BÜCHERBÖRSE

Viennale: Let the show begin

Viennale-Film: "Student" Bild: Viennale
Viennale-Film: "Student"

Kapitalismuskritik made in Kasachstan

Im Film „Student“ überführt der kasachische Regisseur Darezhan Omirbayev einen Literaturklassiker in unsere Zeit und spart dabei nicht mit fundamentaler Kritik an Staat- und Wirtschaftssystem.

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein introvertierter kasachischer Student, der unter widrigsten Bedingungen sein Dasein am Existenzminimum fristet und gerade noch genug Geld für einen Leib Brot übrig hat. Darüberhinaus macht ihm die offensichtliche Kluft zwischen arm und reich, die in seinem Land herrscht, zunehmend zu schaffen. Auf der Uni wird ihm Sozialdarwinismus und freier Markt geprädigt, im rechtsfreien kasachischen Staat dominieren Oligarchen mit protzigen SUVs. Als der Student schließlich zu einer Schusswaffe kommt, sieht er darin ein Ventil um seiner wachsenden Empörung Luft zu machen. Er erschießt zwei Menschen.

Das Recht des Stärkeren
Regisseur Darezhan Omirbayev folgt in seinem Film im Grunde der Struktur des Dostojewskij-Klassikers „Verbrechen und Strafe“, auch unter „Schuld und Sühne“ bekannt. Im 1866 erschienenen Roman leitet der Protagonist aus vermeintlich geistiger Überlegenheit das Recht ab, einen Mord zu begehen. Omirbayev gelingt es nun, diesen Klassiker über Gewalt und Moral in das heutige post-sowjetische Kasachstan zu überführen. Metaphorisch unterstützt durch Bilder von sich zerfleischenden Tieren, schildert der Regisseur, welche Kräfteverhältnisse in dem Land, in dem seit dem Jahr 1990 der Autokrat Nursultan Nasarbajew an der Macht ist, herrschen: Das Recht des Stärkeren. Die vielleicht eindrucksvollste Szene des Films ist die, in der ein offensichtlich gezwungener Mann verzweifelt versucht, mithilfe seines störrischen Esels einen stecken gebliebenen Geländewagen aus dem Dreck zu ziehen. Als der Versuch scheitert, erschlägt der betuchte Fahrer den Esel mit seinem Golfschläger. Es sind Szenen wie diese, die dem Film eine fast religiöse Allegorie verleihen.

Am Schluss jedoch siegt - wie bei Dostojewskij - die Moral über den Hass. Der Student wird über Umwege dazu überredet, sich zu stellen und wandert letztlich hinter Gitter. Was am Ende bleibt, ist die vage politische Aussage, dass die freie Marktwirtschaft einem Staat wie Kasachstan weder Demokratie noch Wohlstand gebracht hat und dass letztlich Liebe und Menschlichkeit über strukturelle und tatsächliche Gewalt triumphieren.

Stefan Weiss

Stefan Weiss | Freier Journalist

Studiert Politikwissenschaft und Kunstgeschichte an der Uni Wien. Er betreibt einen Blog für Politik, Kunst und Kultur und schreibt für verschiedene Print- und Onlinemedien.

stefan.weiss (ät) unimag.at

 

Webseite: stefanweiss.at
 

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