BÜCHERBÖRSE

Die Raunzer-Kolumne III

Sido & Heinzl - Das mediale Traumpaar. Gewalt im ORF, ein gefundenes Fressen für alle. Ja, wirklich alle, die bösen Medien, sogar der ORF und auch die bösen Mediennutzer.

Es ist erstaunlich, wie sehr der Akt gegen den Chilli-Moderator in Aufruhr versetzt. Dominic Heinzl, von mir liebevoll nur Heinzi genannt, ist ja nicht wirklich sehr beliebt unter vielen ORF-Zusehern und Zuseherinnen und auch beim ORF soll es Munkeleien geben, dass er nicht gern gesehen ist. Liebhaber und Liebhaberinnen von Verschwörungstheorien meinen ja auch, dass das einfach viel zu glatt ist. Der böse Rapper und der brave Moderator. Verschwörungstheorien sollten hier nur auseinander gehen. Gegen wen war die Verschwörung? Gegen Sido oder gegen Heinzl, oder gegen beide. Denn jetzt gehen Facebook-Gruppen an den Start, welche Heinzl aus dem ORF sehen bzw. nicht mehr sehen wollen, und Gerüchte gibt es, die besagen, dass genau das passieren wird. 

Die Sympathie liegt also nicht beim Opfer, sondern beim Täter: Vorzeige-Prolo-Rapper Sido, der sich buchstäblich am Anfang seiner Karriere hinter einer Maske zeigte. Nun liegt auf der Zunge, dass er wohl am jenen Freitag sein wahres Gesicht zeigte. Ein hässliches, gewalttätiges Gesicht, welches nicht nur Heinzi ,wie wir dem „unzensierten Video“ entnehmen können, sondern auch seine tote Mutter beleidigt und daraufhin auch, tja, Gewalt zuführt. „Du bist ein Hurensohn – deine Mutter ist eine Hure", die Sätze klingen nach in den Ohren. Das hat es wohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen vermutlich nicht so oft gegeben. Sido vertraut wohl darauf: „Mama steht hinter mir und ich geh meinen Weg der verläuft zwar schräg, neben der Realität, doch ich weiß Mama hat verstanden, worum es mir geht.“ wie in seinem Song „Mama ist Stolz“ zu entnehmen ist. Mittlerweile hat Sido eingesehen, dass das nicht okay war und hat sich per Twitter entschuldigt. Ich frage mich allerdings,  ob er dies auch bei Heinzi tat. Schließlich beschimpfte er nicht Twitters Mama. Ein Faustschlag soll es gewesen sein, mitten in Heinzis Fresse. Auf dem Video sieht es eher wie ein Schubser aus. Heinzi sollte ihn vorher provoziert und sogar angespuckt haben.

Großer Trubel. Zuerst keine Stellungnahmen der Kontrahenten und des ORFs, und nun zeigt der ORF Gewalt die rote Karte und schmeißt Sido raus. Tatsächlich hat der ORF jedoch eine eigene Art Gewalt zu blockieren. Die Sache ist nun mal einfach die, Sido war bereits vor „Die große Chance“ als Rapper bekannt, der in seinen Songs kein Blatt vor dem Mund nahm. Konservativ und konventionell war ER noch nie. War er doch mit dem „Arschficksong“ berühmt geworden. Warum jetzt der große Aufschrei? Ich möchte ja nicht sagen, dass es klar war, dass das mal passiert. Jedoch finde ich, dass der ORF sich so einfach nicht abputzen kann. Nicht nur, dass sie ihn unter Vertrag genommen haben, sie haben ihm durch die Serie auch nochmal in den Mittelpunkt gestellt und bekannter gemacht. Und wo waren die Eltern der Kinder und die Anderen, als er unter Vertrag genommen wurde? Hätte man da nicht bereits Schritte unternehmen müssen, um den bösen Rapper fernzuhalten? ORF will keine Gewalt im Fernsehen. Jedoch kann Heinzi in Chilli das „unzensierte Video“ von der Szene im Fernsehen am nächsten Tag zeigen und kommentieren? Weiters ist das Video in der Orfthek abrufbar. Das entspricht nicht ganz der Vorstellung eines Senders, der Gewalt verbannen möchte. Oder? Ist es wirklich sinnvoll und die beste Lösung diesen Rapper aus der Sendung und aus seinem Vertrag zu entbinden?

Natürlich, der ORF, wie die Abkürzung schon sagt, ist ein öffentlich-rechtlicher Sender, der Verantwortung hat gegenüber seinen Bürgern und Bürgerinnen. Aber welches Signal setzt das? Du machst einen Fehler, du wirst bestraft und weggeschickt. Dadurch ändert sich nichts. Es ist fast so wie, wenn man einen Kind sagt: Du hast die Tasse kaputt gemacht. Ich will dich nicht mehr. Verlass bitte mein Leben. Ist das recht, ist das vertretbar? Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, die so mit anderen Menschen umgeht und die Bestrafung und "Wegsperren" bevorzugt gegenüber Kommunikation über das Problem? Das ist eine grundsätzliche Frage, die sich wirklich jeder und jede mal stellen sollte. Vor allem ist es eine Frage, die an den ORF gestellt werden sollte. Hat der ORF nicht die Verantwortung und die Verpflichtung uns gegenüber zu zeigen, dass man verzeihen, Vertrauen entwickeln und über Probleme reden kann?

Ja. Natürlich, es ist so in unserer Gesellschaft, das so verfahren wird. Jedoch finde ich, dass es nicht nur die eine große Chance gibt. Das Leben besteht aber nicht aus einer großen Chance, sondern aus vielen kleinen Chancen, die wir uns einander immer wieder geben, eben weil wir darauf hoffen und glauben, dass es mit Investition von Zeit, Mühe, Energie besser wird.

Der Vorfall zeigt uns einerseits, dass wir allesamt Aasgeier sind, die den Vorfall aus allen möglichen Winkeln sehen, möglichst alle Informationen darüber vorliegen haben wollen, darauf brennen was Sido in Twitter schreibt und was Heinzi in Chilli noch so darüber plaudert, und andererseits gibt es uns die Möglichkeit darüber nachzudenken, warum wir eigentlich so sind, und es hoffentlich in einem größeren Kontext sehen und reflektieren lernen. Immerhin.

 

Isolde Walcher

Isolde Walcher | Redakteurin

isolde.walcher (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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