BÜCHERBÖRSE

Viennale: Erst sterben viele, dann alle


Totem c ViennaleGanz offensichtlich schafft es nicht einmal die Viennale, Halloween zu entkommen. Wer sich entschloss, den Montag im Gartenbaukino zu verbringen, musste zunächst über einige Leichen gehen, ehe zuletzt sogar unser aller Untergang angedeutet wurde.

Alltagshorror aus Deutschland

Den Auftakt dieses Friedhoftanzes machte der deutsche Film „Totem“. Regisseurin Jessica Krummacher zeigte sich nach der Vorführung davon begeistert, dass der offizielle Viennale-Begleiter ihren Beitrag als Horrorfilm ankündigte. Wirklich naheliegend scheint das zunächst nämlich nicht zu sein, ist der Film doch oberflächlich betrachtet eher eine Charakterstudie. Totem handelt von der 23jährigen Fiona, die bei Familie Bauer als Hausmädchen übernimmt und auf die neugeborenen Zwillinge sowie den Volksschüler Jürgen aufpassen muss. 

Die Story entwickelt sich hier sehr langsam und leise. Der Horror liegt nicht in offensichtlichen Handlungen, sondern in den dysfunktionalen Beziehungen zwischen den Hauptfiguren. Man ist sich nicht sicher, ob hier gerade alle wahnsinnig werden oder es eigentlich schon längst sind. Erschreckend ist im Grunde, wie wenig passiert. Niemand scheint sich zu bessern, nichts scheint sich zu ändern. Auch wenn der Film mit einem Paukenschlag endet, leidet man weniger wegen ihm selbst, als aufgrund der Apathie mit der die Charaktere auf das vermeidbare Unglück zusteuern.

Großes Gefühlskino aus dem Iran

Der iranische Film „Jodaeiye Nader az Simin“, beziehungsweise „Nader und Simin – Eine Trennung“, startet mit der Scheidung der beidenNader Und Simin Filmstill c Viennale Titelfiguren. Zur Trennung kommt es, weil Nader lieber seinen an Alzheimer erkrankten Vater pflegen als mit seiner Frau ins Ausland gehen möchte. Da ein alleiniges Sorgen um den Erkrankten neben seiner Arbeit aber nicht möglich ist, stellt er eine junge Frau als Pflegerin ein.

 „Nader und Simin“ sorgte aus gutem Grund für eine Überfüllung des Gartenbaufoyers. Der Berlinale-Gewinner war zweifelsohne eines der ganz großen Highlights der diesjährigen Viennale. Regisseur Asghar Farhadi erzählt die Geschichte, die tragische Wendungen nimmt, ohne Vorurteile oder deutlicher Position. Dadurch entsteht ein beklemmendes Drama, das die Machtlosigkeit rational denkender Frauen gegen den Stolz ihrer Männer, das zuweilen bizarre Unterwerfen vor der eigenen Religion und das zweifelhafte Rechtssystem im Iran thematisiert. Allen die den Film bei der Viennale verpasst haben, sei ein Besuch des Kinos nach regulärem Österreich-Start ganz nahe ans Herz gelegt.

Surrealer Paranoia-Thriller

Take Shelter Filmstill c ViennaleDen Abschluss eines langen Viennale-Tages machte das Psycho-Drama „Take Shelter“, in dem Michael Shannon einen Familienvater mimt, der, mit Albträumen beginnend, immer mehr seiner eigenen Paranoia verfällt. Das Spannende an Jeff Nichols zweitem Film ist das Verschwinden der Grenze zwischen Wahnvorstellung und Realität. Immer schwieriger fällt es einem selbst, echt von unecht zu unterscheiden. Besonders beklemmend ist auch der Schluss, der es dem Publikum offen lässt, ob es den herannahenden Jahrhundertsturm als Wahnvorstellung abtut, oder als wahrgewordene Apokalypse interpretiert.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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