BÜCHERBÖRSE

Viennale: Laternenhorror & Überraschung

La Casa del Muda Filmstill c ViennaleDie letzten Tage der Viennale: Irgendwie eigenartig. Gestresste Mitarbeiter und Journalisten sind froh, bald das Kino nicht mehr als Wohnzimmer beziehen zu müssen. Jedoch, das Publikum ist verrückt danach, die einzigartige Atmosphäre einmal noch in sich aufziehen zu können.  Wir stellen euch einen Schocker aus Uruguay vor und verraten euch, was der Überraschungsfilm der Viennale ist.

Weniger Eindrücke = Mehr Schrecken

In La Casa Muda, einem Film, der, wie Regisseur Oscar Estevez aus Uruguay es nennt, „Echt-Furcht in Echtzeit“ verspricht, verbringt Laura mit ihrem Vater eine Nacht in dem heruntergekommenen Haus eines Bekannten. Natürlich gibt es keinerlei elektrisches Licht und als der Vater wegen Lärm aus dem Obergeschoß nach dem Rechten sieht, kommt er nicht mehr zurück. Nun begibt sich Laura, nur mit einer Laterne ausgestattet, auf die Suche nach und den Kampf gegen das Grauen. Estevez baut dabei auf eine Maximierung des Horrors durch eine Minimierung der Eindrücke. Außer dem nervös flackernden Licht der Laterne sieht man kaum etwas. Im Kino ist es so dunkel, dass der Autor dieses Artikels selbst mit der Handy-Taschenlampe kaum etwas sehen kann, als er zu spät kommt und auf das Finden des letzten freien Platzes im ganzen Kinosaal angewiesen ist. Umso effektiver, so wohl die Überlegung des Autors, ist dann das Wenige, das man sieht und hört.

Doch auch wenn ein guter Horrorfilm nicht einen klassischen Schockeffekt nach dem Anderen bringen muss, sollte man doch immer das Gefühl haben, dass jederzeit etwas passieren kann. Genau dieses Gefühl kommt bei La Casa Muda aber nie auf. Da muss man sich dann schon fragen, ob beim Griff einer Hand auf die Schulter der Hauptfigur das ganze Kino aufschreckt, weil der Moment so spannend war oder weil die meisten Besucher zu dem Zeitpunkt schon einem Halbschlaf verfallen sind. Weil auch der Twist für einen erfahrenen Kinogeher längst keiner mehr ist, kann man sich beim Loben nur auf Einzelpersonen beschränken. Florenica Colucci gibt als Laura eine beachtliche Talentprobe ab, kann aber auch nicht davon ablenken, dass der eigentliche Star des Films am Kamerastuhl Platz nimmt. Pedro Luque richtet sein Arbeitsgerät in jedem Moment genau dorthin, wo es gerade sein sollte. Wenn durch unidentifizierbare Geräusche hinter der Eingangstür der Schrecken erst beginnt, dreht er sich, schnell wie eine programmierte Kamera aus einem Computerspiel, um die eigene Achse, und ist sofort wieder auf Fokus. Beeindruckend setzt er auch eine Sequenz ins Bild, bei der Laura, ohne ihre Laterne, nur durch das hektische Fotografieren mit einer Polaroidkamera ein bisschen Licht in einen dunklen Raum bringt. Und auch den Twist, so berechenbar dieser auch sein mag, bringt er mit einer geschickten Kamerafahrt in Schwung.

Überraschungsfilm

Die Kameraarbeit spielte auch beim Überraschungsfilm der diesjährigen Viennale eine wesentliche Rolle. Manche Besucher im ausverkauften Gartenbaukino staunten nicht schlecht, als ihnen die netten Herren und Damen am Eingang eine 3D-Brille in die Hände drückten. Besser informierten Kinofans hingegen war spätestens da klar, was bereits stark vermutet werden konnte. Das Gartenbaukino nutzte den Überraschungsfilm zur Promotion von Werner Herzogs „Cave of Forgotten Dreams“, einem Dokumentarfilm über die Chauvet-Höhle, der nach Beendigung der Viennale die Hauptattraktion im Angebot des Kinos darstellen wird. Eine sicherlich nicht, wie das Kinoticket noch versprach, überraschende Entscheidung, dafür aber in jedem Fall eine mutige. Herzogs Doku nutzt die als Ursprung der Kunst geltenden Höhlenmalereien zum Philosophieren über die Menschheit. Faszinierend ist die Balance mit der er eher einem Spielfilm entsprechende Ideen mit dem Dokumentarischen verknüpft. Durch die persönlichen und offenen Gespräche, die er mit den Höhlenforschern sucht, gelingt es ihm, die Faszination dieser Menschen spürbar zu machen. Diese Idee und zum Teil auch die Ausführung grenzt an Genialität und verlangt jeglichen Respekt.

Perfekt ist der Film aber dennoch nicht. Nicht selten wirkt er wie ein Gang durchs Museum. Ein netter Mann erklärt uns etwas über Statuen, ein schrulliger Typ im Neandertalerkostüm spielt uns etwas auf einer Elfenbeinflöte und ein anderes Mal wird uns erklärt, wie man vor zigtausend Jahren Pferde erlegt hat. Diese scheinbar unzusammenhängende Aufzählung ermüdet und macht die totale Identifikation mit dem Thema schwierig bis unmöglich. Genau diese wäre allerdings erforderlich, um die minutenlangen, unkommentierten Bilder der Höhle, die kurz vor Ende gezeigt werden, wirklich genießen zu können. Ganz zum Schluss schlägt Herzog dann noch die Brücke zur Gegenwart und schickt uns ein deutliches, aber trotzdem sympathisch unaufdringliches Klimawandelzeichen. Die Reaktion des Publikums ist am Ende gemischt. Während ein Mann neben dem Autor nach dem Abspann euphorisch in seine Hände klatscht, zitiert seine Begleiterin Sido und meint, sinngemäß, Herzog hätte mit diesem Schwachsinn ihre wertvolle Zeit verschwendet.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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