgewandert.

Im Mittelpunkt steht ein 46-Jähriger Single-Mann, der in die einzig nicht verheiratete Frau im Dorf verliebt ist. San Liangzi liebt sie seit zehn Jahren, macht aber ihr aber keine ernsthafteren Avancen als ihr tatkräftig mit der Pension ihrer Familie zu helfen. Die junge Frau will nichts vom Heiraten wissen, für sie zählt die Karriere, doch San Liangzis Herz hat viel Platz, auch für eine unerfüllte Liebe. Er und die anderen Dorfbewohner werden bei ihrer Arbeit in den verschneiten Bergen gezeigt, beim Holzhacken oder beim gemütlichen Zusammensitzen in eine der kleinen Hütten. Auch San Liangzis Alltag wird vom morgendlichen Erwachen bis hin zum Schlafengehen akribisch gefilmt.

Trotzdem ist der Film keinesfalls langweilig. Der alleinstehende Mann legt fast noble Gefühle an den Tag, und auch seine Freunde sind herzlich und sehr authetisch. Yu Guangyi legt in seiner modernen Chronik einen besonders liebevollen und einfühlsamen Blick auf die Charaktere zu Tage.

Anne-Marie Darok

Anne-Marie Darok | Redakteurin

Musik, Mode und auch ein bisschen Film - solange Adjektive nicht verboten sind, wird gerne über das (fast) komplette Kulturspektrum berichtet

anne-marie.darok (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

 

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