BÜCHERBÖRSE

Viennale: The Artist

The Artist Filmstill c ViennaleAm dreizehnten von vierzehn Filmfestivaltagen konnte die Viennale noch einmal mit einem wahren Publikumsmagneten auffahren. Michel Hazanavicius‘ „The Artist“ ist Stummfilm und Stummfilmhommage zugleich, und gilt bereits jetzt als Favorit auf den Titel des besten Films bei den Oscars 2012.

So mancher Cineast geht bei einer derartigen Prognose ja gleich mal sehr skeptisch ins Kino und wundert sich vielleicht auch, wie sich die beiden gegensätzlichsten Pole des anspruchsvollen Filmeschaffens, nämlich Oscars und europäische Filmfestivals, diesmal einigen konnten. Die Antwort ist relativ einfach, soll aber noch nicht vorweg genommen werden. 

1927 ist der selbstverliebte George Valentin (Jean Dujardin) ein großer Star des Stummfilmkinos und ein umschwärmter Frauenheld. Doch mit dem Beginn der Tonfilmära ändert sich alles. Valentin glaubt nicht an den Erfolg des neuen Mediums und verpasst so den Anschluss. Er vertrinkt sein komplettes Vermögen, seine Ehe und seinen Butler. Nur die über beide Ohren verliebte Peppy Miller(Missi Pyle), selbst zum Tonfilmstar avanciert, schafft es, Valentin wieder aus seinem Sumpf zu ziehen.

Das Positive zuerst: Alleine für den Mut, Millionen in ein derartiges Projekt zu stecken, muss vor den Produzenten der Hut gehoben werden. Und ganz offensichtlich geht das Wagnis auch auf, immerhin füllte gerade eben, im Jahr 2011, ein Stummfilm das in seiner Größe eigentlich recht beachtliche Gartenbaukino. Der Film ist durch und durch zugänglich und macht Lust, achtzig bis neunzig Jahre alte Meisterwerke der Stummfilmgeschichte wieder auszugraben. Dafür sorgen vor allem Sets und Ausstattung von „The Artist“. Jean Dujardin schlüpft in starker Referenz an Douglas Fairbanks in klassische Stummfilmrollen wie jene von Zorro oder Robin Hood, die Darstellung der alten Hollywoodvillen ist absolut authentisch und ja, auch der nervige Hund, der uns den ganzen Film lang begleitet, verbreitet Stummfilmflair.

Leider ist das aber nur die eine Seite der Medaille. „The Artist“ ist eine ebenso nette wie unnötige Hommage. In vielen Szenen werden berühmte Figuren der Stummfilmzeit, wie beispielsweise Charlie Chaplin, derart perfekt imitiert, dass man sich fragt, weshalb nicht gleich einer seiner Filme gezeigt wird. So kommt es, dass Michel Hazanavicius‘ Werk auch eine gängige Schwäche von Stummfilmen übernimmt und die Charaktere relativ ungenau und einfach zeichnet. Und der Plot ist auch spätestens seit Billy Wilders großartigem Klassiker „Sunset Blvd.“ keine Neuigkeit mehr.

Um die Frage nach der Vereinbarkeit von Oscars und europäischen Filmfestivals nochmal aufzugreifen: „The Artist“ ist klassisches Oscar-Material. Ein Mann muss seine eigene Charakterschwäche überwinden, um sich selbst aus dem Schlamassel zu ziehen. Inspirierend und berührend nennen das die einen, oberflächlich und naiv die anderen. Und für die Viennale passt der Film insofern, dass ein, zumindest auf den ersten Blick, gewagtes Filmprojekt gefördert wird. Für all diejenigen, die immer noch glauben, dieser Film wäre die Neuerfindung des Kinos, empfiehlt es sich aber, in den nächsten Wochen im Filmmuseum vorbeizuschauen und die wirklich wegweisenden Stummfilme von Carl Theodor Dreyer zu begutachten.

Michael Leitner

Michael Leitner | Redakteur & Community-Betreuer Gewinnspiele

michael.leitner (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Oktober 2011

 

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