BÜCHERBÖRSE

Wider Erwarten - Nackt und sehenswert

PIERRE & GILLES, VIVE LA FRANCE, 2006 Foto: Privatsammlung/Private collection, Courtesy Galerie Jérome de Noirmont
PIERRE & GILLES, VIVE LA FRANCE, 2006

Die „nackte männer“-Ausstellung läuft wegen des großen Erfolgs noch bis zum 4. März 2013. Nackte Männer – Grund genug, um sich diese Ausstellung genauer anzuschauen. Ein Erfahrungsbericht.

Als ich das Plakat der Ausstellung mit den drei ansehnlichen, durchtrainierten, nackten Fußballern sah, habe ich mir gedacht, dass ich dort unbedingt hin muss. Dann kamen ja etliche Reaktionen von verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die meinten, sie wären in ihrer religiösen Empfindung gestört, oder es wäre kein passender Platz dieses Bild vor einer Schule aufzuhängen, wo Kinder sind. Dann wurde das Plakat zensiert. Was soviel Furore bereitet, muss natürlich erst recht gesehen werden. Meine Erwartung war groß. Ich dachte mir, wer so hübsche Männer auf das Ausstellungsplakat ablichtet, der hat noch mehr solcher Männer im petto. Vermutlich dachte ich auch an sexy, nackte Männer aus verschiedenen Sportarten, die sich in der Playboy Manier vor der jeweiligen Kulisse räkelten. Was hätte das denn mit Kunst zu tun? Diese Frage stellte ich mir gar nicht, war ich doch so euphorisch in die Ausstellung zu gehen.

Der Tag war gekommen. Ich besuchte die Ausstellung und stellte zu meiner und vermutlich eurer Ernüchterung fest, dass das Bild in meinem Kopf einfach nur bescheuert war, und absolut nichts davon der Vorstellung entsprach. Das tat zuerst etwas im Herzen weh, hatte ich mich doch so auf diese Show gefreut. Wäre ja auch irgendwie komisch gewesen, wenn gerade das Leopold Museum sich für kurze Zeit in ein Sexmuseum verwandeln würde. Wobei viele Bilder, das muss ich wirklich sagen, einerseits verstörten und andererseits doch auch diesen sexuellen Hauch hatten, wenn auch nicht in der Form, wie ich es mir vorstellte. Aber von Anfang an.

Die Ausstellung ist in drei Epochen eingeteilt:

1. Klassizismus und die Kraft der Vernunft

FRANCOIS-LÉON BENOUVILLE, ACHILLS ZORN, 1847 Wie ich in der Ausstellung erfuhr, ist die Epoche gekennzeichnet durch die Emanzipation des Bürgertums und die Neudefinition des nackten männlichen Helden als kulturelles Muster. Es fällt auf, dass sich viele Künstler mit ihren Bildern an die Antike anlehnen. Das Feigenblatt bedeckt das männliche Geschlechtsteil in vielen Bildern, und auch sonst werden Männer so dargestellt wie Statuen. Der Ausdruck in vielen Gesichtern wirkt künstlich und prahlerisch, andere widerum nachdenklich.

EGON SCHIELE, >>PREDIGER<<(SELBSTAKT MIT BLAUGRÜNEM HEMD), 1913 2. Klassische Moderne

In dieser Epoche fand ich heraus, dass die Künstler mit Nacktheit verschiedenartig umgehen, und dass die Kunst auch gesellschaftliche Befindlichkeiten misst. Aha, Okay. Interessant. Was mich bei einem Bild besonders geflasht hatte, war die Tatsache, dass das Bild von badenden nackten Männern nicht nur schön anzusehen war, sondern vor allem auch von Edvard Munch stammt. Ja, genau, das ist dieser Typ, der das Bild „Der Schrei“ gemalt hat, welches in düsterlicher Manier einen Mann oder ein Etwas darstellt, das schwarz angezogen ist und fürchterlich schreit. Und nun, sehe ich hier ein Bild von Munch, das kontrasthältiger gar nicht sein kann. Das ist jedoch schön, wenn ein Künstler mehrere Facetten zeigt. Egon Schiele wird hier als der große Zampano gezeigt, der das Fass zum Überlaufen bringt. Denn er malt nicht die Nacktheit der anderen, sondern er stellt seine eigene Nacktheit ins Zentrum seiner Bilder und radikalisiert damit die Selbstbildnisse der Künstler. Ich muss gestehen, ich mag die Bilder einfach nicht. Dieser Schiele war einfach kein ansehnlicher Mensch, zu dürr, um dann auch noch nackt auf seinen zahlreichen Bildern zu erscheinen.

3. Entwicklungen nach 1945

Louise Bourgeois, Fillette (Sweeter Version), 1968, Abguss 1999   Read more: http://www.unimag.at/TIPPS-SEHENSWERTES/wider-erwarten-nackt-und-sehenswert.html#ixzz2M11DAw3MDer dritte Schwerpunkt hat drei Brennpunkte. Der Erste überraschte mich mit der unkonsequenten Art, doch nackte Frauenbilder zu zeigen, auch wenn diese auf den Kampf der Frauen um ihre rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung im 20. Jahrhundert bezogen sind. Der zweite Brennpunkt beschäftigt sich mit dem Aktbildnis als Feld des Experimentierens, aber auch der Identitätsbefragungen. Wann ist ein Mann, ein Mann? Welches Bild vom Mann gibt es? Und welche Identität hat dieser Mann? Der dritte Brennpunkt untersucht die Verschiebung des Mannes von Subjekt zu Objekt. Der Mann wurde zum erotisch besetzten Objekt. Als ich das las, dachte ich mir, dass es vielleicht doch noch meine Erwartungen treffen würde. Was mich, gott sei dank, nicht traf, war Louise Bourgeois' Abguss, eine Abbildung des männlichen Geschlechtsteils, was dann einfach mal so in einem Raum hing. Ja, genau hing. In dieser Epoche sah ich viele Bilder, die mich an schmierige Websingles-Kandidaten erinnerten, die beim Erst-Kontakt so ein ähnliches Bild schickten. Eine Serie von Fotografien von dem Künstler Tomislav Gotovac hatte mich in den Bann gezogen. Ein hässlicher, kleiner, fetter und natürlich auch nackter Mann mit weißem Bart räkelte sich auf einem blauen Teppich in verschiedenen Posen. Auf den ersten Blick könnte man meinen, man würde den Weihnachtsmann zum ersten Mal nackt sehen. Ich muss schon sagen, einerseits belustigt mich die Serie, weil die Posen einfach nicht für einen alten Mann gemacht sind und weil sein Geschlechtsteil irre klein ist, und auf der anderen Seite verstört es mich auch etwas, weil er einfach alt und nackt ist. Und im gleichen Raum war ein kleines Bild in einem Schaukasten, welches einen Penis mit sehr, sehr vielen Schamhaaren am Sack zeigt. Dieser Penis ist in ein Bierglas gehängt, dass sehr viel Schaum hatte, weiters sieht man die Hand mit Ehering eine Bierflasche haltend in Richtung des Glases. Bei diesem Bild hatte ich sogar die Vorstellung, ob dieses Bild bei Jugendlichen nicht Nachahmungstäter finden würde. Es würde mich auch interessieren, wie es sich anfühlt, wenn sein eigenes Geschlechtsteil im Bier hängt. Andererseits ist es fraglich, ob dass das Anliegen des Künstlers Günter Brus war.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Ausstellung „nackte Männer“ zwar nicht meinen Erwartungen - nackte, junge, und fesche Männer zu sehen -  entsprach. Doch es gelang ihr mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, dass Nacktheit bzw. die Darstellung von Nacktheit generell auch mit der Bildung und Festlegung von Idendität Hand in Hand geht. Viele Bilder warfen bei mir Fragen auf nach den Gründen für die Motive des Künstlers auf, Fragen, die zwar nicht beantwortet wurden, jedoch unter Freunden für Gesprächsstoff und einen heiteren Abend sorgen könnten. Die Ausstellung ist meiner Ansicht nach gelungen, weil sie es schafft Diskussionen anzuregen und Gefühle zu erzeugen. Denn meiner Meinung nach ist es so, dass ein Bild oder eine Fotografie, nur dann Kunst ist, wenn es gewisse Emotionen, sei es Ergriffenheit, Trauer, Ärger, Glücksgefühl oder gar Ekel verursacht. Das Leopoldsmuseum hat es geschafft, Bilder und Fotografien so auszuwählen und kombinieren, die genau das schaffen. Die Tatsache, dass das Ausstellungsplakat der nackten Fußballer noch immer so große Auf-/Erregung in der Bevölkerung verursacht, obwohl wir bereits im 21. Jahrhundert leben, zeigt uns auch, wie rückschrittlich wir sind, wenn es um unser Bewusstsein des nackten Körpers abseits vom Film und Werbung geht. Es wäre wünschenswert, wenn mehr Kulturinstitutionen das Thema „Nacktheit & Gesellschaft“ aufnehmen könnten.

Tickets & Mehr:
Leopoldsmuseum
Museumsquartier/Museumsplatz 1
1070 Wien
http://www.leopoldmuseum.org/ 

Isolde Walcher

Isolde Walcher | Redakteurin

isolde.walcher (ät) unimag.at

bei UNIMAG seit: Mai 2011

 

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